Winnenden Das Leben steht still
Frank Rodenhausen, 11.03.2010 18:31 Uhr
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Der Blick der trauernden Schüler ist nach vorne gerichtet. Foto: Stoppel
Der Blick der trauernden Schüler ist nach vorne gerichtet. Foto: Stoppel
""Wir wollen nicht, dass der 11. März unser Leben beherrscht.""
Ein Schüler aus Winnenden



Die Träume der Jugendlichen


Bis um 11 Uhr pilgern rund 1500 Menschen vor die Albertville-Schule, junge und alte, einige halten sich an den Händen, der Halbkreis wird größer. Das "Projektorchester für den Jahrestag" beginnt den offiziellen Teil der Trauerfeier mit dem Stück "Panis angelicus". Der Oberbürgermeister begrüßt die Gäste, die Angehörigen, den Bundespräsidenten, den Ministerpräsidenten, Minister, Abgeordnete, die Trauergemeinde. Er betont, dass die Schüler und Lehrer heute im Vordergrund stehen sollten, selbst für den Bundespräsidenten sind nur sechs Minuten Redezeit eingeplant. Aber seine Worte werden mit Spannung erwartet. Die Angehörigen der Opfer hoffen, dass mit dem Jahrestag die Debatte über den Umgang mit Waffen, über Killerspiele nicht aufhört.

Horst Köhler spricht mit bewegter Stimme, er zollt den Schülern und Angehörigen Respekt und bekundet Mitleid. Und er belässt es nicht bei Beileidsbekundungen, fordert weitere Beschränkungen für den Zugang zu Waffen und "klar definierte" Regeln für die Berichterstattung der Medien über Amokläufe. Die wichtigste Konsequenz aber müsse jeder Einzelne ziehen: "Wir können alle lernen, gut miteinander umzugehen. Wir können darauf achten, dass niemand abseits bleibt. Wir können mehr Anteil nehmen aneinander, statt achtlos vorüberzugehen."

"Der 11. März ist klar ein Teil unseres Lebens geworden. Doch wir wollen nicht, dass er unser Leben beherrscht", sagt ein Schüler. Symbole aus der zentralen Trauerfeier von 2009 werden aufgegriffen und vor der Schule abgelegt. Sie stehen für das Leben, die Träume der Jugendlichen: Ringe, Hände, ein Tanzkleid, eine Sonnenblume, ein Herz. "Ich lebe meinen Traum" ist das Motto der Schulgemeinschaft, jeder trägt einen Anstecker mit diesem Satz.

Der Weg wird steinig sein


Die Mutter der getöteten Viktorija Minasenko spielt auf dem Klavier. Sie hat das Stück eigens zum Andenken komponiert. Dann beginnt eine Schülerin langsam und eindringlich die Namen der Opfer zu verlesen. Währenddessen werden 15 Steinplatten mit den Namen der Opfer auf den Boden gelegt. Daran schließt sich später ein "Weg in die Zukunft" an. Die Schüler teilen Kieselsteine aus. Sie werden mit Botschaften beschriftet. Begriffe wie Glück, Liebe, Hoffnung oder Zukunft werden von der Trauergemeinde daraufgeschrieben. Die Kiesel werden nicht akkurat ausgerichtet. "Unser Weg in die Zukunft wird auch nicht gerade, sondern steinig sein", erläutert Astrid Hahn.

Die Rektorin der Albertville-Realschule bedankt sich für die Hilfe im vergangenen Jahr. Und sie fasst den Stolz auf ihre Schützlinge in Worte: "Die Schulgemeinschaft hat versucht, ihre Träume in diesem Jahr weiterzuleben, ihr seid so stark." Mit dem Lied des Chors "Wir für Winnenden" klingt die Trauerfeier aus: "Wir geben niemals auf, und meine Hand ist für dich da, die zu dir hält. Wir stehen wieder auf, finden das Glück. Schaut nicht zurück."

Während der Bundespräsident und der Ministerpräsident von Sicherheitskräften zum Schlosscafé geleitet werden, um dort mit Angehörigen und geladenen Gästen zu Mittag zu essen, bleiben viele Menschen noch stehen, legen Kerzen und Beileidsbekundungen ab. Nächstes Jahr um diese Zeit soll die Albertville-Schule eine Baustelle sein, man wartet auf den Umbau und die Wiedereröffnung. Sie sind mehr als "die Amokschule", das haben die Schüler bei der Trauerfeier klar gemacht. Sie haben ein Symbol für die Hoffnung und richten den Blick nach vor. Am Abend finden in Winnenden und in vielen anderen Gemeinden Gottesdienste statt. Die Sonne hat sich am Tag der Trauer nicht ein einziges Mal gezeigt. Aber es hat aufgehört zu schneien.
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