Web-Phänomen Dora Asemwald Keine Frau zum Anfassen
Judith A. Sägesser, 09.03.2011 11:01 Uhr
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Beliebt, clever, Jeanstyp: Dora Asemwald, die 36-Jährige mit den dunklen Augen und dem großen Mund gibt es ausschließlich virtuell. Aber existiert nur, was auch eine materielle Gestalt hat? Foto: Martin Zentner
Beliebt, clever, Jeanstyp: Dora Asemwald, die 36-Jährige mit den dunklen Augen und dem großen Mund gibt es ausschließlich virtuell. Aber existiert nur, was auch eine materielle Gestalt hat? Foto: Martin Zentner
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Stuttgart - Dora schmollt. Dann zwinkert sie. Dora hat einen schwarzen Pagenschnitt, rechts vom Scheitel klemmt eine schmale weiße Haarspange. Ihre Augenbrauen sind markant, die Nase ist eine Stupsnase. Überall in der Wohnung hängen Bilder von ihr. Dora ist überall. Und nirgends.

Die Frau, die an einem Abend Ende Februar ihren 36. Geburtstag feiert, ist nicht von dieser Welt. Sie ist virtuell. Die 50, 60 Gäste hingegen, die sich in einer Altbauwohnung im Stuttgarter Süden drängeln und sich auf Doras Wohl zuprosten, die sind echt. Es sind ihre Freunde. Ohne sie wäre Dora Asemwald ein Nichts. Sie existiert nur, weil andere an sie glauben. Und an sie denken.

Sechs Jahre ist es her, da hat Martin Zentner diese Frau entdeckt. "So nennt sie es", sagt er. Seitdem ist er ihr bester Freund und WG-Mitbewohner. Martin Zentner erfindet gern Figuren. Er skizziert sie und gibt den meisten Namen. Eines Tages, im Jahr 2005, blinzelte ihm plötzlich Dora vom Blatt entgegen. Dora Asemwald. Er wusste sofort: aus dieser Frau würde mehr werden.

"Das Ganze hat sich immer mehr verselbstständigt"

Sie war von Anfang an anders. Martin Zentner wollte sie eigentlich zur Comicheldin machen. Doch die selbstbewusste Dora hatte anderes im Sinn. Sie ist aus den Kästchen mit Sprechblasen ausgestiegen und hat ein Eigenleben entwickelt. "Das Ganze hat sich immer mehr verselbstständigt", sagt Zentner. Also hat er ihr die Tür zur Welt geöffnet und ihr eine Internetseite geschaffen. Nun sitzt er in seiner Wohnküche einem Mann gegenüber, den er vorher noch nie gesehen hat.

Dieser Mann heißt Thomas. Dora hat ihn zu ihrem Geburtstag eingeladen. Thomas hat sich für seine Gastgeberin schick gemacht. Er trägt einen karierten Anzug, seine feinen Lederschuhe glänzen frisch poliert. Wenn er spricht, beugt er den Oberkörper nach vorn, um dann über seine Brille zu linsen. Meine Güte, was hat sich Dora schon im Internet mit Thomas gezankt. Meistens ging es um das Thema, das die Landeshauptstadt spaltet: Stuttgart 21. Thomas ist 40 Jahre alt und Christdemokrat.

Hinter Thomas' Rücken lächelt Dora schüchtern von einem Pappkarton. Auf dem Bild sind ihre Haare arg gestutzt, nur an der Stirn hängen zwei lange Strähnen herunter. Ihr Freund Thomas dreht sich um, wundert sich. "So sah sie mit 23 aus", sagt Martin Zentner und lacht glucksend. Das muss während Doras Wave-Phase gewesen sein. Das war einmal. Aber Rammstein hört sie noch immer gern.

Ein Spaß gewürzt mit einer Prise Ernst

Keine Sekunde muss Zentner nachdenken, wenn er aus Doras Lebenslauf berichtet. Zum Beispiel von der Großtante, die Doras Seelenverwandte ist. Oder davon, dass Dora ihrem Vater zuliebe Elektrotechnik studiert hat. "Deshalb kann sie auch mit einem Lötkolben umgehen." Glücklicherweise, sagt er, verheddere er sich so gut wie nie im Geflecht seiner Fantasie.

Martin Zentner ist 39. Er lebt und arbeitet als freischaffender Grafiker und Journalist im Stuttgarter Heusteigviertel. Das mit Dora läuft nebenher. In freien Minuten kümmert er sich um sie, leiht ihr seine Finger, damit sie Texte in ihr Online-Tagebuch tippen kann. Er schaltet sich dann in den Dora-Modus, wie er sagt. "Manchmal wird Dora sehr real." Dass sich das für manche nach einer gespaltenen Persönlichkeit anhört, darüber schmunzelt er und sagt: "Vermutlich stimmt das irgendwie." Doch vor allem ist es einfach ein Riesenspaß.

Kommentare (4)
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MRZ
10
Urs L, 22:42 Uhr

Allgäu-Orient

Na, da bin ich ja mal gespannt, wie sich die virtuelle Dora am Samstagabend ganz real in Oberstaufen-Steibis präsentieren wird. Wir sehen uns dort.

MRZ
09
Dora Asemwald, 18:46 Uhr

Sinnlos lebt es sich besser

Die Frage nach dem Sinn stell ich mir auch manchmal, komme aber auch auf keine Antwort. Entstanden bin ich ohne größere Absicht, ohne Sinn. Dadurch dass „greifbare“ Menschen auf mich reagiert haben und mit mir in Kontakt getreten sind bin ich immer realer geworden. Es war nie geplant, dass das in diesem Maße geschieht. Im Nachhinein kann man viel interpretieren: Ich sei ein Kunstprojekt, ein Experiment, eine neue Erzählform für Geschichten oder einfach nur ein doofer Witz. Ich ergründe die durchlässiger werdende Grenze zwischen greifbarer und virtueller Realität und lenke die Aufmerksamkeit auf dieses Thema. Aber auch das sind alles nachträgliche Interpretationen. Lieber aufmerksamer Leser, wahrscheinlich hast du mein Wesen besser erkannt als du denkst: Es ist kein Sinn zu erkennen. Wenn man das mal erkannt hat, lebt es sich viel leichter – auch virtuell.

MRZ
09
ich, 16:42 Uhr

verstehe

trotz aufmerksamen lesens des artikels, nach wie vor denn sinn dieser ganzen chose nicht. vielleicht bin ich da zu sehr materialist. wer weiß das schon..

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