Von Erdmannshausen nach Cannes Filmemacher Louis Wick an der Côte d’Azur

Von Thomas Morawitzky 

Der junge Filmemacher Louis Wick kommt aus Erdmannshausen bei Marbach, hat sein Studium in Ludwigsburg noch nicht begonnen und reist mit seinem zweiten Kurzfilm zum Filmfestival in Cannes.

Szene aus „Nachtschwärmer“ Foto: Wickinger Film
Szene aus „Nachtschwärmer“ Foto: Wickinger Film

Cannes - Am Sonntag fahren sie nach Cannes. Louis Wick und Lucas Maibaum haben ihr Studium an der Filmakademie Ludwigsburg noch nicht begonnen – und doch wurden sie schon an die Côte d’Azur eingeladen. „Eine gute Mischung aus Spannung und kindlicher Aufgeregtheit ist das“, sagt Louis Wick, bevor er sich auf die Reise macht. „Mit einem eigenen Film auf einem Festival von Weltrang zu sein, das ist eine tolle Chance, Filmemacher aus aller Welt kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.“

Netzwerke, viele Kontakte, auch die Unterstützung des Filmbüros Baden-Württemberg ermöglichten es Louis Wick, „Nachtschwärmer“ zu drehen, seinen zweiten kurzen Spielfilm. Wick führte Regie, produzierte; Lucas Maibaum war Kameramann. Anderthalb Jahre hatte Wick an seiner Idee gefeilt, neun Drehbuchvarianten niedergeschrieben; zwei von ihnen arbeitete er schließlich aus, gemeinsam mit Torben Hensel, einem jungen Autor aus Bietigheim. In drei Tagen im Januar 2017 entstand der Film. Gedreht wurde an Locations in Bad Cannstatt und Steinheim an der Murr - ein Loft hier, eine Industriehalle dort. Rund 40 Personen waren an der Produktion beteiligt, arbeiteten gegen Aufwandsentschädigung: junge Schauspieler, Filmschaffende aus der Region. Für sie alle wird „Nachtschwärmer“ nun eine Visitenkarte sein.

Mit 17 gründete Louis Wick seine eigene Firma Wickinger Film

Louis Wick ist zwanzig Jahre alt. Vor drei Jahren, wenige Monate nach seinem Abitur, drehte er seinen ersten Kurzfilm „Nebelbilder“. Zugleich gründete er, gemeinsam mit seinem Vater, einem Steuerberater, die Firma Wickinger Film. Mit im Boot ist der Münchner Cutter Kevin Gloor-Ocker. „Wir haben uns in der jungen Filmszene kennengelernt“, sagt Louis Wick. „Nebelbilder“ erzählt von einem Mädchen, das den Tod seines Freundes nicht verkraftet, und wurde mit dem Jugendfilmpreis der baden-württembergischen Filmschau ausgezeichnet. Rund zwanzig Projekte hat Wickinger Film seither realisiert, darunter Imagefilme für mittelständische Unternehmen, für die Stadt Stuttgart, das Ministerium für Umwelt.

Für Louis Wick war die Gründung einer Firma ganz einfach der nächste Schritt auf einem sehr geraden Weg. Dass er zum Film wollte, wusste er schon als Teenager. In Ludwigsburger Theatergruppen hatte er Bühnenerfahrung gesammelt, aber „beim Theater“, sagt er, „fehlte mir immer der Realismus“. Beim Film fand er ihn: „Mit sechzehn hatte ich mir eine Kamera gekauft, ganz das Klischee.“

„Nachtschwärmer“ sicherte dem Filmemacher einen Studienplatz in Ludwigsburg

Die eigene Firma ermöglichte Louis Wick, sein Netzwerk auszubauen, Kontakte zu Technikverleihen und Agenturen zu knüpfen. „Nachtschwärmer“ brachte ihm nun nicht nur die Einladung nach Cannes, der Kurzfilm sicherte ihm auch einen Studienplatz an der Filmakademie Ludwigsburg, wo er vom Wintersemester 2017 an viereinhalb Jahre lang Filmproduktion studieren wird. Der Kameramann Lucas Maibaum hat einen eigenen Bewerbungsfilm für die Akademie soeben fertiggestellt und wartet noch auf die Entscheidung. Als Aufnahmeleiter und Regieassistent war er bereits an mehreren Projekten der Filmakademie beteiligt. Mit „Nachtschwärmer“ hat Wick sich nun bei allen wichtigen Filmfestivals beworben, auch hier stehen viele Entscheidungen noch aus. Ein Kurzfilmfestival in New York lehnte ab, aber die Zusage, die Ende März aus Cannes kam, wiegt für den jungen Filmemacher viel mehr.

Louis Wick ist nicht der einzige Newcomer aus Baden-Württemberg, der seinen Weg in die Filmszene so konsequent geradlinig geht. Roman Högerle, Programmleiter des Jugendfilmpreises im Stuttgarter Filmbüro, spricht von einer jungen Stuttgarter Filmszene, zu der rund 35 Akteure gehören, und die noch wächst: „Regelmäßig kommen hoch qualifizierte Einsteiger dazu, denen man in technischer Hinsicht nicht mehr viel beibringen kann.“ Allein den Jugendfilmpreis Baden-Württemberg erreichen jährlich mehr als einhundert Bewerbungen – schulische, aber auch eigenständig entwickelte Projekte. Der „Filmpuls“, ein monatlicher Treff jugendlicher Filmemacher in Stuttgart, spielt eine wichtige Rolle. Die Technik ist verfügbarer, der Zugang zum Film einfacher geworden, zugleich wachsen aber auch die Konkurrenz und die Gefahr der Beliebigkeit. Die jungen Filmemacher suchen den Kontakt, die Vernetzung, und alle stellen sich, wie Louis Wick, früh schon die Frage: „Wie können wir uns professionalisieren und noch besser werden?“ Stuttgart mit seiner ausgeprägten Wirtschaftsstruktur und seiner noch überschaubaren Kreativszene besitzt für sie einen Standortvorteil. „Nicht alle“, sagt Roman Högerle, „müssen nach Berlin gehen.“