Von Eislingen in den Stuttgarter Westen Itchy, die Punk-Rock-Firma

Von Björn Springorum 

Itchy-Sänger Daniel Friedl liebt den Westen. Am Samstag spielt er mit seiner Band trotzdem mal im LKA. Ein Gespräch mit dem Punksänger auf seinem liebsten Platz im Stadtbezirk – dem Paul-Gerhard-Platz.

Sänger Daniel Friedl (Mitte) mit seiner Band Itchy. 
Sänger Daniel Friedl (Mitte) mit seiner Band Itchy. Foto: PR
Sänger Daniel Friedl (Mitte) mit seiner Band Itchy. Sänger Daniel Friedl (Mitte) mit seiner Band Itchy. Foto: PR

S-West - Unter den öffentlichen Plätzen in Stuttgart ist der Paul-Gerhard-Platz nicht gerade das, was man als en vogue bezeichnet. Da gibt es ja ganz andere Kaliber, allen voran natürlich den Marienplatz mit seiner Hipster-Tunika, den Bismarckplatz mit seiner neu erblühten Gastro-Coolness, gewiss auch den Hölderlinplatz mit seiner Quirligkeit. Es ist jedoch dieses Understatement, das den Paul-Gerhard-Platz am Vogelsang so auszeichnet. Boule, Picknick, Kindergeburtstag: und es geht ja wohl auch mal ohne angesagte Pizzeria oder Craft Beer.

Abseits vom Mainstream: daheim am Paul-Gerhard-Platz

Daniel „Panzer“ Friedl ist vielleicht auch deswegen gern hier. Der Sänger und Bassist der mittlerweile nur noch auf Itchy hörenden Punk-Band (ehemals Itchy Poopzkid, aber selbst Fun Punks müssen sich irgendwann den Sünden der eigenen Jugend stellen) lebt gleich ums Eck, rangelt sich mit Kids und Pfarrern um die Tischtennisplatte, hängt mit einem Bier auf der Bank ab. Kurz: Der Paul-Gerhard-Platz ist sein erweiterter Vorgarten, wenn er mal nicht auf Tournee ist. Das ist er mit seinen beiden Bandkollegen Sebastian Hafner und Maximilian Zimmer aber eben ziemlich oft. Seit 2000 haben sie rund 1000 Konzerte gespielt, gerade fahren sie wieder kreuz und quer durch die Republik. Neben Festivals eröffnen sie Konzerte für die Punkrock-Professoren von Bad Religion, am 18. Juli zum Beispiel im LKA/Longhorn – dem selbsterklärten Lieblingsladen der Band, ein „legendärer Schuppen“, wie Friedl oft und gern erwähnt.

Obwohl er aus Eislingen/ Fils stammt und der Rest der Band nebst Proberaum noch immer dort zu finden ist, hat sich der 35-Jährige immer eher als Stuttgarter gesehen. Gut, als Eislinger will man sich als junger Mann vielleicht eh nicht sehen, bei Friedl hat das aber andere Gründe. „Der Großteil meines Freundeskreises kommt von hier, ich bin eine Zeit lang täglich von Eislingen nach Stuttgart gefahren“, erzählt er. „Ich könnte mir keine andere Stadt als mein Zuhause vorstellen, für mich ist Stuttgart perfekt. Punkt. Ich meine“, fügt er nach kurzer Bedenkzeit an, „Berlin ist cool zum Weggehen, aber nicht zum Leben. Außerdem gibt es da eh schon zu viele Schwaben.“

Bei dem Punk-Sänger klingelt der Wecker morgens um acht

Lieber haben sich die drei im Süden ein kleines Punk-Rock-Business aufgebaut, seit sage und schreibe zwölf Jahren leben sie von ihrer Musik. „Das ist natürlich eine gewaltige Luxussituation“, bekennt der Sänger, „aber natürlich tun wir eine Menge dafür. Der Wecker klingelt um acht, dann wird für die Band gearbeitet. Itchy ist unsere größte Leidenschaft, aber eben auch eine kleine Firma, die wir selbst aufgebaut haben.“ Weckerklingeln, Kaffee und Rock `n` Roll? Für Itchy kein Problem. Sie wissen, was sie wollen, zeigen sich auf ihrem neuen Album „All We Know“ von einer dezidiert reiferen und dunkleren Seite. Mit dem Poopzkid, so scheint es, ist der Fun Punk abgeschafft worden. Steht ihnen gut, sitzt, passt – und gehört definitiv zum Besten, was die hiesige Alternative-Rock-Szene dieses Jahr hervorgebracht hat. „Die Songs sind ein Spiegel der verrückten und total komplizierten Zeiten, in denen wir leben,“ sagt Friedl. „Es gibt kein Schwarz und kein Weiß, alles liegt irgendwo dazwischen. Es ist deswegen umso wichtiger, dass man sich sorgfältig informiert, dass man den Mund aufmacht und für das auf die Straße geht, was man schützen will.“

Schützen wollen Itchy so einiges. Dazu gehören nicht nur die großen gesellschaftlichen Themen. Sondern auch Dinge wie Schallplattenläden. Besonders am Herzen liegt Friedl da natürlich der Cheap-Trash-Laden im Westen, erst kürzlich haben sie dort ein Video gedreht und Lieblingsplatten vorgestellt:

Er ist eben mit Haut und Haar diesem Stadtteil verfallen. Friedl schaut VfB-Auswärtsspiele konsequent nur in einem Laden: „Das Sutsche ist die Fußballkneipe meines Vertrauens.“ Obwohl er dort wohl nicht immer angenehme zwei Stunden verbracht hat.

Noch lieber geht er natürlich ins Stadion, möchte als glühender Fan eines Tages am allerliebsten mal auf diesem heiligen Rasen spielen, den er nach dem letzten Heimspiel begeistert gestürmt hat. Bis es soweit ist, wird es eben wieder das LKA. Und irgendwie passt das ja immer noch besser zu einer Band, die den Punk in den Venen und das Bier in der Hand hat.

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