Wahlatlas Stuttgart Im Lurchweg wird alles besser

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An einem sonnigen Tag im Mai liegt der Ernst-Reuter-Platz hell und freundlich da. Hans-Martin Goede grüßt freundlich. Goede ist Kirchengemeinderat, er wohnt auf der anderen Seite der Stadtbahnlinie und betreibt das Onlineportal weilimdorf.de, wo er unter anderem Nachrichten aus Stuttgart-Giebel ins Netz stellt. „Als ich 1998 hierherkam, war der Giebel sowas von kaputt“, erinnert sich Goede. Den Artikel spricht er mit, „man sagt korrekterweise ‚der Giebel’“. Ja, der Mann kennt sich aus hier. Und heute? Ist vieles besser, sagt Goede, „komm, wir machen einen Spaziergang“.

Goede führt den Besucher als erstes in den Krötenweg: Häuser aus den Fünfzigern, „früher ein Brennpunkt, viele Arbeitslose und Sozialfälle in den Wohnungen“, sagt der 43-Jährige, „mittlerweile ist der Bestand saniert“. Zumindest, was die Hausfassaden angeht.

Neben dem Krötenweg liegt der Lurchweg. Nicht nur die Farbe der Bodenplatten, auch die Namen der Straßen in Giebel sagen etwas aus über diesen Stadtteil. Anderswo benannte man die Straßenzüge nach Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte, für Giebel wählte man Kriechtiere.

 

 

 

 

 

 

Hans-Martin Goede Foto: Plavec
Hans-Martin Goede kennt die Probleme von Stuttgart-Giebel – die aktuellen und die gewesenen. Er erzählt, wie aus dem Stadtteil der Sudetendeutschen mit den Jahren ein Stadtteil der Migranten wurde – und der Sozialwohnungen. Der Kirchgengemeinderat weiß zu berichten, dass seine Kinder im Kindergarten noch mit anderen Protestanten in der Mehrheit waren; heute wären sie deutlich in der Minderheit. Goede erwähnt Parkplatzmangel und auch das „Spitzenergebnis“ der Republikaner bei der letzten Kommunalwahl will er nicht wegdiskutieren.

 

 

 

 

 

 

Politiker sind hier selten gesehen

„Dieser Stadtteil wird, so wie der ganze Stuttgarter Nordwesten, von der Politik ein bisschen stiefmütterlich behandelt“, findet Goede. Der Giebel sei erst heruntergekommen, jetzt befinde er sich im Wandel. Dieser Wandel verschrecke die Alteingesessenen. Alles zusammen erzeuge Unzufriedenheit. So erklärt Hans-Martin Goede das Wahlergebnis der Republikaner, so erklärt er auch den hohen Anteil ungültiger Stimmen bei der Kommunalwahl 2009.

Dass Stuttgart-Giebel stiefmütterlich behandelt wird, ist mehr als bloß ein Gefühl von Hans-Martin Goede. Nicht nur geografisch, auch politisch liegt er in der Peripherie. Zwar haben hier wie überall sonst auch die Parteien ihre Plakate an die Straßen gehängt; die Parteien stellen sich mit ihren Ständen auf den Ernst-Reuter-Platz. Das war es dann aber auch schon.

Im Archiv der Nord-Rundschau, also der Lokalausgabe der Stuttgarter Zeitung unter anderem für Giebel, findet sich seit Jahresbeginn genau eine politische Informationsveranstaltung; am 29. April lud die SPD zum Thema „Wohnraum, bezahlbar und gut?“ Mehr nicht. Diese Missachtung ist nichts Neues: Schon im Wahlkampf zur OB-Wahl 2012 war Giebel vom Rest der Stadt abgehängt; in den drei Monaten vor der Wahl verirrte sich kein Kandidat dorthin. Giebel, der vergessene Stadtteil.