Welt-Aids-Tag Toleranz ist noch immer ein Trugschluss

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Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Vor allem die Jugend hat kaum noch Ahnung von der tödlichen Krankheit. Das will die Theatergruppe der Aids-Hilfe ändern.

„Was –  Aids?“ Mit Verständnis können Betroffene nicht einmal innerhalb der Familie rechnen. Das ist eine der Botschaften der Theatergruppe. Foto: Nina Ayerle
„Was – Aids?“ Mit Verständnis können Betroffene nicht einmal innerhalb der Familie rechnen. Das ist eine der Botschaften der Theatergruppe.Foto: Nina Ayerle

S-Mitte - Eine Bühne gibt es nicht. Es sind auch kaum Requisiten aufgestellt. Nur ein Stuhl und ein Tischen stehen in der Mitte des Raumes. Auf das Drumherum kommt es auch nicht an, die inhaltliche Aussage zählt. Ein Gong ertönt. Die erste Szene beginnt: Christina Schmitt kommt völlig aufgelöst zu ihrer Hausärztin. Sie hat erfahren, dass ihr Mann HIV-positiv ist. Sie kann seitdem nicht mehr schlafen, weiß nicht, mit wem sie darüber sprechen soll.

Erneut ertönt ein Gong. Auf der provisorischen Bühne steht Peter. Er versucht verzweifelt, seine Frau Christina anzurufen. Sie geht nicht mehr ans Telefon, seit er ihr verkündet hat, dass er sich mit dem Virus infiziert hat.

Zur Vorstellung sind Schüler eingeladen

Um auf den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember aufmerksam zu machen, hat der Arbeitskreis Aids zur Vorstellung des Theaterstücks „Positiv“ Schüler zur Evangelischen Gesellschaft (eva) in die Büchsenstraße eingeladen. Die Theatergruppe der Aids-Hilfe Stuttgart hat das Stück nach eigenen Erfahrungen entwickelt. „Positiv“ zeigt in mehreren Szenen von insgesamt rund 30 Minuten Dauer die zum Teil schroffen Reaktionen des Umfeldes auf eine positive HIV-Diagnose. Peters ringt verzweifelt um den Erhalt seiner Ehe, seiner Familie und der Beziehungen zu seinem Umfeld, er kämpft gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung. Selbst Christinas Mutter reagiert wenig sensibel und verständnisvoll, als die Tochter ihr die schlimme Nachricht eröffnet. „Wenn das einer erfährt bei uns hier im Dorf“, ist ihre größte Sorge. Das zeigt, dass nicht nur im Arbeitsleben der offene Umgang mit der Infektion zu Ausgrenzung führt, sondern im familiären Umfeld sogar noch viel mehr.

Mit ihrem Theaterstück wollen die fünf Schauspieler die Menschen wachrütteln. Die Aids-Prävention werden seit Jahren vernachlässigt, die Krankheit erfahre kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit, sagen sie. „Man kann und muss sich schützen“, sagt Joachim Presch, der im Stück den Peter spielt, zu den Jugendlichen. Gerade Jugendliche seien sich der Gefahr überhaupt nicht mehr bewusst. Dabei sei die Krankheit auch heute nach wie vor unheilbar, lediglich die Symptome seien mit unzähligen Medikamenten abzumildern. „Auch die Medikamente können zum Tod führen, weil sie teilweise so starke Nebenwirkungen haben“, sagt Daniela Pfänder, die ebenfalls in der Schauspielgruppe aktiv ist.

Zur Sorglosigkeit besteht kein Anlass

Zur Sorglosigkeit besteht also kein Anlass. Noch immer erhalten jedes Jahr deutschlandweit rund 3000 Menschen die Diagnose HIV-positiv. Etwa 60 sind es jährlich in Stuttgart. Am stärksten betroffen sind in Deutschland noch immer Männer, die Sex mit Männern haben. Auch für dieses Jahr zeichnet sich ab, dass die Zahl der Neudiagnosen auf dem hohen Niveau der vergangenen Jahre bleibt.

Seit zwei Jahren arbeitet die Theatergruppe der Aids-Hilfe Stuttgart in dieser Besetzung zusammen. „Wir freuen uns nach wie vor über Zuwachs“, sagt Presch. Parallel zu diesem Stück führt das Ensemble noch ein zweites mit dem Titel „Der Nächste bitte...“ auf. In der Gruppe haben sich Erkrankte und Freunde von Erkrankten zusammengeschlossen. „Es ist uns ein großes Anliegen, mit unserem Theater auch zu vermitteln, dass Aids kein Problem von Randgruppen ist“, sagt Daniela Pfänder. Viele Leute reagierten scheinbar tolerant, so lange sie nicht betroffen seien. „Aber sobald es jemand in ihrem Umfeld hat, dann gute Nacht um sechs“, ist Pfänders Erfahrung. Dagegen wolle das Ensemble kämpfen.

Seit acht Jahren ist Pfänder in der Gruppe aktiv. „Mit Theater kann man vor allem Schüler gut erreichen“, sagt sie. Ein Vortrag über die Risiken sei oft wirkungslos, die Aufklärung dennoch wichtig. „Es ist nach wie vor ein Trugschluss, dass Menschen mit HIV auf Toleranz und Akzeptanz hoffen können“, sagt Joachim Presch.

Veranstaltungen zum Welt-Aids-Tag

Informationsstand:
Am Welt-Aids-Tag, dem 1. Dezember, ist die Aidshilfe mit einem Informations- und Glühweinstand hinter dem Rathaus auf dem Weihnachtsmarkt vertreten.

Aktion
: Für 18 Uhr ist eine Solidaritätsschleife auf der Freitreppe beim Kunstmuseum geplant, anschließend ein Zug zur Gedenkstätte „Namen und Steine“ an der Staatsoper.

Gottesdienst:
Um 20 Uhr beginnt in der Leonhardskirche an der Hauptstätter Straße ein ökumenischer Gottesdienst mit dem Titel: „Du bist kostbar“.

Telefonberatung:
Fragen zur Krankheit beantworten Mitarbeiter der AIDS-Hilfen unter 0180/331 94 11. Ein Anruf aus dem Festnetz kostet neun Cent pro Minute.

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2 KommentareKommentar schreiben

@ahowatz: ich denke das wo ist völlig egal. es geht keinen was an wo man sich angesteckt hat! HIV ist schlimm für alle betroffenen egal wo sie sich infiziert haben! Wollen sie jetzt di infizierten in gute un böse einteilen! Ich bin ensetzt!!!!!!!!!

wo: entscheidend für die Akzeptanz dürfte es sein wo der Ehemann sich mit AIDS angesteckt hat. Diesen Punkt kann man wohl nicht ausblenden wenn sachlich argumentiert wird.

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