Weinbau 2.0 in Stuttgart Erntehilfe im neuen Gewand

Von Sascha Maier 

Dass freiwillige Erntehelfer von Winzern mit dem Eventcharakter von Weinlesen gelockt werden, ist keine Neuigkeit. Zwei Jungunternehmer aus Stuttgart haben das uralte Konzept mit einer Crowdfunding-Kampagne im Internet weiterentwickelt.

Die Jungunternehmer Dennis Keifer (rechts)  und Sebastian Schiller. Foto:  
Die Jungunternehmer Dennis Keifer (rechts) und Sebastian Schiller. Foto:  

Stuttgart - Manchmal ist es eine Frage der Ansprache­: Fühlt sich ein Hausmeister besser, wenn man ihn – ganz hochtrabend – Facility Manager nennt­? Will eine Friseurin lieber Hairstylistin sein? Und ehrt man einen Erntehelfer mit der Bezeichnung Rebstock-Pate? Nach Letzterem suchen jedenfalls Dennis Keifer (33) und Sebastian Schiller (33). Ihre noch junge Firma KSK Vintage Winery finanziert sich über eine Crowdfunding-Kampage im Internet, die nach ihren Angaben den Eventcharakter von klassischen Weinlesen weiterentwickelt hat.

Das Konzept vom gemeinsamen Arbeiten in der Natur mit abschließendem Ausklingenlassen bei einem Viertele wurde erweitert: um Wein-Patenschaften mit eigenem Namensschild am Rebstock. „Wein machen zum Mitmachen“ heißt der Slogan auf der Crowdfunding-Seite „Startnext“. Besonders jüngere Helfer sollen sich angesprochen fühlen – und sich übers Internet finanziell beteiligen. Da ist das Wort „Vintage­“, was Altes oder auf alt Getrimmtes bezeichnet, vermutlich gut gewählt. Schließlich sind Vintage-Kleidung und Vintage-Möbel derzeit gerade bei jungen Menschen beliebt.

Aus Sicht der Jungunternehmer war das Crowdfunding-Projekt allerdings aus der Not geboren. „Wir wollen Weine im Premium-Segment produzieren“, sagt Dennis Keifer, „leider hat die Weingenossenschaft nicht mitgespielt.“ Beide haben das Fach Weinbau studiert. Also beschlossen sie 2013, ihr „eigenes Ding“ zu machen, wie sie sagen. Die Sandkastenfreunde aus Stuttgart-Rohracker, in deren Familienbesitz sich ein knappes Hektar Weinberge verteilt auf etwa 25 Einzelparzellen befindet, beschlossen, den traditionellen Weinbau mit modernen Finanzierungskonzepten zu verbinden. Und sie scheinen damit Erfolg zu haben. Über 7000 Euro haben sie über das Internet bis heute gesammelt. Die rund 20 Unterstützer bei der Weinlese, die ihre Arbeitskraft spenden, sind da noch gar nicht mitgerechnet. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Schiller, „aber unser Ziel ist es nicht, so groß wie möglich zu werden.“

Das Projekt ist nicht nur eine pfiffige Gründergeschichte

Daher gehen sie auch nicht auf Investorensuche. Das Duo bleibt lieber unabhängig: „Wir wollen nicht, dass uns jemand reinredet“, sagt Keifer. Außerdem sind die beiden finanziell auch nicht auf die Erträge ihres Weinguts angewiesen – wie bei den meisten Genossenschaftswinzern stellt es lediglich einen Nebenerwerb dar. Haupt­beruflich arbeitet Schiller im Vertrieb für die gehobene Gastronomie, Keifer in der Steuerberatung.

Das Projekt ist nicht nur eine pfiffige Gründergeschichte. Auch ein Generationenkonflikt wird dadurch sichtbar. „Früher waren wir Mitglied der Weingenossenschaft“, sagt Keifer. Doch dort seien ihre Ideen häufig auf taube Ohren­ gestoßen­. Weißwein aus der Trollinger-Traube? Solche Ideen waren den Genossenschafts­winzern­ offenbar zu gewagt. Es kam zum Zerwürfnis, Schiller und Keifer gingen ihren eigenen Weg.

Bisher keine Preise für KSK-Weine

Dabei gäbe­ es nach Meinung des Duos in den Weinbaugebieten in Rohracker einige Gründe, an einem Strang zu ziehen. Viele der Flächen seien völlig verwildert, die Weinhänge rutschten ab, die Winzer müssten selbst für die Befestigungen der Steillagen aufkommen. Obendrein habe das städtische Weingut „Lagen von zweifelhafter Qualität“ in Rohracker als Ausgleichsflächen für andere erworben, die Stuttgart 21 zum Opfer gefallen sind. „Es wäre besser gewesen, hätte die Stadt in bestehende Lagen­ investiert“, sagt Sebastian Schiller.

Doch was taugt der Wein, den die beiden und ihre Schar von Helfershelfern produzieren? Trotz des hohen Anspruchs an die Qualität konnten die KSK-Weine bisher keine Preise abräumen. Aber dass die von Rebstock-Paten geernteten Tropfen eine Geschichte zu erzählen haben, erkennen inzwischen offenbar auch Sterneküchen: In Stuttgart etwa hat das mit einem Michelin-Stern dekorierte Restaurant Zirbelstube im Hotel am Schlossgarten die KSK-Weine im Sortiment. Auch im mit drei Sternen ausgezeichneten Restaurant Aqua in Wolfsburg stehen KSK-Weine auf der Karte.

Sebastian Schiller hält eine Rotwein-Cuvée Jahrgang 2013 in den Händen. „Just Red“ – „Nur Rot“ steht in roten­ Großbuchstaben darauf, das Etikett­ ist völlig schnörkellos gehalten. Manchmal ist es eben tatsächlich einfach eine Frage der Ansprache­.