Vortrag in Bad Cannstatt Die syrische Tragödie

Von Uli Meyer 

Im Stadtarchiv ist über die Zukunft der kriegszerstörten Stadt Aleppo diskutiert worden.

Das Leid der Menschen in Aleppo wird immer schlimmer Foto: dpa
Das Leid der Menschen in Aleppo wird immer schlimmer Foto: dpa

Bad Cannstatt - Ist es der pure Zynismus, an die städtebauliche Zukunft eines Ortes zu denken, wenn es für dessen verbliebene Bewohner inzwischen nur noch ums nackte Überleben geht? „Es fällt schwer, jetzt vom Wiederaufbau von Aleppo zu sprechen, wenn die Menschen dort dem aktuellen Bombenhagel ausgesetzt sind“, sagte Roland Müller dann auch zu Beginn der Veranstaltung im Stadtarchiv Stuttgart. Müller, Hausherr und Direktor des Archivs, brauchte den rund 50 anwesenden Zuhörern die Zusammenhänge nicht näher erläutern. Die meisten hatten bereits die ersten beiden Abende der Gesprächsreihe „Die syrische Tragödie – Zerstörung einer Weltkultur“ besucht.

Nach „Das Aleppo-Archiv – Wie wichtig ist Erinnern?“ und „Syrien verstehen – Zur Zukunft einer Region“ ging es im abschließenden dritten Teil der in Kooperation mit dem Stuttgarter Verein „Freunde der Altstadt von Aleppo“ und dem Institut für Auslandsbeziehungen organisierten Veranstaltung nun also um die Zukunft der mit einst über zwei Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Syriens. Seit 2012 tobt in Aleppo so heftig wie in keiner anderen Stadt der Bürgerkrieg. Zahlreiche Viertel auch der Altstadt, 1986 in die Unesco-Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen, sind inzwischen vollkommen zerstört.

Entlang des Arbeitstitels „Der Wiederaufbau Europas nach 1945 – ein Modell für Aleppo?“ tauschten mit Jörn Düwel und Stefano Bianci zwei Fachleute Argumente und Einschätzungen aus. Moderiert wurde das Gespräch wie schon an den ersten beiden Abenden von Jörg Armbruster, dem langjährigen ARD-Korrespondenten für den Nahen und Mittleren Osten.

Was hat Assad mit Aleppo vor?

Ein fundamental anderes Verständnis von Stadtleben, vor allem in einer Altstadt, sowie die gesellschaftliche und politische Situation stellten beide Experten als die größten Unterschiede im Vergleich zwischen Europa am Ende des Zweiten Weltkriegs und der Lage in Syrien fest. Ging es nach Ansicht des Hamburger Architekturhistorikers Düwel hierzulande damals um den „Wunsch, die Innenstädte neu zu gestalten“ und die „Verdrängung des Wohnens aus der Altstadt“, so könne dies für Aleppo kein Maßstab sein. Die im Vergleich zu europäischen Stadtzentren mit 350 Hektar riesige Altstadt Aleppos beherbergte noch vor zehn Jahren knapp 120 000 Menschen. „Aleppo war immer eine sehr kosmopolitische Stadt. Der Zustand vor 2012 wird nie wieder herzustellen sein“, ist sich Bianca, Architekt und Autor mehrerer Bücher zur islamischen Architektur, sicher.

Düwel und Bianca waren sich einig in ihrer Einschätzung, dass die Zukunft von Aleppo wohl kaum vom Austausch verschiedener Meinungen oder eines gesellschaftlichen Konsenses abhängt. „Nach jahrzehntelang ausgeübtem totalitären System in Syrien gibt es dort nicht die geringsten Anzeichen von Partizipation“, sagt Bianca. So bleibt die große Frage, was der dank russischer Hilfe wiedererstarkte Staatschef Assad mit Aleppo vorhat.

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