Wagenhallen Die musikalischen Segnungen der senilen Bettflucht

Ingmar Volkmann, 21.01.2013 15:46 Uhr

Stuttgart - Drei in Stein gemeißelte Wahrheiten: an einem Montag ist in Stuttgart kulturell ähnlich viel geboten wie in Donzdorf das ganze Jahr über. Ein Sternekoch kann nur kochen und sonst nichts. Ein New Yorker Ausnahmemusiker zupft seinen Bass ausschließlich in den wichtigsten Konzerthallen der Welt. Drei Thesen, die an diesem Montagabend in einer einzigen Veranstaltung auf den Kopf gestellt werden: Sternekoch Vincent Klink feiert an ungewöhnlichem Ort seine Premiere als Veranstalter einer eigenen Reihe. Unter dem Titel „Vincent & Company: Musik, Lesung & Essen – der Häuptling spielt auf“ stehen von 19.30 Uhr an der New Yorker Bassist Joe Fonda, der Landesjazzpreisträger Patrick Bebelaar am Flügel und Vincent Klink selbst an der klassischen Trompete gemeinsam auf der Bühne. Den Lesungspart übernimmt der Stuttgarter Philosoph und Autor Joe Bauer, für das Essen – Fleischküchle mit Kartoffelsalat – zeichnet Martin Ivenz verantwortlich.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Konstellation? Martin Ivenz , der Koch der Wagenhallen, hat nach seiner Lehre bei Vincent Klink in der Wielandshöhe gearbeitet. Die beiden schätzen sich: Ivenz ist der Punkrocker unter Stuttgarts Köchen, Klink ist unter den hiesigen Sterneköchen die vielschichtigste Figur. Seit zwei Jahren nimmt er Unterricht in klassischer Trompete bei Wolfgang Bauer an der Musikhochschule. Mit Patrick Bebelaar tritt er seit geraumer Zeit gemeinsam auf. Und nebenbei gibt er gemeinsam mit Wiglaf Droste die lesenswerte Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ heraus.

Eine neue Kombination: Kochen und Texte schreiben

Wie kam es zu der auf ungewöhnlich hohem Niveau praktizierten Interessenvielfalt? „An meinen beiden freien Tagen will ich vom Kochen nichts wissen, sondern schreibe gerne Texte. Der Rest ist Versinken in Musik“, erklärt Klink. Dabei gebe es zwischen den einzelnen Disziplinen Gemeinsamkeiten. „Improvisierte Musik hat sehr viel mit Kochen zu tun. So schleppte Bebelaar einmal den Wahnsinnsbassisten Joe Fonda an, auch er wie Bebelaar ein Gourmet. Der Rest war klar und mündete ins gemeinsame Musizieren.“ Dabei meint es Vincent Klink sehr ernst mit seinem musikalischen Ausgleich: „Ganz klar, jeden morgen um sechs in der Früh wird bis acht Uhr geübt. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ehrlich gesagt genieße ich auch die Segnungen der senilen Bettflucht.“

Bedeutet die Liebe zur Musik im Umkehrschluss, dass die Lust am Kochen erloschen ist? „Im Gegenteil! Ich bin jetzt 63 und habe das Gefühl, dass ich endlich weiß, um was es bei der Kocherei geht. Die Jungen lernen von mir und ich lerne von den Jungen. Sie mögen mich. Mehr kann man sich als alter Sack nicht wünschen.“