Wahlkreis Backnang: Jörg Meuthen (AfD) Einst mit der FDP geliebäugelt

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Jörg Meuthen will Fraktionschef der „Alternative für Deutschland“ im baden-württembergischen Landtag werden. Und dort eine „vitale Oppositionspolitik“ machen.

Jörg Meuthen in jungen Jahren und in der Gegenwart Foto: privat, Stoppel
Jörg Meuthen in jungen Jahren und in der GegenwartFoto: privat, Stoppel

Backnang - Warum nur kandidiert der Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Jörg Meuthen, ausgerechnet im Wahlkreis Backnang? Viele Politiker und Bürger in der Murrstadt und im Umland meinen das zu wissen. Ganz klar, sagen sie, das Backnanger Hinterland sei vor gar nicht allzu langer Zeit eine Hochburg der Republikaner gewesen. Meuthen indes sagt an diesem sonnigen, aber kalten Wintertag bei einer seiner wenigen Stippvisiten in Backnang, ihm sei bis dato gar nicht bekannt gewesen, dass die Rechtsaußen-Partei im Raum Backnang so stark gewesen sei.

Der wahre Grund für seine Kandidatur sei ganz einfach. Er habe erst spät seinen Hut in den Ring geworfen, „die meisten Wahlkreise waren da schon besetzt“. Der Rems-Murr-Kreisverband der AfD sei auf ihn zugekommen. Und er selbst habe dann rasch zugesagt. Nun also kandidiert der Volkswirt und Professor der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl also in Backnang und zugleich auch in Bretten, weil der dortige AfD-Kandidat kurzfristig abgesprungen sei.

In den 1970ern hieß es „Willy wählen“

Meuthen hat sich als Treffpunkt für das Gespräch die Backnanger Stadtmitte ausgesucht. In einem Café auf dem Biegel-Areal erzählt der Mann, wie er aufgewachsen ist, sagt, dass er einst schier bei der FDP gelandet wäre und dass er als Schüler eine Ortsgruppe der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union gegründet habe. Lange her. Groß geworden ist Meuthen, der die AfD-Bundespartei zusammen mit Frauke Petry leitet, in Essen. Mit einem jüngeren Bruder, in einem, wie er sagt, konservativ-liberalen Elternhaus. Der Vater war Kaufmann, dieser habe aber mindestens einmal bei den Sozialdemokraten sein Kreuzchen gemacht – in den 1970ern, als es heiß „Willy wählen“.

Nach dem Studium in Münster war Meuthen vier Jahre lang an der Uni beschäftigt, dann wechselte er promoviert zum hessischen Finanzministerium. Als er die Einführung des Euro mit vorbereiten sollte, habe er beschlossen: „Ich will nicht der Büttel von einen Politikbonzen sein.“ Aus dem Rendezvous mit der FDP sei übrigens nichts geworden, weil diese eine reine Klientelpartei sei. Seit 1997 ist Jörg Meu­then Professor in Kehl – aber wenn es nach ihm und seinen Wählern geht, dann nicht mehr lange. Der Spitzenkandidat sagt, er wolle nach der Wahl AfD-Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Landtag werden.

Er sei seit seinem 13. Lebensjahr politisch interessiert, aber bis zur Bundestagswahl 2013 in keiner Partei Mitglied gewesen. Zu dieser Zeit sei er in die AfD eingetreten. Der Familienvater, der mit seiner zweiten Frau und seinen zwei kleinen Kindern in Karlsruhe lebt, sagt, er habe keinen Spitzenposten angestrebt, er sei zur Kandidatur aufgefordert worden. Nun also steht Jörg Meuthen bundesweit im Rampenlicht – und muss andauernd erklären, weshalb er mit Leuten wie Frauke Petry und Björn Höcke zusammenarbeitet. Wenn er sich eloquent gibt, dann wird er mitunter auch gefragt, ob er überhaupt in der richtigen Partei sei. Na klar, sagt er dann.

„Herr Höcke ist kein Rassist“

Petry hat kürzlich Schlagzeilen gemacht wegen ihrer Äußerungen zum Schusswaffengebrauch an der Grenze und Höcke mit Aussagen über die Fortpflanzung von Afrikanern. Jörg Meuthen sagt, Überlegungen wie jene von Höcke seien ihm fremd. Er sagt aber auch: „Herr Höcke ist kein Rassist.“ Das sei ganz einfach zu belegen: „Mit einem Rassisten wäre ich in keiner Partei.“ Meuthen erklärt, er stehe für einen „weltoffenen Patriotismus“ und habe kein „krankes Verhältnis zu unserem Land wie zum Beispiel Claudia Roth von den Grünen“.

Die Frage nach den wichtigsten Projekten, die in seinem Wahlkreis anstehen, beantwortet Meuthen lieber generell: Die Ziele seien landesweit in allen Wahlkreisen gleich. Der AfD gehe es unter anderem um eine „saubere Bildungspolitik“, um die Beibehaltung beziehungsweise die Wiedereinführung des alten, dreigliedrigen Schulsystems. Er sei gegen den „Akademisierungswahn“ und gegen die „Gleichmacherei“, sprich: gegen die Gemeinschaftsschulen.

Zu dem Megathema, das die AfD wohl in den Landtag spülen dürfte, sagt er: Es sei erforderlich, die Grenzen zeitweise zu schließen und das Asylrecht zu verschärfen. Er benennt eine Höchstgrenze von Flüchtlingen, die seiner Meinung nach jährlich in Deutschland aufgenommen und integriert werden könnten: 150 000.

Und wie geht es nach der Wahl weiter? Meuthen sagt, er wäre mit zehn Prozent für die AfD ganz zufrieden, insgeheim rechne er mit mehr. Wirklich zufrieden wäre er aber nur, wenn er den Sprung in den Landtag schaffe. Beim Koalitionspoker werde die AfD keine Rolle spielen, „wir machen eine vitale Oppositionspolitik“. Den Professorenposten werde er ruhen lassen.