Was ist man reif für die Rente? „Wir sollten solange wie möglich arbeiten“

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Bernie Ecclestone muss mit 86 Jahren seinen Posten als Formel-1-Chef räumen. Bis zu welchem Alter ist es sinnvoll einen Beruf auszüben? Wie lange sollte, müsste, könnte man arbeiten? Wir sprachen mit der Arbeitsmedizinerin Anette Wahl-Wachendorf.

„Ich bin dann mal weg“: Mit 86 ist für Bernie Ecclestone (geboren am 28. Oktober 1930 in Ipswich, England) ist Schluss mit dem Fulltime-Job als Formel-1-Chef. Allerdings geht der Brite nicht freiwillig, sondern ist von den neuen Bossen abgesetzt worden. Allerdings bleibt er Berater. Vielleicht bis er die 100 erreicht? Foto: AFP 15 Bilder
„Ich bin dann mal weg“: Mit 86 ist für Bernie Ecclestone (geboren am 28. Oktober 1930 in Ipswich, England) ist Schluss mit dem Fulltime-Job als Formel-1-Chef. Allerdings geht der Brite nicht freiwillig, sondern ist von den neuen Bossen abgesetzt worden. Allerdings bleibt er Berater. Vielleicht bis er die 100 erreicht? Foto: AFP

Stuttgart/Berlin - Wann ist man reif für die Rente? Mit 65, 70, 72 0der erst mit 80? Bernie Ecclestone, der „ewige“ Formel-1-Chef, ist in den Zwangsruhestand versetzt worden – mit 86 Jahren. Mit sofortiger Wirkung muss er seinen Posten als Geschäftsführer der Königsklasse räumen. „Ich wurde heute abgesetzt. Bin einfach weg. Das ist offiziell. Ich führe die Firma nicht mehr.“ Künftig soll der Engländer als Berater für die neuen Bosse fungieren.

Mit 86 ist man als Arbeitnehmer definitiv zu alt für einen normalen Job. Aber wie lange sollte, müsste, könnte man arbeiten? Wir sprachen mit der Arbeitsmedizinerin Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW):

Frau Dr. Wahl-Wachendorf, Bernie Ecclestone ist mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben als Formel-1-Chef entbunden worden. Die Begründung: Er ist mit 86 Jahren zu alt für den Job. Sehen Sie das als Arbeitsmedizinerin genauso? Bis wann sollten Menschen arbeiten?
Anette Wahl-Wachendorf. Foto: VDBW
Sie sollten solange am Arbeitsleben teilnehmen wie es unsere Gesetze vorschreiben. Sie können und dürfen aber, wenn sie dies möchten und sich dazu gesundheitlich in der Lage sehen – und das auch von Dritten gesundheitlich befürwortet wird – auch länger arbeiten.
Das ist die offiziell korrekte Antwort. Was sind Ihre Erfahrungen als Arbeitsmedizinerin?
Es muss möglich sein, kürzer zu arbeiten. Es gibt Berufe – ich bin als Arbeitsmedizinerin in der Baubranche tätig –, da kann man nicht ernsthaft behaupten, dass das 67. Lebensjahr für einen Gerüstbauer machbar ist. Das ist eben nicht machbar bei körperlich so schwierigen Tätigkeiten.
Ich kenne das Baugewerbe aus Ferienjobs als Schüler und Student. Ich kann gut verstehen, wenn ein Maurer mit 60 sagt, „Mein Rücken ist kaputt. Jetzt ist Schluss mit Schaffen.“ Wird das Renteneintrittsalter zu starr gehandhabt? Müsste es dereguliert werden?
Ja, eindeutig. Vor allem müssen wir viel mehr für die Prävention tun, damit wir länger arbeiten können. Wir sollten – angepasst an Berufe – solange wie möglich arbeiten. Aber: Es gibt Berufe, etwa in der Pflege, wo das nur schwer umsetzbar ist. Deshalb müssen wir auch mehr in die Prävention investieren – in diesem Fall also in die Ergonomie wie Hebehilfen oder richtiges Tragen.
Statt Einheitsalter also Individualisierung und Prävention?
Genau. Mehr frühzeitig tun, damit die Menschen etwas länger arbeiten können. Aber natürlich können Führungskräfte wie Bernie Ecclestone möglicherweise noch mit 80 tätig sein, was ein Dachdecker nie wird tun können.
Die Diskussion geht in Richtung Renteneintrittsalter mit 70, 72 Jahren. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Menschen nicht länger arbeiten, aber der Staat bei der Rente die Abschläge einkassieren kann. Ist das nicht eine fadenscheinige Diskussion? Es geht ums Geld und nicht um die Gesundheit der Arbeitnehmer?
Die Diskussion ist dann fadenscheinig, wenn die Rentenoption einfach nur in den Raum gestellt und als etwas verkauft wird, was machbar ist. Das geht nicht. Man muss sich die Tätigkeitsfelder und Berufe genau anschauen – auch in Hinblick auf die Digitalisierung 4.0. Die Arbeitswelt der Zukunft wird deutlich anders aussehen. Ich bin überzeugt, dass sie sich noch in meinem Berufsleben massiv verändern wird.
Und das bedeutet konkret?
Das heißt konkret: Hilfsberufe, gewerbliche und körperlich anspruchsvolle Berufe können mit 70 nicht ohne weiteres bewältigt werden. So ehrlich muss die Politik sein.
Nehmen wir Berufe, wo man länger arbeiten könnte. Ärzte wie Psychiater zum Beispiel. Gibt es bereits die Möglichkeit länger tätig zu sein?
Es ist vorstellbar, dass ein Psychiater mit 70 noch arbeitet, wenn die geistigen und körperlichen Kompetenzen gegeben sind. Das würde ich bejahen. Aber im Idealfall und nicht generell.
Müsste es eine Prüfstelle geben, die klärt, ob jemand für einen bestimmten Beruf noch tauglich ist?
Wir haben das als VDBW im Präventionsgesetz vorgesehen im Sinne von Check-ups, die ab einem bestimmten Alter sinnvoll sind. Aber nicht im Sinne einer Prüfstelle. Der Begriff erinnert mich zu sehr an einen TÜV für Menschen. Es gibt bereits das Angebot von Check-ups, denen man sich unterziehen kann. Aber das muss individuell vor dem Hintergrund der persönlichen Einschränkungen entschieden werden. Denkbar sind auch Forschungsprojekte, die bestimmte Berufe herausfiltern, wie etwa den des Arztes oder Journalisten. Vorstellbar ist auch, die Altersgrenze für bestimmte Berufe flexibler zu gestalten.
Diese Check-ups sind noch freiwillig?
Die sind freiwillig. Es ist die Frage, ob die Politik sie verbindlicher gestalten will.
Und wie sieht es mit der Fahrtauglichkeit von Senioren aus? Wenn man mit 65 in Rente geht, macht es dann nicht auch Sinn, die Fahrtauglichkeit an ein bestimmtes Alter zu koppeln? Sind autofahrende Senioren ein zu großes ein Risiko für andere Verkehrsteilnehmer?
Das ist keine spezifisch arbeitsmedizinische Frage. Als Ärztin kann ich nur so viel sagen: Die Sehkraft ist im Alter so eingeschränkt, dass ich eine Überprüfung der Sehkraft im Zusammenhang mit dem Führerschein bejahen würde – auch um Unfälle zu reduzieren. Für diese Positionierung würde ich allerdings sofort von einigen Vereinen angegriffen werden. Fahrtauglichkeits-Kontrollen für Senioren: Das ist eine politische Entscheidung, die auch die Politik entscheiden muss.
Aus ärztlicher Sicht . . .
. . . würde ich eine Kontrolle etwa hinsichtlich Diabetes und Sehkraft ab einem bestimmten Alter gut finden.
Politiker sind das beste Beispiel dafür, dass man länger arbeiten kann. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist 74 Jahre alt und will weitermachen im Falle eines Wahlsieges der Union bei der Bundestagswahl im September. Donald Trump ist mit 70 Jahren US-Präsident geworden.
Der Beruf des Politikers ist besonders. Politiker sind besonders widerstandsfähig und gesundheitlich wahnsinnig robust, sonst wären sie nicht da, wo sie sind. Dass Politiker bei dieser superrobusten mentalen und physischen Gesundheit mitunter nicht merken, dass andere mit 68 nicht mehr arbeiten können, ist ein Problem. Das systemimmanente Verhalten eines Politikers, sein unbedingtes Machtstreben, kann dazu führen, dass er dies nicht mehr wahrnimmt. Eine ganz andere Frage ist, ob der Fulltime-Job als Politiker ab einem bestimmten Alter noch gesund ist.
Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Werden die Menschen, werden bestimmte Berufsgruppen künftig länger – dürfen oder müssen?
Wir haben einen Fachkräftemangel und ganz viele Fragezeichen, was die Arbeitswelt der Gegenwart und noch mehr die der Zukunft betrifft. Wir werden uns in einer Welt wiederfinden, in der wir dringend mehr präventive Programme und Projekte brauchen werden, um die Talente, die wir haben, an der richtigen Stelle dauerhaft einsetzen zu können. Dies sage ich auch mit Blick auf Ausbildung der Jüngeren durch Ältere im Sinne von Mentor-Stellen. Die Arbeitswelt, da bin ich sicher, wird sehr viel moderner werden als heute.

Zur Person

Anette Wahl-Wachendorf ist Arbeitsmedizinerin und seit 2003 Präsidiumsmitglied des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), der Berufsorganistion Deutscher Arbeitsmediziner mit Sitz in Karlsruhe. Seit 2011 ist sie VDBW-Vizepräsidentin. Zugleich ist sie Leiterin des Arbeitsmedizinisch-Sicherheitstechnischen Dienstes (ASD) der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) in Berlin.