Winnenden Das Leben steht still
Frank Rodenhausen, 11.03.2010 18:31 Uhr
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Der Blick der trauernden Schüler ist nach vorne gerichtet. Foto: Stoppel
Der Blick der trauernden Schüler ist nach vorne gerichtet. Foto: Stoppel
""Wir wollen nicht, dass der 11. März unser Leben beherrscht.""
Ein Schüler aus Winnenden

Winnenden - Hätte es hier im Winnender Schulzentrum einer Dramaturgie bedurft, der Regisseur hätte wohl diesen Rahmen gewählt: über Nacht ist die Welt weiß geworden. Niemand hat mit so viel Schnee gerechnet. Der Himmel ist grau, der Wind bläst Schneeflocken in die Gesichter der Menschen, die sich zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs versammelt haben. Auf der nahe gelegenen Bundesstraßesind Autos ineinandergekracht, es staut sich der Berufsverkehr. Winnenden gedenkt, und Winnenden übt wieder die ersten Schritte zur Normalität.

In der Innenstadt hat der Wochenmarkt pünktlich um acht Uhr seinen Betrieb aufgenommen. Der Blumenverkäufer fachsimpelt über das Wetter, der Eiermann flirtet mit einer Kundin, am Gemüsestand werden Kartoffeln abgewogen. Die Stadt hat das Händlertreiben nicht abgesagt. Das Leben soll weitergehen in Winnenden. Nicht weit vom Schulzentrum, beim Wunnebad, auf das man hier wegen seiner überregionalen Anziehungskraft auf Schwimmer und Saunagänger stolz ist, haben sich die Übertragungswagen postiert.

Das Medieninteresse ist ungleich geringer als vor einem Jahr, als Horden von Journalisten aus aller Welt in die Stadt am Rande des Schwäbischen Waldes einfielen. "Das Campinglager ist, Gott sei Dank, ausgeblieben", sagt der Waiblinger Polizeisprecher Klaus Hinderer. Ein Dutzend Fernsehteams hat sich akkreditiert. Die Psychologische Nachsorge hatte vorab appelliert: "Der Respekt vor der Würde des Menschen erfordert, die Betroffenen nicht erneut durch Bedrängnis von außen mit der belastenden Situation zu konfrontieren. Halten Sie bitte Abstand, fragen Sie nicht nach dem persönlichen Erleben vor einem Jahr, weil dadurch die traumatischen Erfahrungen wiederbelebt werden." Der überwiegende Teil der Journalisten hält sich daran.

Erste Schritte zur Normalität


Ein Großteil der Schüler, Lehrer und Ehemaligen der Albertville-Schule sowie deren Angehörige ist seit 7.45 Uhr in der dem Schulhaus benachbarten Hermann-Schwab-Halle zusammengekommen. Dort will man die Zeit der Tat mit "gottesdienstähnlichen Elementen" gemeinsam durchstehen, alleine. "Jedes Verhalten an so einem Tag ist normal", sagt der Psychologe Thomas Weber, der die Nachsorge koordiniert. Bei den Betroffenen werden Erinnerungen mit neuer Wucht aufbrechen. Und diese Gefühle sollen nicht zur Schau gestellt werden.

Um 9.10 Uhr trifft der Oberbürgermeister Bernhard Fritz vor der Schule ein. Die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs und die Schneeräumfahrzeuge, die noch für penible Sauberkeit gesorgt haben, ziehen ab. Fünf Minuten später bewegt sich ein Strom dunkel gekleideter Menschen von der Schwabhalle, um hinter dem Schulgebäude in einem Halbkreis zusammenzukommen. Punkt 9.33 Uhr beginnen die Kirchenglocken in der Stadt zu läuten. Genau vor einem Jahr ging zu diesem Zeitpunkt bei der Polizei der erste Notruf eines Schülers ein: Schüsse in der Albertville-Realschule. Drei Minuten zuvor, in der zweiten Schulstunde der zehnten Klasse, hatte das entsetzliche Blutbad begonnen, in dessen Verlauf ein ehemaliger Schüler 15 Menschen - acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen und drei Männer - das Leben auslöschte, bevor er sich tötete.

In diesem Moment, da die Glocken läuten, scheint das Leben in Winnenden stillzustehen. Am Bratwurststand auf dem Markt falten die Verkäuferinnen die Hände. Eine Frau mit Kinderwagen tut es ihnen gleich wie viele Passanten. Wenige sind irritiert. "Was ist passiert?", wispert eine Frau ihrem Begleiter zu. "Wie dumm von mir, wie konnte ich das vergessen."

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