Im Wilhelmspalais in Stuttgart haben die Abbrucharbeiten begonnen. Bis zum Ende des Jahres 2016 soll in dem prachtvollen Bau, in dem einst die Stadtbibliothek zuhause war, das Stadtmuseum untergebracht sein.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Nein, es waren nicht irgendwelche ausgeflippten Künstler, sondern seriöse Handwerker, die die riesigen Löcher in die Wände des Wilhelmspalais gehackt haben. Tatsächlich wollten die Architekten jetzt, nachdem das Haus leer steht, das letzte Geheimnis des Palais ergründen: Als in den 1960er Jahren die Stadtbücherei in das denkmalgeschützte Salucci-Gebäude einzog, hat man ein Haus ins Haus gesetzt – überall wurden vor die historischen Außenwände neue Wände gebaut. Doch wie der Trockenbau im äußeren Stein verankert wurde und welche Materialien man verwendete, das wissen die Architekten erst jetzt. Vorerst gibt’s Entwarnung: alles im grünen Bereich, die Planung muss nicht umgeworfen werden.

 

Narben und Risse verweisen auf die Veränderung

Diese Narben und Risse im Palais sind die sichtbaren Zeichen, dass das Stadtmuseum endlich konkret wird. Noch in dieser Woche werden die Abbruchfirmen ins Wilhelmpalais einziehen und anfangen, das „innere Haus“ komplett zu entfernen. Wände, Treppenhäuser und auch die markante Beton-Glas-Decke unterm Dach verschwinden komplett. Oder doch nicht ganz: Anja Dauschek, die künftige Museumsleiterin, hat einige Teile gesichert und eingelagert, so die Tür des Max-Bense-Saals oder das Schild am Eingang, das an den wichtigsten Bewohner des Hauses erinnert, an König Wilhelm II. Man weiß nie, wofür man diese Gegenstände noch brauchen kann. Der Abbruch dauert bis zu einem Jahr – zuletzt werden nur noch die Außenwände stehen. Die Stuttgarter werden allerdings von all dem nicht viel mitbekommen.

Erst dann geht es Mitte 2014 an die eigentlichen Bauarbeiten, die inklusive Ausstellung 36,3 Millionen Euro kosten werden. Die Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnarsdóttir und Oei haben die Pläne mit dem Büro Jangled Nerves erarbeitet. Der Entwurf sieht vor, die historische Achse vom Wilhelmspalais über die Planie zum heutigen Kunstmuseum zu stärken. Die Besucher werden diese Achse besonders im Café erleben können, von wo sie eine schöne Sicht Richtung Schlossplatz haben; im Sommer kann man auf der Terrasse im Freien sitzen. Gespannt sein darf man auch auf den Museumsgarten, der zur rückwärtigen Seite an der Urbanstraße entsteht.

Virtuell durch die künftige Ausstellung geführt

Dies alles existiert bis jetzt nur im Kopf – doch am Wochenende haben die Museumsmacher schon einmal im Rahmen des Abschiedsprogramms virtuelle Führungen durch die künftige Ausstellung angeboten. Anja Dauschek und ihr Kollege Markus Speidel, flankiert von „Hausmeister“ Götz Schneyder, stellten auf amüsante Weise vor, was auf den 1500 Quadratmetern an Ausstellungsfläche ab Ende 2016 alles zu sehen sein wird: so etwa das Fahrrad des Erfinders Trefz, denn Stuttgart war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kurioserweise eine Hochburg des Rades; oder einige Schriften, die nahelegen, dass der Stutengarten vielleicht gar nicht der Ursprung Stuttgarts war, sondern eher der „Stockgarten“, also der Wengert.

Im Zentrum wird aber ein riesiges weißes Modell der Stadt Stuttgart stehen. Darauf können Dinge projiziert werden, die eigentlich gar nicht sichtbar sind: Kaltluftströme etwa, das Ausmaß der Mineralwasserschichten oder die Bebauung Stuttgarts in hundert Jahren. Während des Abrisses haben Dauschek und ihre Kollegen mit den Arbeiten wenig zu tun und können ihren kriminologischen Neigungen nachgehen. Denn die Suche nach Objekten erfordert manchmal Detektivarbeit. Derzeit fahndet Markus Speidel in England nach ausgestopften bekleideten Tieren: Ein Stuttgarter hatte Szenen von Goethes „Reineke Fuchs“ nachgestellt und bei einer Weltausstellung in London gezeigt. „Sie waren der Renner“, sagt Speidel.