Winnenden-Prozess
Ein Prozess, der Neuland betritt
Frederike Poggel,
10.02.2011 07:01 Uhr
Foto: Steinert
Stuttgart - Am Donnerstag geht einer der spektakulärsten Prozesse vor dem Landgericht Stuttgart nach vier Monaten und 27 Verhandlungstagen zu Ende. Die 18. Kammer wird ihr Urteil über Jörg K. am Donnerstag verkünden. Einen solchen Prozess hatte es zuvor noch nicht gegeben in der bundesrepublikanischen Rechtsgeschichte.
Am 11. März 2009 hat der Schüler Tim K., 17 Jahre alt, mit einer 9-Millimeter-Pistole seines Vaters 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Beretta lag im Schlafzimmerschrank der Eltern. Mit sich führte Tim K. 285 Patronen. Laut Anklage nahm er sie aus der Sporttasche seines Vaters, der diese nach dem Schießtraining oft nicht wegschloss. Außerdem trug Tim K. ein Jagdmesser seines Vaters bei sich.
Auch wenn einige bis heute der Theorie anhängen, Tim K. habe besonders Mädchen im Visier gehabt: "Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Er wusste auch nicht, dass er nach Wendlingen will. Die Route war zufällig", sagte ein ermittelnder Beamter aus.
Im April 2008 äußerte Tim K. gegenüber den Psychiatern in Weinsberg, dass er einen Hass auf die Welt habe und alle erschießen wolle. Ein Sachverständiger deutet das so, dass Tim K. sich schon ein Jahr vor der Tat mit dem Amoklauf beschäftigt hat. Im Sommer 2008 soll er damit begonnen haben, Munition zu sammeln. Es passt ins Bild, dass die Polizei auf Tim K.s Computer Fotos von Amoktätern und Massenmördern fand, zu denen er Aufnahmen von sich in ähnlichen Posen stellte. Auf dem Rechner stieß sie zudem auf Clips von den Massakern in Emsdetten und an der Columbine High School.
Das ist eine der Kernfragen. Einer Zeugin zufolge haben Tim K.s Psychiater die Eltern über dessen Tötungsfantasien informiert. Seine Mutter dagegen stritt das gegenüber der Polizei ab: Die Therapeuten hätten nur eine "soziale Phobie" diagnostiziert. Tims Schwester jedenfalls hatte wohl ein Gespür für die Stimmungslage ihres Bruders: Er sei "wie die Oma" manisch-depressiv, habe keine Freunde und sitze nur vor dem Computer, schrieb sie im Internetchat. Exlehrer und -mitschüler schilderten Tim teils als Außenseiter, teils als unauffälligen Jungen. Bei Gewalt kannte er offenbar keine Hemmschwelle: In den Schulpausen zockte er Killerspiele am Computer, in seinem Zimmer stellten die Ermittler säckeweise Horrorfilme und Sadomasopornos sicher.
Diese Frage soll klären, ob es ursächlich für den Amoklauf war, dass Jörg K. die Beretta im Kleiderschrank versteckt hat. Angenommen, Tim K. kannte die Geheimzahl des Tresors: dann hätte er sich auch anderer Waffen bedienen können. Zwar haben Mitschüler bei der Polizei genau das ausgesagt, zum Ärger der Verteidigung wiederholten sie das aber nicht vor Gericht. Auch die Gutachter des Landeskriminalamtes lieferten keine klare Antwort. An der Tastatur des Tresors stellten sie zwar DNA-Spuren von Tim K. fest, konnten ihn aber nicht zweifelsfrei als deren Verursacher nachweisen.
Das interessiert vor allem die Verteidiger. Streitfrage ist die polizeiliche Belehrung: Anders als der Zeuge muss der Beschuldigte über sein Recht zu schweigen unterrichtet werden. Ab dem 13. März 2009 wurde gegen Jörg K. ermittelt. Die Verteidigung fragt aber: War er nicht schon davor Beschuldigter? Deswegen halten sie alle Aussagen vor diesem Datum für nicht verwertbar - ob brisant oder nicht.
Strittig ist, ob die Therapeuten sich richtig verhalten haben, nachdem Tim K. seine Tötungsfantasien geäußert hat. Im Abschlussbericht ist jedenfalls nicht von einer Eigen- oder Fremdgefährdung die Rede. Die Ärzte empfahlen den Eltern, ihrem Sohn zu mehr sozialen Kontakten zu verhelfen - woraufhin Jörg K. ihn mit in den Schützenverein nahm. Ob die Therapeuten zur Rechenschaft zu ziehen sind, wird in einem Zivilprozess geklärt werden, den Angehörige und Verletzte anstreben.
Die Waffe, die Tat
Am 11. März 2009 hat der Schüler Tim K., 17 Jahre alt, mit einer 9-Millimeter-Pistole seines Vaters 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Beretta lag im Schlafzimmerschrank der Eltern. Mit sich führte Tim K. 285 Patronen. Laut Anklage nahm er sie aus der Sporttasche seines Vaters, der diese nach dem Schießtraining oft nicht wegschloss. Außerdem trug Tim K. ein Jagdmesser seines Vaters bei sich.
Ging Tim K. gezielt vor?
Auch wenn einige bis heute der Theorie anhängen, Tim K. habe besonders Mädchen im Visier gehabt: "Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Er wusste auch nicht, dass er nach Wendlingen will. Die Route war zufällig", sagte ein ermittelnder Beamter aus.
Hat Tim K. den Amoklauf geplant?
Im April 2008 äußerte Tim K. gegenüber den Psychiatern in Weinsberg, dass er einen Hass auf die Welt habe und alle erschießen wolle. Ein Sachverständiger deutet das so, dass Tim K. sich schon ein Jahr vor der Tat mit dem Amoklauf beschäftigt hat. Im Sommer 2008 soll er damit begonnen haben, Munition zu sammeln. Es passt ins Bild, dass die Polizei auf Tim K.s Computer Fotos von Amoktätern und Massenmördern fand, zu denen er Aufnahmen von sich in ähnlichen Posen stellte. Auf dem Rechner stieß sie zudem auf Clips von den Massakern in Emsdetten und an der Columbine High School.
Hätte der Vater etwas ahnen können?
Das ist eine der Kernfragen. Einer Zeugin zufolge haben Tim K.s Psychiater die Eltern über dessen Tötungsfantasien informiert. Seine Mutter dagegen stritt das gegenüber der Polizei ab: Die Therapeuten hätten nur eine "soziale Phobie" diagnostiziert. Tims Schwester jedenfalls hatte wohl ein Gespür für die Stimmungslage ihres Bruders: Er sei "wie die Oma" manisch-depressiv, habe keine Freunde und sitze nur vor dem Computer, schrieb sie im Internetchat. Exlehrer und -mitschüler schilderten Tim teils als Außenseiter, teils als unauffälligen Jungen. Bei Gewalt kannte er offenbar keine Hemmschwelle: In den Schulpausen zockte er Killerspiele am Computer, in seinem Zimmer stellten die Ermittler säckeweise Horrorfilme und Sadomasopornos sicher.
Kannte Tim K. den Code des Waffentresors?
Diese Frage soll klären, ob es ursächlich für den Amoklauf war, dass Jörg K. die Beretta im Kleiderschrank versteckt hat. Angenommen, Tim K. kannte die Geheimzahl des Tresors: dann hätte er sich auch anderer Waffen bedienen können. Zwar haben Mitschüler bei der Polizei genau das ausgesagt, zum Ärger der Verteidigung wiederholten sie das aber nicht vor Gericht. Auch die Gutachter des Landeskriminalamtes lieferten keine klare Antwort. An der Tastatur des Tresors stellten sie zwar DNA-Spuren von Tim K. fest, konnten ihn aber nicht zweifelsfrei als deren Verursacher nachweisen.
Ab wann wurde Jörg K. beschuldigt?
Das interessiert vor allem die Verteidiger. Streitfrage ist die polizeiliche Belehrung: Anders als der Zeuge muss der Beschuldigte über sein Recht zu schweigen unterrichtet werden. Ab dem 13. März 2009 wurde gegen Jörg K. ermittelt. Die Verteidigung fragt aber: War er nicht schon davor Beschuldigter? Deswegen halten sie alle Aussagen vor diesem Datum für nicht verwertbar - ob brisant oder nicht.
Was tat die Psychiatrie in Weinsberg?
Strittig ist, ob die Therapeuten sich richtig verhalten haben, nachdem Tim K. seine Tötungsfantasien geäußert hat. Im Abschlussbericht ist jedenfalls nicht von einer Eigen- oder Fremdgefährdung die Rede. Die Ärzte empfahlen den Eltern, ihrem Sohn zu mehr sozialen Kontakten zu verhelfen - woraufhin Jörg K. ihn mit in den Schützenverein nahm. Ob die Therapeuten zur Rechenschaft zu ziehen sind, wird in einem Zivilprozess geklärt werden, den Angehörige und Verletzte anstreben.
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