Vorlesungen Profs folgen Studis ins Web 2.0

Von Sören Stange 

Ein bisschen Hochschulluft kann jeder schnuppern: Immer mehr Dozenten richten sich mit Vorlesungen im Podcast-Format an ein gemischtes Publikum.

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Stuttgart - „Lieber Prof, Sie sprechen ständig von ‚Abstraktion‘, aber was bedeutet das Wort?“ Christian Spannagel, Professor für Mathematikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, erklärt es: Aus verschiedenen Erfahrungen kann man manchmal eine zugrunde liegende Regel ableiten. Nachzulesen ist dieser Minidialog im Kommentarbereich der Videoplattform Youtube. Spannagel hat dort viele seiner Vorlesungen publiziert. Dort kann man zum Beispiel erfahren, wie es einem mathematischen Hotelier gelingt, in unendlich vielen Zimmern, die bereits von unendlich vielen Gästen belegt sind, noch weitere unendlich viele Gäste unterzubringen. Zudem beantwortet Spannagel Fragen von Studenten und anderen Interessierten – etwa die Frage nach dem Begriff der Abstraktion, die ihm ein Schüler gestellt hat.

Spannagel ist in seinem Bemühen nicht allein. Immer mehr Wissenschaftler stellen Videos ihrer Vorlesungen ins Netz. Die   Universität Freiburg bietet unter www.podcasts.uni-freiburg.de gleich eine ganze Auswahl aus allen Fakultäten an. Ein paar Klicks – und schon ist man virtueller Gasthörer in Geschichte, Soziologie oder Physik. „Eine Chance liegt darin, Studierenden gerade in Zeiten der Bologna-Reform wieder ein interdisziplinäres und interessengeleitetes Studium zu ermöglichen“, erklärt Jan Torge Claussen, an der Universität Hamburg zuständig für das Portal Lecture2Go (Vorlesung zum Mitnehmen). Mit der Bologna-Reform sind in den vergangenen Jahren die meisten Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt worden. Da die Studienpläne nun verstärkt festgelegt sind, klagen viele, es sei schwieriger geworden, in Fachfremdes hineinzuhören.

„Interessante Vorlesung. Und ich hasse Mathe!“

Das Angebot möchte Abhilfe schaffen, indem es an Gewohnheiten der Studenten anknüpft. Es macht sich zunutze, dass im Studium „eine differenzierte und intensive Verwendung“ des interaktiven Internets zum Normalfall geworden ist. So wird es in einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) formuliert. Mit anderen Worten: die Professoren gehen ins sogenannte Web 2.0, in dem ihre Studenten längst heimisch sind.

Die Videos richten sich aber nicht nur an Studenten, sondern auch an die außeruniversitäre Öffentlichkeit. „Breitere Bevölkerungsgruppen sollen durch die Web-2.0-Kultur für die Fragen und Erkenntnisse der Wissenschaft gewonnen werden“, sagt Caroline Robertson-von Trotha vom KIT. Dass sich ein Schüler im Internet Vorlesungen von Christian Spannagel anschaut, bestätigt den Erfolg dieser Strategie im Einzelfall. Überhaupt scheinen Spannagels Videos ein gemischtes Publikum zu erreichen. Im Kommentarbereich der Vorlesungen werden einerseits mathematikhistorische Detailfragen diskutiert, andererseits finden sich dort launige Mitteilungen wie: „Interessante Vorlesung. Und ich hasse Mathe!“

Vergleicht man die Zugriffszahlen – es sind einige Tausend Aufrufe pro Vorlesung – mit denjenigen der populärsten Webvideos, wird gleichwohl deutlich: Gasthören im Internet ist bisher alles andere als ein Massenphänomen. Um Popularisierung allein geht es Spannagel auch nicht. Er ist ein Vertreter der sogenannten öffentlichen Wissenschaft: „Öffentliche Wissenschaft bedeutet, dass man nicht nur seine ‚Wissenschaftsprodukte‘ veröffentlicht, sondern bereits im Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion erste Konzepte und Ideen online stellt und mit anderen diskutiert.“ Um dieses Ideal zu verwirklichen, betreibt Spannagel zusätzlich auch ein Internetblog.

Robertson-von Trotha sieht in einer solchen „öffentlichen Teilhabe an der Forschung ein unschätzbares Potenzial“, warnt aber auch vor den „Gefahren der Unwägbarkeit“. Wer online Einfälle zur Diskussion stellt, kann nicht ausschließen, dass Ideen geklaut werden. Wie real diese Gefahr ist, bleibt indes unklar. Bekannt geworden sind bisher nur Erfolge der öffentlichen Wissenschaft. Zum Beispiel der der niederländischen Biologielehrerin Hanny van Arkel. Sie beteiligte sich vor einigen Jahren auf www.galaxyzoo.org an einem astronomischen Forschungsvorhaben. Dabei entdeckte sie auf Bildern des Hubble-Teleskops einen unbekannten Himmelskörper. Er erhielt den Namen „Hannys Objekt“.

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