Werkrealschulen im Land
Ein erbitterter Kampf
Inge Jacobs,
20.05.2010 16:56 Uhr
Die Filderschule kämpft – auch um die Einbeziehung von Geistigbehinderten. Foto: Steinert
""Wir werden auch vorschlagen, dass manche einzügige Hauptschule
erhalten bleibt.""
Susanne Eisenmann, Schulbürgermeisterin
Besondere Brisanz erhält diese Entwicklung, seit bekannt geworden ist, dass Sabine Nafe, die Rektorin der Filderschule, sich zum nächsten Schuljahr auf eine schulamtsinterne Ausschreibung hin an die Pestalozzischule nach Vaihingen wegbeworben hat, als Nachfolgerin von Maria Pfad.
Doch auch an anderen Schulstandorten ist die Verunsicherung groß. "Das Land hat nicht die Qualitätsfrage gestellt - nur die Größenfrage", sagt Eisenmann. Derzeit prüft ein externes Gutachterbüro im Auftrag der Stadt, welche Standorte erhalten werden sollen und welche nicht. Dabei geht es um Schülerzahlen, aber auch um Verkehrsanbindung und Infrastruktur.
Entgegen der Absicht des Landes kündigt Eisenmann an: "Wir werden in Stuttgart auch vorschlagen, dass die eine oder andere einzügige Hauptschule als Standort erhalten bleibt." Dies sei etwa in Stammheim vorstellbar, wo die Hauptschule zu klein ist, um Werkrealschule zu werden. Für den Filderbereich kann Eisenmann jedoch noch keine Prognose abgeben. "Es wird schwierig, dort eine Lösung zu finden, die alle befriedigt und vor allem die Vorgaben des Landes erfüllt."
Das beunruhigt jetzt insbesondere die Filderschule, wo die Nachricht von Nafes Wegbewerbung "eingeschlagen hat wie eine Bombe". "Das war eine kurze Schockstarre, aber auch ein Auslöseknopf", berichtet eine Lehrerin. Im Gespräch mit der StZ macht das Kollegium deutlich: "Wir warten nicht ab, bis was entschieden wird, sondern wir starten durch."
Eltern kritisieren defensive Haltung der Schulleitung
Das wird auch die Elternschaft freuen, die die Wegbewerbung Nafes "extrem irritiert" hat, wie die Elternbeiratsvorsitzende Inka Glaser-Gallion berichtet. Sie befürchtet, dass die Personalie als Freibrief für die Aufgabe des Schulstandortes gewertet werden könnte und kritisiert die defensive Haltung der Schulleitung. In der Schullandschaft wird das Bild von der Kapitänin kolportiert, die das sinkende Schiff verlasse.
Sabine Nafe sieht jedoch keinen Zusammenhang zwischen ihrer Wegbewerbung und der schulpolitisch schwierigen Lage der Filderschule. "Ich habe mich aus persönlichen Gründen für die Pestalozzischule beworben", sagt sie. "Die Filderschule ist unabhängig von der Schulleitung exzellent." Die Vorwürfe seitens der Eltern, sich zu wenig für den Schulstandort verkämpft zu haben, weist sie zurück.
Das Kollegium will nun nach vorn blicken und in die Offensive gehen - mit Briefen an OB Schuster, Schulbürgermeisterin Eisenmann und die Ratsfraktionen - ohne Nafes Unterschrift. "Wir wollen jetzt klar Position beziehen", erklärt ein Lehrer und sagt selbstbewusst: "Wir fürchten die Konkurrenz nicht - wir sind einfach gut."
Diese Bewertung hat die preisgekrönte und bestens im Stadtbezirk vernetzte Filderschule bereits mehrfach von außen erfahren. Auch dass die meisten Anmeldungen für die fünfte Hauptschulklasse von Schülern außerhalb des Bezirks kommen, wertet sie als Qualitätsbeleg - und verweist zudem auf ihre gute Infrastruktur bezüglich Räumen, Ausstattung und Verkehrsanbindung. Im Wort fühlt sich die Filderschule auch durch die von Schulamt und Schulgremien befürwortete Einrichtung einer Außenklasse mit geistig behinderten Schülern der Bodelschwinghschule, die bereits als Pilotprojekt läuft. Doch dies setzt die Erhaltung des Schulstandorts voraus.
Möglichst viele Schüler sollen die Chance bekommen
Die Politik hat bereits reagiert. SÖS/Linke fordern per Ratsantrag mehr Transparenz beim Meinungsbildungsprozess über die Schulentwicklung auf den Fildern und schlagen einen Runden Tisch vor. Die Grünen fordern per Ratsantrag, möglichst viele Werkrealschulen auf den Fildern einzurichten - "damit möglichst viele Schüler die Chance auf zehn Jahre Bildung bekommen".
Diese müsse "qualitativ hochwertig sein - daher können wir auf das Know-how der vor wenigen Jahren als zweitbeste Hauptschule Deutschlands ausgezeichneten Filderschule nicht verzichten", so die Grünen. Sie fordern eine Kooperation der Plieninger Hauptschule mit Degerloch. Rückenwind bekommt die Filderschule auch vom Bezirksbeirat. Der fordert in einem interfraktionellen Antrag an den Gemeinderat, dass diese Werkrealschule wird.
Ob die Filderschule bald eine neue Rektorin erhält, ist unklar. Denn auch während des ersten Antragsverfahrens für die Werkrealschulen wurden die Ausschreibungen für vakante Schulleitungsstellen für neun Monate auf Eis gelegt, wie ein Sprecher des Regierungspräsidiums (RP) bestätigt. Erst jetzt laufen die Ausschreibungen für Ostheim, Luginsland- und Reisachschule. Bis 15. Oktober muss die Stadt entscheiden, welche Hauptschulen Werkrealschulen werden. Erstmals dürfen Hauptschüler ihre Schule auswählen. Dennoch geht das RP davon aus, "dass sich das einpendelt" und keine Schülerlenkung nötig wird.
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