Winnenden-Prozess Angehörige fordern Haftstrafe
Frederike Poggel, 27.01.2011 14:09 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Trauer und Tapferkeit stehen oft dicht beieinander. Ihre Stimme zittert, aber die Mutter einer an der Albertville-Realschule getöteten Schülerin spricht weiter in das Mikrofon, das in Saal eins des Landgerichts vor ihr aufgebaut ist. "Wir stehen auf mit Schmerz. Wir gehen durch den Tag mit den schrecklichen Bildern. Und wir gehen damit zu Bett."

Ein letztes Mal nutzt sie und nutzen andere Nebenkläger die Bühne, die ihnen der Prozess gegen den Vater von Tim K. bietet. Ihre Vertreter haben da bereits plädiert: Viele sprechen sich dafür aus, Jörg K. nicht zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen, wie sie die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. "Das würde diesen Mann in keiner Weise erreichen. Er sollte ein paar Monate in der Stille des Raumes nachdenken, ob er nicht was falsch gemacht hat", sagt der Rechtsanwalt Uwe Krechel polternd. Er fordert drei Jahre Haft. Nach Jörg K.s Auftreten vor Gericht "sehe er keine positive Prognose", begründet Rechtsanwalt Bernd Kiefer seine Forderung nach einer nicht weiter bezifferten Strafe ohne Bewährung.

Emotionaler Verhandlungstag


Als der Vorsitzende Richter nach den Plädoyers das Wort weiterreicht an die Hinterbliebenen, wird dieser wohl drittletzte Verhandlungstag trotz vieler vorangegangener trauriger Momente noch zu einem der emotionalsten. Verwaiste Eltern sprechen von einsamen Stunden, Hinterbliebene vom Leid, das ihr Leben bestimmt. "Ich will keine Rache und erwarte keine Gerechtigkeit", sagt der Vater einer Getöteten. "Aber ich erwarte ein deutliches Signal vom Gericht, dass Eltern für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich sind."

Für fast alle Angehörigen steht fest, dass eine Bewährungsstrafe für Jörg K. nicht angemessen wäre. "Für mich ist es so, als hätte der Vater die Morde selbst begangen", sagt einer. Und immer wieder äußern sie sich enttäuscht über den Angeklagten, dessen Fernbleiben und die Verteidiger: "Sie haben keine Gelegenheit ausgelassen, meine Gefühle mit Füßen zu treten."

Kommentare (11)
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JAN
28
Chris, 11:49 Uhr

Wer maßt sich an...

...auch nur annähernd beurteilen zu können, was richtig und falsch ist, ohne selbst betroffen zu sein oder ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben? Ich denke, dass eine Meinungsbildung die einem "Wunschurteil" zugrunde liegt, niemandem möglich ist, es sei denn er ist nun eben betroffen. Und selbst bei den Betroffenen sprechen wir von Subjektivität. Einer grausamen unerträglichen Subjektivität. Ich finde, es bleibt nur von ganzem Herzen zu hoffen, dass die Eltern der Opfer irgendwann wieder einen Sinn in ihrem Leben finden können. Ich glaube, ich könnte es nicht - aber selbst diese Beurteilung ist eine Anmaßung. Übrig bleibt trauriges Mitgefühl

JAN
28
Ilse, 11:47 Uhr

Angehörige fordern Haftstrafe

Die Angehörigen werfen dem Vater von Tim K. mangelnde Reue vor.Sie schließen das wohl hauptsächlich aus dem Fernbleiben vom Prozeß. Aber ist das Grundlage genug, die Gefühle des Angeklagten zu beurteilen? Sie haben ihn vermutlich bis zu dieser schrecklichen Tat, die nun mal nicht er, sondern sein Sohn begangen hat, auch nicht gekannt. Woher also wollen sie sein "Innenleben" beurteilen können. Haben sie nicht durch ihr hasserfülltes Verhalten ihm gegenüber mit dazu beigetragen, daß er sich so isoliert hat? Ich erinnere mich auch noch, wie sein früheres Entschuldigtungsschreiben "abgetan" wurde. Nicht jedermann kann nun mal von seiner Erziehung und Entwicklung her sein Herz auf der Zunge tragen und einem anderen gegenüber genau das kundtun, was er hören will.

JAN
28
Galbadon, 11:15 Uhr

Verantwortung

Natürlich sind Eltern nicht immer im juristischen Sinne verantwortlich für die Taten der Kinder - im moralischen Sinne schon. Das ist halt auch ein Teil der Realität, die Familie ausmacht, das es Verantwortung für die Familienmitglieder bedeutet. Familie ist eben nicht da, wo der Kühlschrank steht, sondern da, wo Menschen füreinander einstehen. Hätten die Eltern von vornherein zu ihrer Verantwortung gestanden, hätte der Vater die Strafe angenommen, es war ja seine Waffe, hätte er dazu beigetragen, das die Eltern der Opfer die Trauerarbeit leichter abschließen können. Natürlich ist der Sohn für die Taten verantwortlich, Rache am Vater ist nicht angebracht - aber im sozialen Sinn Verantwortung zu übernehmen ist selbstverständlich Aufgabe der Eltern, auch der Mutter im Übrigen. Ich habe mich oft gefragt, was ich täte, wenn mein Sohn so etwas tun würde, ob ich den Mut hätte, die Konsequenzen zu übernehmen - ich muss ehrlich sagen, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, das ich mich, vorallem den Verwandten der Opfer gegenüber, so nicht benommen hätte.

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