Walter Rupffs Tierkrematorium Mach’s gut, Daisymäuschen

Von Melanie Pieske 

Nicht jeder Tierhalter hat ein Grundstück, wo er seinen toten Liebling begraben kann. Weil Tierkörperbeseitigungsanlagen vielen zu würdelos sind, entscheiden sie sich für eine Feuerbestattung. Zum Beispiel im Krematorium von Walter Rupff.

Früher präparierte Walter Rupff  Marder, Vögel und Füchse, heute kümmert er sich um tote Hunde, Katzen, Kaninchen Foto: Martin Stollberg
Früher präparierte Walter Rupff Marder, Vögel und Füchse, heute kümmert er sich um tote Hunde, Katzen, KaninchenFoto: Martin Stollberg

Remseck - Als Helga Hoheneder zum letzten Mal ins Körbchen schaut, sieht Daisy fast aus wie immer, wenn sie schläft. Die Katze liegt zu einem schwarzen Knäuel zusammengerollt in einer Decke, eine Pfote über der Schnauze. „Dünn ist sie geworden“, sagt Helga Hoheneder leise und deckt das Tier sachte mit dem Handtuch zu. Sie steht vor ihrem offenen Kofferraum auf dem Parkplatz und hebt das Körbchen heraus. Es ist Daisys letzte Reise. Helga Hoheneder bringt sie ins Tierkrematorium.

Der Tierarzt musste sie am Abend zuvor wegen akuten Nierenversagens einschläfern. Helga Hoheneder nahm Daisy danach mit nach Hause. Eigentlich wollte sie die Katze im Waldstück eines Bekannten begraben. Ihrer Daisy würde es im Wald gefallen. Vor 16 Jahren haben Helga Hoheneder und ihr Mann das junge Kätzchen dort draußen zwischen den Bäumen gefunden. Es war so hungrig und anhänglich. Sofort ging es ihrem Mann die Hosenbeine hoch.

Nach dem Tod sollte Daisy bei den Bäumen ihre letzte Ruhe finden. Dorthin zurückkommen, wo es nach Erde schmeckt und nach Gras riecht. „So ist der Gang der Dinge“, sagt Helga Hoheneder. Für sie ist der Tod nichts Neues. Ihr Mann ist inzwischen gestorben. Ihre drei vorherigen Katzen hat sie im Garten begraben – und nun eben Daisy. Doch jetzt, da der Boden gefroren ist, stellt sich ihr der Winter in den Weg. Im Internet suchte sie nach Alternativen und stieß auf das Tierkrematorium in Rems­eck-Aldingen, eines von fünf im Land.

Wenn ein Tier stirbt, ist es rechtlich gesehen Abfall

Das nüchterne Gebäude liegt am Rande des Gewerbegebietes direkt am Neckar zwischen einem Kfz-Betrieb und einem Tattoo-Studio. 8000 Tiere werden hier jedes Jahr zu Asche. Von der Straße aus ist der Tod unsichtbar. Nur an den Menschen, die hier aus dem Auto steigen, haftet er. Die Schritte bis zum Eingang wirken schwer, die Körper wie unter einer Last, die Gesichter regungslos, von Trauer ermüdet.

Wenn ein Tier stirbt, ist es rechtlich gesehen Abfall und muss entsorgt werden. Viele haben aber kein Privatgrundstück, auf dem sie ihr Tier begraben könnten. Und in Tierkörperbeseitigungsanlagen, wo Haustiere zusammen mit Schlachtabfällen zerkleinert, gekocht, schließlich zu Fett und Mehl verarbeitet werden, wollen sie ihren Liebling auch nicht geben.

Walter Rupff ist der Inhaber des Krematoriums. 30 Jahre lang arbeitete er als Tierpräparator. In den 90er Jahren fing es an, dass man ihm immer mehr tote Haustiere zum Präparieren brachte. Rupff, 59, zupft an seinem Schnurrbart und schiebt sich mit seinen kräftigen Händen die Brille zurecht. Von der technischen Seite her sei das kein Problem gewesen, sagt er. Bloß der Umgang mit den Leuten und ihrer Trauer war neu für ihn. Er runzelt die Stirn, seine Augenbrauen wirken jetzt noch buschiger. Irgendwann habe er sich Gedanken gemacht: Warum machen die Leute das? Viele hätten ihm gesagt, sie wollten ihre Tiere nicht in die Tierbeseitigung geben. Das leuchtete Rupff ein. Doch sollte er ihnen dann sagen, dass die Fleischteile, die er dem Tier beim Präparieren herausschneidet, auch dort entsorgt werden? „Die Besitzer bekamen ja nur die Hülle.“ Wie ein würdevoller Abschied sah das für ihn nicht aus.

1998 gründete er deshalb in Winnenden den ersten Betrieb für Tierbestattung in Baden-Württemberg, damals noch ohne eigenes Krematorium. Zur Einäscherung fuhr er die Kadaver nach München, 250 Kilometer, knappe drei Stunden. Damit sich die Strecke lohnte, musste er die Tiere manchmal für den Transport übereinander stapeln. Auch das empfand Rupff als pietätslos. Vor zehn Jahren zog er dann nach Remseck-Aldingen, vereinte Tierbestattung und Krematorium unter einem Dach.