Weinzucht
Herr Hoshino im Garten Reben
Holger Gayer,
20.02.2010 18:08 Uhr
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Ein Ort, an dem selbst Kenner demütig werden: Kazuo Hoshino schult seine Sinne in dem hochmodernen Sensorikstudio. Das farbige Licht soll die Konzentration auf den Geschmack lenken. Foto: factum/Weise
""Die Weine sind feinfruchtig, gehaltvoll und zum hochwertigen Ausbau geeignet."
Günter Bäder über die neuen Hoffnungen aus Weinsberg
Dreimal im Jahr reist Hoshino in seinen Garten Reben, der zum Teil im Rheingau liegt, in der Pfalz, in Baden und vor allem in Württemberg. Deutschland, sagt Japans prominenter Weinhändler, sei in Sachen Wein so vielfältig wie kein anderes Gebiet auf der Welt. Eine Auswahl seiner Favoriten stellt der Chef der Winax Corporation in einer Weinboutique im Tokioter Einkaufsviertel Ginza aus. Die Außenfassade ist mit Marmor verkleidet, innen wird die Ware in Vitrinen aus Glas und dunklem Edelholz aufwendig präsentiert. Wer dort nach dem Besten der Besten fragt, bekommt einen "Traum" serviert. So heißt die rote Cuvée, Jahrgang 1999, des Staatsweinguts Weinsberg, in der erstmals die neuen, im württembergischen Unterland gezüchteten Cabernetsorten vereint wurden. "Dieser Wein", sagt Kazuo Hoshino, "hat Deutschland in eine neue Dimension befördert." Er nimmt 140 Euro für die Flasche, vor Ort beim Erzeuger kostet sie 44.
Günter Bäder, der Chef der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg, führt seinen hohen Gast in die Kantine seines Instituts. Es gibt Linsen, Spätzle und Saiten. Kazuo Hoshino ist überzeugt, dass Japan und Deutschland näher beieinander seien als der Globus dies erwarten ließe. "Doch, doch", sagt er und erklärt, dass der Reisanbau in Japan eine ähnliche Bedeutung habe wie der Weinbau in Deutschland. Eigentlich läge seine Heimat zu weit nördlich, um gute Qualitäten zu ernten. Also hätten sich die Japaner viel Mühe gegeben, um neue Reissorten zu entwickeln. Und, siehe da: eines Tages hatten sie den Koshihikari. "Das", sagt Kazuo Hoshino, "ist nun die Königssorte des Reises. Und sie wächst am besten im Norden."
Günter Bäder hört seinem Gast gerne zu, zumal er weiß, dass er Hoshino bald mit Neuigkeiten erfreuen kann. Seit 1995 leitet der promovierte Agraringenieur und Sohn eines Fellbacher Wengerters Deutschlands älteste Weinbauschule. 1868 vom württembergischen König gegründet, profitieren heute nicht nur Japaner vom Wissen der Schwaben. Generationen von hiesigen Weingärtnern sind in Weinsberg ausgebildet worden, unter ihnen Vater, Sohn und Enkel Aldinger oder der Remstäler Altmeister Jürgen Ellwanger. Angeschlossen an die Anstalt ist das Staatsweingut, in welchem die eigenen Trauben zu teils herausragenden Weinen mit oftmals ebenso herausragenden Preisen ausgebaut werden. Und seit wenigen Wochen lädt ein hochmodernes Sensorikstudio nicht nur die eigenen Azubis, sondern auch gestandene Sommeliers zur Schulung ihrer Sinne. Ein Ort ist das, an dem selbst Kenner Demut lernen.
Herzstück des staatlichen Instituts aber sind die Gewächshäuser und Labors des Referats Rebenzüchtung und Rebenveredlung. Trist wirkt das Reich von Bernd Hill in diesen Wintermonaten, und doch spürt man, welch schöpferische Kraft in den kargen Räumen steckt. Hier werden biologische Gesetze in die Praxis umgesetzt und die Geschmäcker der Zukunft gezaubert. Dabei erinnern die Arbeitsräume an Puppenstuben, in denen zum Beispiel zwei Minipressen stehen, deren Füllbehälter je fünf Liter fassen. Hills gesamte Kelter passt auf wenige Dutzend Quadratmeter, während die Betriebe, die dereinst die Zeugnisse seiner Arbeit pflanzen werden, heute schon riesige Hallen brauchen, um ihre Erzeugnisse reifen zu lassen.
Das Zuchtgeschäft ist ein Geduldsspiel
Doch der 62-jährige Rheinhesse weiß, dass auch der bedeutendste Spross mit dem Jungferntropfen entstanden ist. Die erste Ernte eines einzelnen Cabernetsämlings hat ihm im vergangenen Herbst 790 Gramm Trauben beschert; abgefüllt in eine Flasche ist das kaum ein Viertele. "Das reicht zum einmal probieren", sagt der Doktor der Agrarwissenschaften und lacht. Seit 1977 leitet er sein Referat, grau geworden ist er in den Jahren und sagt, dass er zwar ein Mann seiner Zeit sei, als Züchter aber er einen langen Atem und Visionen brauche. "Denn tatsächlich", scherzt Bernd Hill, "ärgere ich mich in zwei Dritteln meiner Arbeitszeit über die Hinterlassenschaften meiner Vorgänger. Und meinem Nachfolger wird es ebenso ergehen."
Es könnte schlimmer sein: Die Ahnengalerie der Rebsorten, die in Weinsberg gezüchtet worden sind, ist ebenso lang wie beeindruckend. Die Geburt der prominentesten Traube aus dem Unterland datiert aus dem Jahre 1929. In der damaligen Außenstelle der Weinbauschule in Lauffen am Neckar kreuzte der Züchter August Herold Trollinger und Riesling. Das Kind der beiden Traditionsrebsorten, das nach dem Arzt und Dichter Justinus Kerner getauft wurde, ergibt würzige Weißweine, die bis in die frühen neunziger Jahre hinein so beliebt waren, dass zu viel Masse die Klasse verdrängte. Dennoch steht der Kerner nach wie vor auf 3800 Hektar in Deutschland und zählt damit zu den wichtigsten Weißweinsorten hierzulande.
Noch erfolgreicher ist ein roter Sohn aus Württemberg: der Dornfelder. Benannt nach dem Initiator der Weinbauschule, Immanuel Dornfeld, kreuzte August Herold 1955 die ebenfalls in seinen Labors entwickelten Sorten Helfensteiner und Heroldrebe. So entstanden robuste, frühreife Reben, deren Trauben einen gerbstoffreichen, gehaltvollen Rotwein ergeben. Inzwischen sind 8200 Hektar mit der roten Neuzüchtung bestockt, mehr als acht Prozent der deutschen Rebfläche. Lediglich der Spätburgunder wird unter den roten Sorten noch häufiger angebaut.
Ungewöhnliche Kreuzungen für neue Rebsorten
Auch die jüngsten Zöglinge aus der Geburtenstation der Württemberger sind längst auf dem Vormarsch. Dabei dachte vor vierzig Jahren kaum jemand daran, dass es im Trollingerländle Württemberg einmal Weine geben könnte, die nicht nur in Farbe und Geschmack an die großen Gewächse aus Bordeaux erinnern, sondern zum Teil den gleichen Rebsorten entstammen. Trotzdem experimentierte August Herolds Nachfolger Helmut Schleip schon zu jener Zeit mit Cabernet-Sauvignon-Reben aus Frankreich und kreuzte sie mit guten Bekannten aus Württemberg: dem Lemberger und dem Dornfelder. Entstanden sind daraus etliche neue Rebsorten, die seit gut zehn Jahren angepflanzt werden und den Ruf gemehrt haben, dass Deutschland längst auch auf der internationalen Bühne mitspielen kann.
Dabei haben sich die Abläufe in den Weinsberger Labors in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Das Metier der Züchter ist ein Geduldsspiel. Wenn sie entschieden haben, welche Reben sie kreuzen wollen, kastrieren sie die zwittrigen Blüten der beiden Auserwählten. Dann bestäuben sie die entblößte Narbe der Muttersorte mit den abgezupften Pollen des Vaters. Wenn die Pflanze nach einem Sommer erste Früchte trägt, sammelt Bernd Hill die Traubenkerne. Wenn alles gutgeht, werden sie der Ursprung dessen sein, was er oder seine Nachfolger in gut dreißig Jahren ernten können - so lange dauert es von der Befruchtung bis zur Freigabe einer neuen Rebsorte.
"Die Reben durchlaufen verschiedene Prüfphasen. In dieser Zeit werden sie auch mit Pilzen und anderen Krankheitserregern besprüht, um ihre Resistenzeigenschaften zu erforschen", sagt Bernd Hill. Auch in der praktischen Erprobung besucht der Leiter der Weinsberger Rebenzüchtung immer wieder die Versuchsanlagen, um zu sehen, wie sich die Weinstöcke im Wengert entwickeln. Am Ende des Prozesses steht schließlich der Ausbau der Trauben im Keller. "Dann", sagt Hills Chef Günter Bäder, "zeigt sich, welches Potenzial die Sorte wirklich hat, und ob wir richtig gelegen haben, mit dem, was wir Jahrzehnte zuvor begonnen haben."
Die aktuellen Hoffnungen der Weinsberger haben noch keine Namen, sondern lediglich zwei Buchstaben und sieben Ziffern. "We 69-607-42" heißt die eine Kreuzung aus weißem Riesling und Friulano, die andere "We 69-630-13". Die Dritte im Bunde entstammt einer Kombination von Riesling und Sauvignon blanc und hört (noch) auf die Bezeichnung "We 70-267-14". Alle drei befinden sich seit 2008 in ihrer letzten Prüfung vor dem Bundessortenamt. Doch erst nach einem positiven Bescheid aus Hannover kann die wirkliche Taufe stattfinden, was vermutlich nicht vor 2013 der Fall sein wird. Wie die Weine schmecken sollen, weiß Günter Bäder aber schon heute: "feinfruchtig, gehaltvoll, zum hochwertigen Ausbau geeignet".
Das hört Kazuo Hoshino gerne. "Ich suche gute Qualität, die ich zu einem guten Preis verkaufen kann", sagt der Weinhändler aus Tokio und schwärmt von der neuen deutsch-japanischen Harmonie. "Denn es gibt", frohlockt Kazuo Hoshino, "kein Getränk, das so gut zu Sushi passt, wie deutscher Weißwein."
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So ebbes!
Da muss ich doch meinen Freund Aki fragen, ob er denn Herrn Hoshino kennt. Aki ist Weinhändler in Japan- deutsche Weine! Er hat seine Ausbildung im Moselland gemacht. Außerdem baut er in Hiraizumi Reis an - und wahrt somit das Vermächtnis des Vaters (welcher hauptberuflich Schulleiter war). Die beiden müssen sich kennen - so ebbes!