InterviewErnährungsexperte im Interview Gekaufter Babybrei ist nicht gut für Kinder

Von Anja Wasserbäch 

Brei aus dem Gläschen, Obstbrei aus dem Plastikbeutel – Hans-Ulrich Grimm sagt, dass das alles die Immunsysteme von Kindern durcheinander bringt. Und auch, dass die Kleinen von selbst wissen, was gut für sie ist.

Bitte selber kochen, sagt der Ernährungsexperte Grimm. „Wissenschaftliche Studien zeigen, dass selbstgemachter Brei besser ist als jener aus dem Gläschen.“ Foto: AP
Bitte selber kochen, sagt der Ernährungsexperte Grimm. „Wissenschaftliche Studien zeigen, dass selbstgemachter Brei besser ist als jener aus dem Gläschen.“ Foto: AP

Stuttgart - Brei aus dem Gläschen, Obstbrei aus dem Plastikbeutel – Hans-Ulrich Grimm sagt, dass das alles die Immunsysteme von Kindern durcheinander bringt. Und auch, dass die Kleinen von selbst wissen, was gut für sie ist.

Herr Grimm, was bekommen Ihre Kinder zu essen?
Heute hatte die eine Tochter Melone, die andere Nudeln zum Frühstück. Die beiden sind drei und sieben Jahre alt. Durch meine Reisen habe ich viel gelernt. Davor kannte ich nur Marmeladenbrot zum Frühstück. In Brasilien essen sie morgens Obst, in Amerika Würstchen, in China Suppe und Nudeln. Das Marmeladenbrot wurde bei uns an den Rand gedrängt. Und Kinder essen ja sowieso gern Nudeln. Seitdem ich weiß, dass sich der kindliche Körper mit all dem versorgt, was er braucht, bin ich da sehr entspannt.
Wie sind Sie darauf gekommen?
Es gibt Studien von Clara Davis aus den 1920er Jahren. Sie hat Kinder im Alter zwischen acht Monaten und etwas mehr als einem Jahr selbst aussuchen lassen, was sie essen wollen. Jedes Kind war danach pumperlgesund. Sie haben aber nur natürliche Lebensmittel bekommen, keine Geschmacksverstärker, keine Aromen, keinen Zucker. Das einzig Süße war Obst und auch davon haben sie nicht übermäßig viel gegessen. Kinder haben von Natur aus keinen Drang zu Süßem.
Warum aber essen Kinder dann so viel Süßkram?
Die Oma und der Nachbar sind schuld. Dann kommt die Werbung dazu. Und sogar beim Zahnarzt und auch in der Apotheke gibt’s Traubenzucker oder Gummibärchen.
Was passiert mit einem Kind, wenn es schon früh Zucker erhält?
Es wird umprogrammiert. Im Hirn werden die Schaltkreise so verändert, dass eine Sucht nach Süßem entsteht. Der Körper ist dafür natürlich empfänglich. Wenn ein Kind immer wieder Nutella, Fanta und Cola konsumiert, dann bekommt es eine nicht-alkoholische Fettleber. Das haben heute viele Kinder. Kinder essen gerne Süßes, weil es viel Energie enthält. Wenn sie ihren ganzen Energiebedarf über Süßzeug gedeckt haben, essen sie kaum was anderes mehr. So fehlen Nährstoffe. Das hat massive Folgen, kann zu Fettleber, Übergewicht, Mangelernährung führen.
Laut Ihren Erkenntnissen macht Zucker müde, depressiv, zappelig und dumm.
So ist es. Der Körper braucht keine Glukose, aber wenn er sie bekommt, kann er viel damit machen.
Dieses elende Gemüse - wenn Kinder keines essen, haben die Eltern ein schlechtes Gewissen. Und geben sogar Ketchup dazu, in das sie die Gurken tunken dürfen. Oder sie basteln Eulengesichter aus Paprika aufs Frischkäsebrot.
Es ist verrückt. Normale Kinder mögen kein Gemüse. Das sagen alle. Gemüse hat nicht genügend Energie, die das Kind zum Wachsen braucht. Natürlich braucht das Kind Nährstoffe, die im Gemüse drin sind. Aber die sind auch woanders drin – zum Beispiel in Maultaschen. Oder in der Wassermelone. Jedes Kind will essen, aber eben das, was es braucht.
Warum ist es heute so schwierig, ein Kind gesund zu ernähren? Es gibt doch so viele unterschiedliche, angeblich gute Lebensmittel in den Läden.
Hier werden die Kinder geschmacklich in die Irre geleitet. In Fruchtzwergen steckt Kalzium und Vitamin D, aber eben auch Aroma. Es ist verhängnisvoll, wenn man dadurch die natürlichen Instinkte austrickst, durch Aromen, die Übersüße durch den vielen Zucker.
Sie sagen, dass die ersten 1000 Lebenstage ab der Zeugung wichtig sind, dass hier die Weichen gestellt werden, ob man gesund durchs Leben geht. Und ob man eine der modernen Zivilisationskrankheiten wie Allergien bekommt.
Ja, es beginnt schon in der Schwangerschaft, da lernt das Kind, ob es ein Afrikaner- oder ein Schwabenkind ist. Wenn das Kind schon da den Geschmack von natürlichen Lebensmitteln kennenlernt, ist das gut. Vater und Mutter geht es darum, dass es dem Kind gut geht. Ein Herr Hipp hat aber das Interesse, dass seine Sachen lange haltbar sind. Mein selbstgemachter Apfelpfirsichbrei hält zwei Stunden, der Brei von Hipp zwei Jahre. Deshalb müssen an diesem Naturprodukt fundamentale Veränderungen angebracht werden.
Das Babygläschen mit Brei gilt gemeinhin als vertrauenswürdiges Lebensmittel. Es ist keimfrei und steril. Sie meinen aber, das sei nicht gut für Kinder. Warum das?
Durch den Prozess der Erhitzung ist da kein einziger Keim mehr drin. Kinder brauchen jedoch Keime. Am gesündesten sind Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, im Stall spielen und Rohmilch trinken. Das Immunsystem von diesen Kindern ist besser entwickelt. Heute haben Kinder völlig verpeilte Immunsysteme und entwickeln Allergien gegen Milch und Erdbeeren. Das Kind braucht aber Schmutz. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass selbstgemachter Brei besser ist als jener aus dem Gläschen. In Deutschland schreiben die offiziellen Empfehlungen aber vor, dass bei selbstgekochtem Brei zusätzlich noch Jod gegeben werden müsse. Bei gekauftem Brei ist das allerdings auch nicht drin. Ich weiß nicht, warum Deutschland da so einen Sonderweg geht. Hängt vielleicht mit der Nähe der deutschen Experten zur Brei-Industrie zusammen. In der Schweiz plädieren die offiziellen Empfehlungen für selbstgekochten Brei, ohne Extra-Jod.
Sie kritisieren viele industriell hergestellte Lebensmittel für Kinder, wie etwa die allseits beliebten Quetschies, diese Obstbreis aus dem Plastikbeutel. Warum sind die nicht gut?
Die sind ebenfalls dafür verantwortlich, dass das Immunsystem nicht funktioniert, die Kinder den halben Winter krank sind und Allergien bekommen. Quetsch-Obst ist etwas völlig anderes als echtes Obst. Deshalb wird es vom Körper anders behandelt. Auch Quetschies wurden erhitzt, darin ist alles tot, es wird püriert, die Zellwände um den Zucker herum sind weg und so wird der Zucker vom Kinderkörper viel leichter aufgenommen. in der Leber gelagert. Deshalb haben viele Kinder heutzutage schon eine nichtalkoholische Fettleber. Man kann dem Kind genauso gut Bier geben.
Die Eltern denken aber, dass das gesund wäre.
Das ist die Macht der Werbung. Niemand möchte seinem Kind absichtlich etwas Ungesundes geben.
Was ist denn der beste Ernährungsweg?
Das ist die so genannte „mediterrane Ernährung“. Das bedeutet viel Gemüse, wenig Fleisch und Wurst, keine Chemie. Die „mediterrane Ernähung“ ist eine Chiffre für echtes Essen. Das gibt es in verschiedenen Erscheinungsformen in China wie auch in Skandinavien. Die überlieferten Ernährungsweisen mit den traditionell in der Region erhältlichen Produkten sind gut für die dort lebenden Menschen.
Wo liegt die Verantwortung der Eltern?
Sie müssen das bereitstellen, was fürs Kind gut ist. Essen muss das Kind schon selbst. Und man darf es nie zum Essen zwingen. Eltern müssen zudem das weglassen, was schlecht ist. Aromen, Zucker, Süßstoffe beispielsweise. Die Liste ist lang. All das muss weg, worauf die Evolution unsere Kinder nicht vorbereitet hat. Bleiben die Früchte der Natur. Plus Maultaschen.

Hans-Ulrich Grimm (Jahrgang 1955) ist Autor von Fachbüchern zum Thema Nahrungsmittelkritik. In seinem jüngsten Buch „Gummizoo macht Kinder froh – krank und dick dann sowieso“ erklärt er ausführlich, was gut und was schädlich ist. Grimm hat zwei Töchter und lebt in Stuttgart. Unter www.food-detektiv.de schreibt er über gesundes Essen und schlechte Produkte.