Wilhelmspalais Zwischenbilanz einer Zwischennutzung

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In der ehemaligen Stadtbücherei finden mittlerweile Live-Musik, Filmvorführungen oder Lesungen statt. Verantwortlich für die derzeit spannendste Off-Location der Stadt ist Anky Garbas. Ein Porträt.

Zeichnet für die Kultur im Wilhelmspalais verantwortlich: Anky Garbas. Foto: Martin Stollberg
Zeichnet für die Kultur im Wilhelmspalais verantwortlich: Anky Garbas.Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Früher stapelten sich in dieser Ecke des Wilhelmspalais Bücher, heute stehen 21 Paar Damenschuhe fein säuberlich aufgereiht in der Ecke des zum Büro umfunktionierten Raumes. In der Mitte des Zimmers stehen ein Laptop und ein Drucker, mehr braucht Anky Garbas nicht. Die 31-Jährige ist als Geschäftsführerin für die Zwischennutzung des Wilhelmspalais zuständig. Die ehemalige Stadtbücherei am Charlottenplatz ist die derzeit am besten funktionierende Off-Location der Stadt. „Die Zwischennutzung wird wirklich super angenommen“, sagt Anky Garbas. „Vor allem die inhaltlichen Wechsel machen es spannend: An einem Tag haben wir die Musikhochschule zu Gast, am nächsten richten wir eine Firmenveranstaltung aus und wieder einen Tag später findet eine Ausstellung statt.“ Auch die Stadt ist von der Zwischennutzung angetan: „Die Zwischennutzung hat Vorbildcharakter für Stuttgart und zeigt, dass man es wagen kann, Interimslösungen umzusetzen“, sagt Susanne Laugwitz-Aulbach, die Leiterin des Kulturamts.

Dabei sah es erst gar nicht nach einer Erfolgsgeschichte aus. Im November 2010 feierte die Kunstakademie ihre Jahresausstellung im klassizistischen Gebäude am Stuttgarter Charlottenplatz. Kurz vor der Ausstellungseröffnung drohte die Schau aber zu platzen. Das Ordnungsamt hatte damals Mängel beim Brandschutz festgestellt, von denen das Liegenschaftsamt der Stadt nichts gewusst hatte. Die Ausstellung der Studierenden konnte dann zwar stattfinden, genauso wie anschließend die Design- und Kunstmesse Dekumo. Danach stand das Gebäude aber einige Monate leer, ehe Stefan Mellmann und Thorsten Gutbrod, die Betreiber des Kunst- und Kulturbetriebs Wagenhallen, den Zuschlag erhielten, obwohl sich auch andere Künstler um das architektonische Juwel bemüht hatten.

Der Palais wird nach dem Wagenhallen-Prinzip bespielt

Dass Mellmann und Gutbrod bei der Stuttgarter Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann einen Stein im Brett haben, konnte man bei der Eröffnung des Palais im vergangenen Mai beobachten. Susanne Eisenmann, Künstler Mellmann und der nicht nur bei der Ausrichtung von Hochzeiten in den Wagenhallen knallhart verhandelnde Thorsten Gutbrod busselten und herzten sich ausgiebig. Die Wagenhallen und ihre Macher sind für Stuttgarter Politiker das Höchstmaß an Subkultur. Klar, dass bei der Einweihungsfeier zur Zwischennutzung auch die damaligen OB-Kandidaten Bettina Wilhelm, Fritz Kuhn und Sebastian Turner nicht fehlen durften. Die Bespielung des Wilhelmpalais funktioniert nach dem Wagenhallen-Prinzip. Veranstaltungsreihen wie die Konzertserie „Live im Foyer“, die im vergangenen Sommer vor dem spektakulären Gebäude unter dem Motto „Live auf der Treppe“ stattgefunden hat, sind aller Ehren wert. Den größten Zuspruch erfuhr die Kultureinrichtung während der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Sommer. Für viele Stuttgarter war das Wilhelmspalais der beste Public-Viewing-Ort der Landeshauptstadt.

Finanziert wird das Kultur-Programm wie in den Wagenhallen durch Firmenveranstaltungen. Während am Nordbahnhof die Daimler-Pensionäre oder das Bankhaus Ellwanger & Geiger zur Privatveranstaltung bitten, lud im Wilhelmspalais kürzlich eine Zigarettenfirma zu einem mehrtägigen Party- und Kunstmarathon. Noch bis zum Herbst dieses Jahres soll die kulturelle Mischung aus Lesungen, Kinovorführungen, Vorträgen und Konzerten im „Palais“ gehen, anschließend beginnen die Vorbereitungen für das Stadtmuseum, das 2016 eröffnen soll.

Die Macherin hat in der Sternegastronomie gelernt

Charmante Gastgeberin bis zum Baubeginn des Stadtmuseums ist Anky Garbas. Der manchmal etwas nassforsch auftretende Gutbrod und der eher der Kunst zugewandte Mellmann haben die gelernte Köchin in einem klugen Schachzug zur Geschäftsführerin gemacht. Garbas hat in Baiersbronn in der Kaderschmiede des Drei-Sterne-Restaurants Bareiss ihre Ausbildung absolviert. Anschließend unternahm sie die in der Spitzengastronomie üblichen Wanderjahre, kochte unter anderem auf Gran Canaria.

In Stuttgart machte sie sich vor der Bespielung des Wilhelmspalais mit der Dinnerveranstaltung „Menü im Kleinen Raum“ in den Wagenhallen einen Namen. Hier kocht sie gemeinsam mit Martin Ivenz, einem Schüler von Vincent Klink, einmal im Monat ein ausgezeichnetes Mehrgangmenü im ungewöhnlichen Ambiente unter der Discokugel.

Verzettelt man sich bei so unterschiedlichen Aufgaben nicht? „Es ist nicht ohne. Wir haben im Monat bis zu 20 Veranstaltungen im Palais, dazu das Kochen, auch bei Veranstaltungen in den Wagenhallen – meine Arbeitsstunden zähle ich nicht mehr.“ Ihre Augen wandern über die respektable Schuhsammlung. Die private Schuhkollektion ist ihr Versuch, sich ein Stückchen Lebensqualität zurückzukaufen. „Das brauche ich zum Ausgleich“, sagt die zierliche tätowierte Frau. Wer in einem ehemals königlichen Palast mittlerweile so gekonnt das Regiment führt, hat sich das ein oder andere Paar Schuhe mit hohem Absatz aber auch mindestens verdient.

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6 KommentareKommentar schreiben

Anglizismen, Latinismen: @Reigeschmeckter: der Linguist (Sprachforscher) Anatol Stefanowitsch weißt nach, dass 'Sinn machen' als Redewendung schon bei Lessing zu finden ist (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachkritik/2010-01-28/max-frisch-macht-sinn) und auch sonst schon lange in deutschem Sprachgebrauch ist. Wie originär deutsch das ist, weißt er über 'falschen Sinn machen' nach - das gibt es im Englischen nämlich nicht. Über die Verwendung der Präposition 'in' in Verbindung mit Jahreszahlen hat Herr Stefanowitsch auch interessantes heraus gefunden: es handelt sich um keinen Anglizismus, sondern um einen Latinismus und läßt sich im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert nachweisen. Lesen Sie bitte hier weiter: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachmythen/2011-12-23/auch-in-2012-darf-man-in-2012-sagen Die Moral von der Geschicht? Traue einem Sebastian Sick nicht. Aber in einem gebe ich Ihnen Recht: im Werbersprech finde ich auch Anglizismen, die zudem oftmals keine sind, sondern nur so wirken sollen, vollkommen überflüssig. Und dann noch sowas: 'Service Point'. 'Meeting Point'.

Ich kann nur zustimmen...: @ Beate Scharf: 'Deutsch ist Landessprache' === Sie sollte es zumindest sein. Leider gibt es gerade in den Medien die Entwicklung, die dusseligsten Anglizismen durch unbedachten, denkfaulen Gebrauch zu adeln. Neben der peinlichen Redewendung 'macht Sinn' gerade der letzte Schrei: 'in 2013' statt einfach '2013' oder 'im Jahr 2013'. Grottenfalsch - aber jeder Preßbengel plappert's nach. Früher habe ich mich über die Académie française und ihren Eifer, Fremdsprachiges aus dem Französischen zu halten, beömmelt - ebenso über Quoten für den Anteil französischsprachiger Lieder im Radio. Mittlerweile denke ich: Die Franzosen machen es richtig!

Deutsch ist nicht nur Landessprache: sondern verwandelt sich : ständig, minütlich. Neue Worte kommen hinzu, andere verschwinden, wieder andere ändern ihre Bedeutung. Selbst die Grammatik ist im Wandel. Schon immer. Zum Wort 'off-location' möchte ich 2 Dinge anmerken: - 'Off' als Bezeichnung für nicht institutionalisierte Kunst gibt es mindestens seit den 80er Jahren (man darf mcih gerne korrigieren) - 'Location' als Wort für einen Veranstaltungsort ist seit mindestens Anfang der 90er Jahre in meinem Sprachgebrauch und differenziert den 'Veranstaltungsort' im Sinne von 'nicht ganz so offiziell', erfährt aber gerade eine Bedeutungserweiterung hin zum ganz allgemeinen Veranstaltungsort. Es ist ein Zeichen von Stärke einer Sprache, dass sie wandlungsfähig ist. Und das ist unsere Sprache ganz besonders.

Kein Konzept!: Das bedeutet doch nur das der Bücherwürfel schnell erricht werden mußte um ein vakantes Gelände auf den von Investoren ach so begehrten Flächen, das wie fast der ganze Rest der 100 Hektar schon jetzt ohne S 21 frei ist, rasch mit eine Publikumsmagneten zu bebauen und die tote Betonwüste zu beleben. Und ein passendes Konzept für die Nutzung des historischen Palais fehlt also bis heute. Die neue Stadttbücherei hätte ürigens locker in die alte Bahnhofsdirektion gepasst. da war ja mal das ganze Rathaus drin Auf den jetzt schon freien Flächen bauen doch fast nur Landeseigene, bis landesnahe Banken und Holdings. Ähnliches gilt für die Idee einer neuen Konzerthalle. Im Endeffekt bedeutet das mal wieder riesige Subventionen aus landeseigenen Geldern für S 21 für die scheinbar sonst nur wenig attraktiven Flächen für private Investoren. Ausnahme ECE - auf deren elitären Lobbyclub-Parties Schuster, Gönner bis zum Bekanntwerden bekanntwerden ungeniert Parties gefeiert haben.

Was ist...: ...denn ein e Off-Location? Ein Aus-Ort?

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