Wilhelmspalais Zwischenbilanz einer Zwischennutzung

Ingmar Volkmann, 09.01.2013 07:02 Uhr

Stuttgart - Früher stapelten sich in dieser Ecke des Wilhelmspalais Bücher, heute stehen 21 Paar Damenschuhe fein säuberlich aufgereiht in der Ecke des zum Büro umfunktionierten Raumes. In der Mitte des Zimmers stehen ein Laptop und ein Drucker, mehr braucht Anky Garbas nicht. Die 31-Jährige ist als Geschäftsführerin für die Zwischennutzung des Wilhelmspalais zuständig. Die ehemalige Stadtbücherei am Charlottenplatz ist die derzeit am besten funktionierende Off-Location der Stadt. „Die Zwischennutzung wird wirklich super angenommen“, sagt Anky Garbas. „Vor allem die inhaltlichen Wechsel machen es spannend: An einem Tag haben wir die Musikhochschule zu Gast, am nächsten richten wir eine Firmenveranstaltung aus und wieder einen Tag später findet eine Ausstellung statt.“ Auch die Stadt ist von der Zwischennutzung angetan: „Die Zwischennutzung hat Vorbildcharakter für Stuttgart und zeigt, dass man es wagen kann, Interimslösungen umzusetzen“, sagt Susanne Laugwitz-Aulbach, die Leiterin des Kulturamts.

Dabei sah es erst gar nicht nach einer Erfolgsgeschichte aus. Im November 2010 feierte die Kunstakademie ihre Jahresausstellung im klassizistischen Gebäude am Stuttgarter Charlottenplatz. Kurz vor der Ausstellungseröffnung drohte die Schau aber zu platzen. Das Ordnungsamt hatte damals Mängel beim Brandschutz festgestellt, von denen das Liegenschaftsamt der Stadt nichts gewusst hatte. Die Ausstellung der Studierenden konnte dann zwar stattfinden, genauso wie anschließend die Design- und Kunstmesse Dekumo. Danach stand das Gebäude aber einige Monate leer, ehe Stefan Mellmann und Thorsten Gutbrod, die Betreiber des Kunst- und Kulturbetriebs Wagenhallen, den Zuschlag erhielten, obwohl sich auch andere Künstler um das architektonische Juwel bemüht hatten.

Der Palais wird nach dem Wagenhallen-Prinzip bespielt

Dass Mellmann und Gutbrod bei der Stuttgarter Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann einen Stein im Brett haben, konnte man bei der Eröffnung des Palais im vergangenen Mai beobachten. Susanne Eisenmann, Künstler Mellmann und der nicht nur bei der Ausrichtung von Hochzeiten in den Wagenhallen knallhart verhandelnde Thorsten Gutbrod busselten und herzten sich ausgiebig. Die Wagenhallen und ihre Macher sind für Stuttgarter Politiker das Höchstmaß an Subkultur. Klar, dass bei der Einweihungsfeier zur Zwischennutzung auch die damaligen OB-Kandidaten Bettina Wilhelm, Fritz Kuhn und Sebastian Turner nicht fehlen durften. Die Bespielung des Wilhelmpalais funktioniert nach dem Wagenhallen-Prinzip. Veranstaltungsreihen wie die Konzertserie „Live im Foyer“, die im vergangenen Sommer vor dem spektakulären Gebäude unter dem Motto „Live auf der Treppe“ stattgefunden hat, sind aller Ehren wert. Den größten Zuspruch erfuhr die Kultureinrichtung während der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Sommer. Für viele Stuttgarter war das Wilhelmspalais der beste Public-Viewing-Ort der Landeshauptstadt.

Finanziert wird das Kultur-Programm wie in den Wagenhallen durch Firmenveranstaltungen. Während am Nordbahnhof die Daimler-Pensionäre oder das Bankhaus Ellwanger & Geiger zur Privatveranstaltung bitten, lud im Wilhelmspalais kürzlich eine Zigarettenfirma zu einem mehrtägigen Party- und Kunstmarathon. Noch bis zum Herbst dieses Jahres soll die kulturelle Mischung aus Lesungen, Kinovorführungen, Vorträgen und Konzerten im „Palais“ gehen, anschließend beginnen die Vorbereitungen für das Stadtmuseum, das 2016 eröffnen soll.

Die Macherin hat in der Sternegastronomie gelernt

Charmante Gastgeberin bis zum Baubeginn des Stadtmuseums ist Anky Garbas. Der manchmal etwas nassforsch auftretende Gutbrod und der eher der Kunst zugewandte Mellmann haben die gelernte Köchin in einem klugen Schachzug zur Geschäftsführerin gemacht. Garbas hat in Baiersbronn in der Kaderschmiede des Drei-Sterne-Restaurants Bareiss ihre Ausbildung absolviert. Anschließend unternahm sie die in der Spitzengastronomie üblichen Wanderjahre, kochte unter anderem auf Gran Canaria.

In Stuttgart machte sie sich vor der Bespielung des Wilhelmspalais mit der Dinnerveranstaltung „Menü im Kleinen Raum“ in den Wagenhallen einen Namen. Hier kocht sie gemeinsam mit Martin Ivenz, einem Schüler von Vincent Klink, einmal im Monat ein ausgezeichnetes Mehrgangmenü im ungewöhnlichen Ambiente unter der Discokugel.

Verzettelt man sich bei so unterschiedlichen Aufgaben nicht? „Es ist nicht ohne. Wir haben im Monat bis zu 20 Veranstaltungen im Palais, dazu das Kochen, auch bei Veranstaltungen in den Wagenhallen – meine Arbeitsstunden zähle ich nicht mehr.“ Ihre Augen wandern über die respektable Schuhsammlung. Die private Schuhkollektion ist ihr Versuch, sich ein Stückchen Lebensqualität zurückzukaufen. „Das brauche ich zum Ausgleich“, sagt die zierliche tätowierte Frau. Wer in einem ehemals königlichen Palast mittlerweile so gekonnt das Regiment führt, hat sich das ein oder andere Paar Schuhe mit hohem Absatz aber auch mindestens verdient.