Wahlatlas Stuttgart Im Viertel der Nichtwähler

Von Michael Bosch 

Im Stuttgarter Stadtteil Veielbrunnen zwischen Bahnhof Cannstatt und Mercedes-Benz-Arena herrscht ein buntes Miteinander verschiedenster Kulturen. Doch hier geht nur jeder Vierte zur Wahl. Warum? Wir sind vor Ort auf Spurensuche gegangen.

Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Veielbrunnen entsteht in den kommenden Jahren der Neckarpark. In diesem Stadtteil wird sich also demnächst etwas tun. Derzeit regiert aber die Tristesse, hier war die Wahlbeteiligung 2009 am niedrigsten. Wir haben uns bei einem Rundgang durch den Stadtteil begeben und nach den Gründen für die Politikverdrossenheit der Veielberunner gesucht. Die folgende Bilderstrecke zeigt Eindrücke aus dem Viertel. Foto: Michael Steinert 12 Bilder
Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Veielbrunnen entsteht in den kommenden Jahren der Neckarpark. In diesem Stadtteil wird sich also demnächst etwas tun. Derzeit regiert aber die Tristesse, hier war die Wahlbeteiligung 2009 am niedrigsten. Wir haben uns bei einem Rundgang durch den Stadtteil begeben und nach den Gründen für die Politikverdrossenheit der Veielberunner gesucht. Die folgende Bilderstrecke zeigt Eindrücke aus dem Viertel.Foto: Michael Steinert

Bad Cannstatt - Idyllisch liegt der Veielbrunnen in der Sonne. Im großen Baum daneben zwitschern die Vögel. Aus den vier stählernen Wasserhähnen plätschert das Wasser. Wie steinerne Wächter liegen die Schildkrötenskulptur links und die Hummerskulptur rechts des Brunnen.

Der Brunnen, der dem Stadtteil seinen Namen gegeben hat, bildet einen Kontrast zum sonst so geschäftigen, lauten und oft hässlichen Viertel Bad Cannstatts. Auch der Veielbrunnen war lange Zeit verwahrlost. Sinan Durmus weiß das. Der Türke wohnt bereits seit 1971 im Cannstatter Stadtteil, vorne an der Ecke zur Daimlerstraße, gleich neben dem großen Baumarkt. Er hat die Veränderungen mitbekommen: „Früher war alles schon ziemlich heruntergekommen. Das war ein richtiger Schandfleck“, sagt Durmus, „aber jetzt sieht es hier ganz schön aus. Die Politiker haben sich mühe gegeben, vieles wurde renoviert.“

Im Veielbrunnen ist also nicht alles schlimm. Im Gegenteil. Nicht nur der Brunnen ist wieder in Schuss, der Stadtteil steht im Mittelpunkt der großen städtebaulichen Diskussion um das neue Viertel Neckarpark. Hier wird sich einiges tun, vieles schöner werden.

Jeder Vierte geht wählen

Doch der Stuttgarter Stadtteil Veielbrunnen hat ein Problem. Hier geht nur jeder Vierte zur Wahl, die Beteiligung bei der letzten Kommunalwahl war die niedrigste von ganz Stuttgart. Das ergibt der Kommunalwahlatlas Stuttgart von stuttgarter-zeitung.de. Woher kommt es, dass im Veielbrunnen so wenige Bürger wählen gehen?

Nachfrage beim Ur-Veielbrunner Sinan Durmus. Auch wenn er politisch engagiert ist und sich informiert, die Kommunalwahl hätte er 2009 beinahe verschlafen. „Das habe ich quasi erst in letzter Sekunde mitbekommen“ erzählt Durmus. Der Türke ist ein Stammwähler, seiner Partei treu. Doch er vermisst vor allem die Streitkultur in der Politik: „Heute ist das doch alles ein Einheitsbrei. Alle Parteien sind inzwischen salonfähig. Egal ob Grüne oder Linke. Man wird nicht mehr schräg angeschaut, egal wen man wählt.“

So politisch interessiert wie Sinan Durmus, für den Demokratie mehr ist, als einmal alle vier oder fünf Jahre ein paar Kreuzchen auf einen Wahlzettel zu machen, sind längst nicht alle Bewohner des Stadtteil Veielbrunnen. 27,6 Prozent Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl 2009 – das ist enttäuschend, sogar im Vergleich zur Wahlbeteiligung in der Gesamtstadt von knapp 49 Prozent.

„Es ändert sich ja doch nichts“

Der Besuch im Veielbrunnen zeigt: Viele Menschen fühlen sich schlicht nicht gut genug informiert. „Wen soll ich denn wählen?“, sagen einige spontan auf der Straße angesprochene Bewohner, „es ändert sich ja doch nichts.“ Für andere ist es schlicht die Sprachbarriere, die sie daran hindert, eine Entscheidung zu treffen. „Ich spreche nicht so gut deutsch. Deshalb weiß ich überhaupt nicht, für was die Parteien stehen“, sagt ein Mann im Vorbeigehen, der seinen Hund spazieren führt. „Ich würde gerne wählen, darf aber leider nicht, da ich nur einen kroatischen Pass habe“, meint eine Frau, Mitte 40, an der nächsten Ecke.

EU-Ausländer haben bei Kommunalwahlen in Deutschland aktives und passives Wahlrecht. Ein Umfeld, in dem viele Mitbürger in Sachen Kommunalpolitik mitbestimmen dürfen, führt zu einem anderen Klima von politischem Engagement und politischen Diskussionen. Der Veielbrunnen hat dafür denkbar schlechte Voraussetzungen: Gerade einmal jeder zweite Bewohner dieses Stadtteils war 2009 bei der Kommunalwahl wahlberechtigt. Das hat entweder mit dem hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen zu tun oder mit einem hohen Anteil von Nicht-EU-Ausländern. Der Besuch im Stadtteil lässt darauf schließen, dass beide Faktoren eine Rolle spielen.

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