Wahl in Italien Zurückgelehnter Apparatschik

Paul Kreiner, 22.02.2013 09:50 Uhr

Rom - Die Wahlplakate sind nüchtern gehalten. Statt lichtem Himmelblau nur oliv-samtenes Erdenbraun. Und der Kandidat, dessen Charakterkopf – Glatze überm scharf geschnittenen Gesicht – aus dem Bild hervortritt wie aus einem nachgedunkelten alten Gemälde, er lächelt nicht. Streng schaut Pier Luigi Bersani auf das Wahlvolk herab; seine Züge erinnern entfernt an „Sir Blut, Schweiß und Tränen“, an Winston Churchill. Nur die Zigarre fehlt, aber das ist nur der heutigen politischen Bildkorrektheit geschuldet. Abseits von Plakaten und Fernsehkameras ist Bersani nie ohne zu sehen.

Der 61-Jährige führt die italienischen Links- oder Sozialdemokraten in die Parlamentswahl; laut Umfragen könnte er als Sieger daraus hervorgehen. Das „richtige, gerechte Italien“ will Bersani verkörpern, und ganz im Gegensatz zu Silvio Berlusconi hat es der Sozialdemokrat ausdrücklich vermieden, irgendwelche Wahlgeschenke auszuteilen. Versprechen will er lediglich, was sich auch halten lässt. Im Prinzip, deutet Bersani zur Beruhigung der gestrengen internationalen Beobachterschaft an, will er den Sanierungskurs von Mario Monti fortsetzen. Aber viel gerechter soll es zugehen zu Gunsten der unteren Schichten – mit einer (leichten) Umverteilung der Steuerlast von unten nach oben, mit viel mehr Augenmerk auf den Erhalt von Arbeitsplätzen, mit mehr Förderung des Wirtschaftswachstums.

Ein typischer Zungenschlag beim „Z“

Bersani stammt aus der Gegend von Piacenza in der Po-Ebene, und sein emilianischer Zungenschlag, dieses fast gelispelte „z“ vor allem, ist zusammen mit den ebenso fantasievollen wie rätselhaften Tiermetaphern seiner Reden („Wir nehmen dem Jaguar seine Flecken!“) längst zum Gegenstand glänzender Parodien geworden. Aus kleinbürgerlichem, katholischem Elternhaus stammend, war Bersani Ministrant – und hat schon damals seinen ersten Streik organisiert. Sein Philosophiestudium hat er mit einer Arbeit über Papst Gregor den Großen beendet – um sofort anschließend in Italiens Kommunistischer Partei Karriere zu machen. Mit dem großen Teil der Genossen hat Bersani sich in mehreren Schritten zum Sozialdemokraten gewandelt, und jetzt hält er sich auch aufgrund seiner Biografie für den Richtigen, die so verschiedenen Seelen der Partei zusammenzuhalten.

Für viele verkörpert Bersani immer noch das steife kommunistische Parteiverständnis von einst; er gilt als typischer Apparatschik, ohne jede Ausstrahlung, mit einer derben, allzu sehr auf „arbeiternah“ gemachten Kadersprache. Minister für Industrie, Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung war er in den kurzlebigen Regierungen Prodis in den Jahren 1996 bis 1998 und 2006 bis 2008. Im Gedächtnis geblieben ist er mit etlichen jener Liberalisierungen, von denen Silvio Berlusconi immer nur gesprochen – und die dieser nach dem Fall Prodis 2008 gleich wieder rückgängig gemacht hat.

Auf unübertrefflich bequemen Umfragepolstern

Im Spätherbst 2012 hat Bersani den Ansturm der Jungen in der sozialdemokratischen Partei auf die alten Kader erfolgreich abgewehrt: Bei den Vorwahlen zum Spitzenkandidaten stach er den quirligen, unideologischen Bürgermeister von Florenz, Matteo Renzi aus. Immerhin hat Renzis Aufruf zur „Verschrottung“ des Apparats dazu geführt, dass Bersani zum Jahresende – eine Revolution in Italiens Parteienlandschaft – siebzig Prozent der Parlamentskandidaten durch die Basis bestimmen ließ.

Den Rest des Wahlkampfes indes – das zeigt sich zur Verbitterung der Partei in den letzten Tagen immer deutlicher – ist Bersani allzu gelassen angegangen. Seit Monaten auf praktisch unübertrefflich bequeme Umfragepolster gebettet, glaubte er die Kampagne in größter Ruhe sich selbst überlassen zu können. Berlusconi und Monti beherrschten das Fernsehen – Bersani ließ sie machen.

Er verzichtete auch darauf, den populären, frischen Renzi in den Wahlkampf einzubinden. So schmolz der Vorsprung gegenüber Berlusconi stetig dahin. Erst am vergangenen Wochenende hat sich Bersani zu einer öffentlichen Großkundgebung in Mailand aufgerafft. Angesichts jenes Drittels der italienischen Wähler, die sich laut Meinungsforschern immer erst in den letzten Tagen vor der Wahl entscheiden, mag das gerade noch geholfen haben – vielleicht aber auch nicht.