Vorarbeiten für Stuttgart 21 Ein Wettlauf gegen das Winterwetter

Michael Petersen, 03.12.2012 10:44 Uhr

Folien und Scheiben aus Acryl im Bahnsteigdach des Stuttgarter Hauptbahnhofs sollen in Zukunft Fahrgäste vor Wind und Wetter schützen. Doch dass diese Provisorien rechtzeitig vor dem ersten heftigen Wintereinbruch eingebaut sind, erscheint eher unwahrscheinlich. Aktuell sehen sich viele Reisende im alten Hauptbahnhof jedem Wetter recht schutzlos ausgesetzt. Nach dem Abbruch von Nord- und Südflügel zieht es nicht nur kräftig, Starkwinde haben seither einen ganz direkten Zugriff auf die Dachkonstruktion. Schon vor Wochen hat die Bahn reagiert: Der Blick von den Bahnsteigen aus nach oben zeigt, dass vorsorglich alle Fensterscheiben ausgebaut worden sind. „Eine Vorsichtsmaßnahme, damit Erschütterungen und Schwingungen während der Bauarbeiten die Glasscheiben nicht beschädigen“, erklärt das Kommunikationsbüro von Stuttgart 21.

Bereits die ersten leichten Schneefälle Ende Oktober haben gezeigt, dass die Bahnsteige des Hauptbahnhofs genauso wie auch das Empfangsgebäude derzeit alles andere als winterfest sind. Auf den Bahnsteigen hatten sich Pfützen gebildet. Die liegen allesamt höher als die Empfangshalle, dorthinein hat sich Wasser den Weg gebahnt.

Es drohen vereiste Bahnsteige

Wenn der Witterungsschutz nicht gründlich gelingt, dürfte bei starkem Frost die Bildung von Glatteis auf den Bahnsteigen und womöglich sogar im alten Bahnhofgebäude selbst nur durch sehr viel Streusalz zu verhindern sein – und dies mit unangenehmen Begleiterscheinungen vom Schmutz bis zu nassen Schuhen.

Die Bahn möchte anstelle der ausgebauten Vertikalglasscheiben leichte und erschütterungsunempfindliche Materialien einsetzen, um den Reisenden wieder den ursprüngliche Witterungsschutz zu bieten. „Aus diesem Grund hat die DB in den vergangenen Tagen im Bereich von Gleis eins die infrage kommende Folien- sowie Acrylsorten auf ihre Eignung getestet“, sagt ein Sprecher des Kommunikationsbüros. Testergebnis: an dem Teil der Gleishallendächer, der während des Baus von Stuttgart 21 über den Bahnsteigen verbleibt, wird Acryl verwendet, Folien an dem Abschnitt, der abgerissen werden soll. „Die Kunststoffmaterialien sind aus Sicht der DB geeignet und entsprechen den bundesweit gültigen, Bahn-internen Richtlinien für Brandschutz in den Bahnhöfen“, wird erklärt. Was stehen bleibt und was abgerissen wird, ist vom Turm des Bonatz-Baus aus zu erkennen. Auf dem Dach quer zu den Gleisen sind weiße Markierungen zu sehen.

Der größte Teil des Bahnsteigdachs wird abgerissen

Der hintere Teil in Blickrichtung Cannstatt wird stehen bleiben bis zur Einweihung des neuen Tiefbahnhofs. Um Platz für die Baugrube von Stuttgart 21 zu schaffen, wird der größere Teil des alten Bahnhofdaches abgerissen, und zwar direkt am Empfangsgebäude. Die kleinen Gastronomiebetriebe müssen verkleinert werden und können nur noch von der Halle aus betreten werden. Die Züge halten auf der anderen Seite der Baugrube. Vier Möglichkeiten wird es geben, um die um 120 Meter verschobenen Bahnsteige zu erreichen: Zwei zehn Meter breite und hundert Meter lange Stege sollen über die Baugrube zu einem neuen Querbahnsteig führen. Hinzu kommen zwei Zugangsmöglichkeiten aus dem Schlossgarten und aus der Richtung des Gebäudes der LBBW.

Noch kann mit dem Abriss des alten Daches freilich nicht begonnen werden. Und zwar deswegen, weil bisher nur der Prellbock von Gleis eins nach hinten verlegt worden ist. Der Umbau der anderen 15 Gleise hätte laut eines ursprünglichen Terminkonzepts bereits im April 2012 abgeschlossen sein sollen. Geplant wird der Umbau in mehreren Abschnitten, in den Protokollen einer Bahn-internen Arbeitsgruppe ist vom „Oberbauzustand 60 und 61“ die Rede. Danach werden jeweils zwei Gleise gleichzeitig für 14 Tage gesperrt und ihre Enden samt den Prellböcken verlegt. Insgesamt werden bis zum Abschluss der Arbeiten rund vier Monate vergehen.

Zeitverzug wegen der Unfälle auf Gleis 10?

Ob die Verzögerung mit den Zugentgleisungen von Sommer und der dadurch erfolgten Sperrung von Gleis 10 zu tun hat, wird widersprüchlich gesehen. „Wir sehen keinen Zusammenhang mit dem Bescheid des Eisenbahn-Bundesamtes, durch den bis auf Weiteres der Fahrweg, in dem die Entgleisungen passierten, für Zugfahrten gesperrt ist“, sagt das Kommunikationsbüro. Aus den erwähnten Bahn-internen Protokollen lässt sich dagegen ableiten, dass die Arbeiten erst dann angemeldet werden können, wenn Gleis 10 wieder in Betrieb ist. Wann das geschieht, ist offen. Die Deutsche Bahn jedenfalls hat kürzlich Verkehrsminister Winfried Hermann mitgeteilt, dass „die Zugstraße nach Gleis 10 über die Weiche 227, an der der Unfall passiert ist, und zwei weiteren Weichen der gleichen Bauart bis auf Weiteres aufgrund einer Anordnung des Eisenbahn-Bundesamtes nicht befahren werden“ kann. Die Bahn muss dem Bundesamt gegenüber nachweisen, dass nach den Reparaturarbeiten ein sicherer Betrieb möglich ist. „Das kann dauern, weil der Nachweis gar nicht so einfach möglich ist“, erklärt ein ranghoher Mitarbeiter des Bahn-Konzerns. So bleiben alle Prognosen über die nächsten Schritte vage. Das Kommunikationsbüro erklärt zum Zeitplan, dass der Querbahnsteig zu den bis dahin verschobenen Bahnsteigen „im ersten Halbjahr 2013“ fertig gestellt werde.

Bereits Anfang November sollten die Stabilisierungsarbeiten an der bestehenden Dachkonstruktion abgeschlossen sein. Worum es sich handelt, lässt sich an den vielen Betonklötzen an den Gleisen 8 und 9 bereits gut erkennen. Für weitere Arbeiten sind wiederum Gleissperrungen notwendig. Um den bereits eingeschränkten Bahnbetrieb nicht zusätzlich stark zu belasten, wurde das Programm entzerrt. Nun soll das Dach binnen der nächsten beiden Wochen stabilisiert sein. „Es wird geprüft, ob nach Einbau der Stützblöcke in Gleis 8 der Windgrenzwert angehoben werden kann“, heißt es in einem Protokoll zum Bahnhofsmanagement. Die Verstärkungen sind darüber hinaus erforderlich, um die notwendige Trennung und den späteren Abbruch des vorderen Dachteils möglich zu machen.

Eines gilt unabhängig von Wind und Wetter: alle Bahn-Kunden müssen während der ganzen Bauzeit von Stuttgart 21 zu Fuß 120 Meter mehr zum Empfangsgebäude und zur S-Bahn zurücklegen als heute.