Wachsende Konkurrenz im Ludwigsburger Einzelhandel Shopping: Die Anfangseuphorie ist verflogen

Von  

Das neue Marstall, Breuninger, Wilhelmgalerie – die Zweifel wachsen, dass Ludwigsburg dauerhaft genug Kunden für gleich drei Einkaufszentren anlocken kann. Die ersten Einzelhändler klagen bereits über einen existenzbedrohenden Konkurrenzkampf.

Die Marstall-Ladenpassagen wurden für viel Geld modernisiert – nicht jeder ist glücklich darüber. Foto: factum/Weise
Die Marstall-Ladenpassagen wurden für viel Geld modernisiert – nicht jeder ist glücklich darüber. Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Manchmal lohnt es sich, auf Kleinigkeiten zu achten. Sie sei „sehr zufrieden“, sagte Anne Marschner, als sie Mitte Januar nach der Entwicklung des Marstalls in Ludwigsburg gefragt wurde. Marschner ist die Managerin des Einkaufszentrum, das Ende September 2015 nach einer rund 100 Millionen Euro teuren Sanierung wieder eröffnet worden ist. Anfangs strömten die Massen in die Ladenpassagen, allein in der ersten Woche wurden 200 000 Besucher gezählt, in den Monaten danach waren es an Werktagen im Schnitt rund 18 000, an Samstagen manchmal mehr als 30 000. Wer Marschner heute die gleiche Frage stellt, bekommt eine ähnliche Antwort, aber eben nur eine ähnliche. „Wir sind zufrieden“, sagt sie.

Nun mag der Verzicht auf das kleine Wörtchen „sehr“ eine semantische Feinheit sein, aber die Kundenfrequenz ist im Marstall zuletzt spürbar zurückgegangen. Der Schnitt liegt seit Anfang 2016 bei rund 13 000 Besuchern pro Werktag, an Samstagen bei etwas mehr als 20 000. „Die Anfangseuphorie ist weg“, erzählt die Leiterin einer Modefiliale. Das sei zwar nicht ungewöhnlich, aber: „Gerade unter der Woche könnten es schon ein paar mehr Kunden sein.“

Vor allem an Werktagen fehlen die Kunden

Da würde nicht einmal Marschner wiedersprechen. Mit den aktuellen Zahlen liege man im „erwarteten Bereich“, sagt sie, aber unter der Prämisse, dass diese vor allem unter der Woche noch gesteigert werden können. Die starke Fokussierung der Kunden auf den Samstag sei überraschend. „In dieser Ausprägung hätten wir das nicht erwartet, weil wir als Innenstadtcenter auch für die Nahversorgung eine große Rolle spielen.“

Ob die Marstall-Zahlen gut oder schlecht sind, lässt sich kaum sagen. Das mit 25 000 Quadratmetern ähnlich große Gerber in Stuttgart kommt nach eigenen Angaben auf 20 000 bis 25 000 Kunden pro Tag, dennoch sind dort offenbar einige Ladenbetreiber unzufrieden. „Nicht allein die Frequenz ist entscheidend“, sagt ein Einzelhändler im Marstall. „Die Leute müssen auch Geld ausgeben.“ Anders als das Gerber hat das Marstall bislang keine Mieter verloren, und Kritik am Management ist ebenfalls nicht zu hören. „Es braucht vielleicht etwas Zeit, bis wieder in den Köpfen verankert ist, dass man jetzt in der Ludwigsburger Innenstadt shoppen kann und dafür nicht nach Stuttgart fahren muss“, sagt der Mann.

Ganz fair ist der Satz nicht, immerhin gab es auch vor der Marstall-Neueröffnung ein Einkaufszentrum in der City, aber die Wilhelmgalerie in der Nachbarschaft ist eben rund 10 000 Quadratmeter kleiner als das Marstall. Die zwei Konkurrenten haben stets betont, dass sie auch ein gemeinsames Ziel verfolgen: sich gegen Stuttgart zu behaupten.

War die Revitalisierung des Marstalls ein Fehler?

Allerdings können die Kunden jeden Euro nur einmal ausgeben, und die Zweifel, dass die Ludwigsburger Innenstadt potent genug ist für zwei Einkaufszentren, sind nicht neu. Jetzt werden sie lauter. Es sei ein „dummer Schachzug“ der Stadt gewesen, die Revitalisierung des Marstalls anzustoßen, klagt Nebil Parali, der Inhaber eines Schmuck- und Uhrenladens in der Wilhelmgalerie. Er spüre seit September einen deutlichen Umsatzrückgang, mittlerweile sie die Situation existenzbedrohend. „Ich gehe davon aus, dass langfristig nur ein Einkaufszentrum überleben wird.“ Dies sähen auch andere Ladenbetreiber so, und es sei ja offensichtlich, dass viel weniger Menschen durch die Galerie bummeln. „Das ist ein großes Thema im Haus.“

Es gibt indes auch anderslautende Stimmen. Die meisten Einzelhändler äußern sich nur anonym, manche schließen sich der Kritik an, andere betonen, sie verzeichneten keinerlei Einbußen. Der Friseurladen im oberen Stockwerk zog unlängst gar in größere Räume um. „Das hätten wir nicht gemacht, wenn wir unzufrieden wären“, sagt die Salonleiterin.

Die Nachfrage nach Einzelhandelsflächen ist weiterhin hoch

Das Management der Wilhelmgalerie nennt keine Zahlen – ebenso wie das Breuningerland, mit 39 000 Quadratmetern die größte der drei Malls in Ludwigsburg. Der Breuningerland-Manager Torsten Keller räumt jedoch ein, dass die neue Konkurrenz – Milaneo und Gerber, Marstall, der erstarkende Onlinehandel – deutlich spürbar sei. Das Breuningerland will darauf reagieren und auf der Grünen Wiese noch mehr Verkaufsfläche schaffen, die Verhandlungen mit der Stadt laufen noch. Mündet das Ganze in einen Teufelskreis? Endet der härter werdende Kampf um Kunden irgendwann im großen Einzelhandelssterben?

Frank Steinert ist optimistisch, dass das nicht passieren wird. Der städtische Wirtschaftsförderer sieht das größte Gefahrenpotenzial für den stationären Einzelhandel nicht in der wachsenden Konkurrenz untereinander, sondern in den massiven Zuwachsraten des Onlinehandels. „Entscheidend ist daher, die Innenstadt attraktiv zu halten und zukunftsfähig aufzustellen“, sagt er. Damit die Leute eben nicht nur im Netz, sondern in der City shoppen. Ein strukturelles Problem sehe er in Ludwigsburg nicht, die Leerstandsquote liege unter fünf Prozent und damit im normalen Bereich. Die Nachfrage nach Einzelhandelsflächen sei ungebrochen, so Steinert.