Wetten mit hohem Risiko Eine beinahe mörderische Option

Von Klaus Dieter Oehler 

Der mutmaßliche Täter von Dortmund wollte einen Kurssturz der Aktie erreichen, um daran zu verdienen. Er nahm dabei in Kauf, eine ganze Fußballmannschaft in die Luft zu sprengen. Ein beispielloser Fall.

Die Polizei hat in Rottenburg das  Wohngebiet abgesperrt, in dem der mutmaßliche Täter wohnt. Foto: dpa
Die Polizei hat in Rottenburg das Wohngebiet abgesperrt, in dem der mutmaßliche Täter wohnt. Foto: dpa

Frankfurt - Wetten gehören zum Sport. Bei solchen Wetten, etwa auf den Ausgang eines Fußballspiels, wird auch schon mal manipuliert. 1970/71 etwa wurde die gesamte Fußball-Bundesliga durchgeschüttelt. Zuletzt sorgte 2009 ein Skandal auf europäischer Ebene für Aufsehen, bei dem rund 200 Spiele „beeinflusst“ worden sein sollten. Die Variante, die der mutmaßliche Täter des Anschlags auf den Bus von Borussia Dortmund (BVB) gewählt hat, ist allerdings bisher einmalig. Unabhängig vom BVB, dem einzigen börsennotierten deutschen Fußballverein, hat es auch in anderen Branchen bisher noch keinen Fall gegeben, bei dem mit derart menschenverachtender Gewalt versucht wurde, den Börsenkurs zu beeinflussen, um daraus Profit zu schlagen. Dabei hat sich der 28-jährige mutmaßliche Täter einer durchaus legalen Form von Wetten bedient. Optionsscheine zählen allerdings auch zu den risikoreichsten Varianten des Börsengeschäfts. Interessant ist die Spekulation mit solchen Optionsscheinen für Anleger vor allem, weil sich die Kursentwicklung des dem Optionsrecht zugrunde liegenden Basiswerts, etwa der BVB-Aktie, im allgemeinen überproportional auf die Kursentwicklung der Option auswirkt.

Statt etwa die BVB-Aktie zum aktuellen Börsenkurs direkt zu erwerben, kauft man das Recht, diese Aktie zu einem bestimmten Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Dadurch kann man mit relativ kleinen Summen Wetten auf deutlich höhere Beträge abschließen. Die BVB-Aktie etwa kostet derzeit gut fünf Euro, Optionsscheine darauf nur rund 15 Cent.

Auffälligkeiten wurden der Finanzaufsicht gemeldet

Laut der Bundesanwaltschaft hat der Beschuldigte am 11. April – dem Tag des Anschlags gegen den BVB – 15 000 Put-Optionsscheine auf die BVB-Aktie erworben. Der Kauf wurde demnach über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt. Nach Informationen der ARD sind im fraglichen Zeitraum sogar 60 000 Optionsscheine im Frankfurter Handel erworben worden. Das war auffällig, weil diese Papiere sonst nur an der auf Privatanleger spezialisierten Stuttgarter Handelsplattform Euwax gehandelt werden. Die betroffenen Optionsscheine waren zu diesem Zeitpunkt so sehr „aus dem Geld“, wie die Fachleute sagen, dass man auf eine extreme Unerfahrenheit des oder der Käufer schließen konnte – oder darauf, dass auf einen extremen Kursabsturz der Aktie gewettet wurde. Daher, so heißt es, wurden diese Auffälligkeiten der Finanzaufsicht gemeldet, die die Bundesanwaltschaft informierte.

Über die Summe, die sich der Täter mit dieser perfiden Wette erhofft hatte, gibt es bisher nur Spekulationen. Es ging aber offenbar nicht um Millionen, wie teils spekuliert wird. Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich um höchstens 5000 Euro handelt, die der Täter eingesetzt hat, schätzen Derivatehändler in Frankfurt. Je nachdem, welches Papier er wirklich gekauft hat, hätte der Gewinn dann bis zu 800 Prozent betragen können. Am Tag des Anschlags stieg der Kurs des Put-Optionsscheins mit einem Basispreis von 5,20 Euro auf 0,19 von 0,15 Euro. Der große Kurssturz, den der Täter sich wohl erhofft hatte, blieb allerdings aus. Am Tag nach dem Anschlag rutschte die BVB-Aktie zunächst um zwei Prozent auf 5,50 Euro ab, drehte dann ins Plus und notierte zeitweise drei Prozent fester. Zum Börsenschluss lag sie 1,7 Prozent höher bei 5,71 Euro. Seither haben die Titel nie weniger als 5,36 Euro gekostet. Für Anleger ist ein Put mit einem Basispreis von 5,20 Euro daher ein Verlustgeschäft, für den Täter erst recht.

Nach der Festnahme des Tatverdächtigen ist die BVB-Aktie am Freitag deutlich gestiegen.

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