Vorwahlen der Sozialdemokraten Er will Italien regieren

Paul Kreiner, 25.11.2012 09:23 Uhr

Florenz - Dieser Mann steht unter Strom. Stillsitzen kann der nicht. Matteo Renzi ist jung, 37 Jahre erst, aber „schaukeln und Karussell fahren“ will er nicht länger. Er will Italien regieren, Italien verändern. Die anderen, die Alten, die schon allzu lange in Parlament und Regierung sitzen, sagt er, „sie haben ihre Chance gehabt. Sie sind gescheitert. Jetzt sind wir dran.“ Und Barack Obama hatte seinen jüngsten Slogan kaum erfunden, da hatte ihn Matteo Renzi schon auf seine Fahnen geschrieben: „Das Beste kommt jetzt erst!“

Wie sein großes Vorbild springt Matteo Renzi wieder mal im Laufschritt auf die Bühne, mit langen Beinen, leichtfüßig, im weißen, taillierten Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. So hat er es an hundertelf Orten gemacht in den vergangenen drei Monaten, in denen er per Wohnmobil durch ganz Italien zog, so macht er es zum Abschluss – vor zweitausend Leuten – in der Leopolda, einer ausrangierten Bahnhofshalle in seiner Heimatstadt Florenz.

„Viva l’Italia viva!“ heißt Renzis Wahlkampfmotto: „Hoch lebe das lebendige Italien.“ Und wer – wie das Establishment seiner Partei – meint, das Ganze, dieses amerikanisierte Showwesen, sei doch ein bisschen viel Aufwand dafür, dass es noch längst nicht um die Regierung des Landes, sondern im Moment „nur“ um die parteiinterne Spitzenkandidatur bei Italiens Sozialdemokraten gehe, der greift zu kurz.

Sein Hauptgegner ist Silvio Berlusconi

Derjenige, den das Parteivolk der „Partito Democratico“ (PD) am Sonntag kürt, wird allen Umfragen nach im Frühjahr auch Italien regieren; ein Sieg Renzis würde die ganze politische Landschaft umkrempeln. Renzi weiß das. Der Hauptgegner, der ihn bewundert, ihn wegen seiner Jugend beneidet und seiner Volksnähe wegen fürchtet, der weiß das auch: Silvio Berlusconi. Vor allem aber wissen das der 61-jährige Pier Luigi Bersani, Renzis Parteichef, und um ihn herum die ergraute Führungsriege der Sozialdemokraten.

Sie mögen ihn nicht, den Jungen, der seit zwei Jahren so ungestüm die „Verschrottung“ des linken Establishments verlangt. „Mit den immer gleichen Gesichtern kriegen wir keine Wende für Italien hin“, ruft Renzi in die langgestreckte Bahnhofshalle hinein. Zwanzig Jahre lang seien die Alten – als unentschlossene Opposition, als zögerliche, im Dauerstreit nur kurzlebige Regierung – in den Berlusconismus „verwickelt gewesen“, rauschender Applaus. „Ich will nicht werden wie sie!“ Ein paar Stunden später, von Bersanis eigener Abschlusskundgebung in Bari, kommt als Echo zurück: „Ja, aber politische Erfahrung ist auch wichtig!“

Renzi trifft sich auch mit Börsenmaklern und Bankern

PD-Chef Bersani stammt aus der verflossenen Kommunistischen Partei; das Denken in der Logik des Apparats und die Sprache dazu hat er sich bewahrt. Gegen Renzi giftet er, weil dieser sich mal – um sich auch in einer parteifremden Welt vorzustellen – mit Mailänder Bankern und Börsenmaklern getroffen hat und weil zu Renzis Unterstützern ein Finanzmanager gehört, der einen Fonds in der Karibik verwaltet.

„Ich lasse mir nichts sagen von einem, der seine Basis auf den Cayman-Inseln hat“, zischte Bersani. Da klang, in italienischen Ohren, eine bittere Beschuldigung mit. „Der Kaiman“ – spätestens seit Nanni Morettis gleichnamigem Film ist das Silvio Berlusconi. Matteo Renzi in Berlusconis Nähe zu bringen bedeutet, ihn des Hochverrats anzuklagen. Lag ja nicht ferne, schließlich war Renzi, der keine Berührungsängste hat und Ideologien nicht akzeptiert, mal bei Berlusconi zum Abendessen. 1999 erst ist Matteo Renzi in die Politik eingetreten, frisch aus der katholischen Pfadfinderschaft und vom Jurastudium herkommend. Fast aus dem Stand wurde er in der Provinz Florenz zum Landrat gewählt und 2009 zum Oberbürgermeister.