Winnenden-Prozess Zeuge zieht Aussage zurück
Frederike Poggel, 07.12.2010 19:43 Uhr
Kerzen und Blumen stehen in Winnenden vor der Albertville-Realschule zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufes. Foto: dapd
Kerzen und Blumen stehen in Winnenden vor der Albertville-Realschule zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufes. Foto: dapd
Stuttgart - Aufgeräumt wirkt die Lehrerin, die Tim K. bis zu dessen Amoklauf am 11. März 2009 in Deutsch und Ethik unterrichtet hat. Überlegt und geduldig beantwortet sie als Zeugin vor dem Landgericht Stuttgart alle Fragen der Richter, der Nebenklägervertreter, der Verteidiger, der psychologischen Gutachter. Nur einmal lässt sie für einen Moment durchscheinen, wie nah ihr die Tat gehen muss, bei der 15 Menschen ihr Leben ließen und 13 verletzt wurden: "Ich habe geträumt von Tim, ihm seinen Namen entgegengerufen, um ihn aufzuhalten", sagt sie und stockt.

Sie beschreibt Tim K. wie schon so viele Zeugen vor ihr als stillen Schüler: "verklemmt, unauffällig, bockig, eine Person mit zwei Gesichtern", hatte sie in ihrer polizeilichen Vernehmung kurz nach der Tat gesagt. Bei dieser Einschätzung bleibt sie: "Tim gehörte zu einer Gruppe von Spätpubertären", er habe ein "trotziges Scheißegal-Gefühl" transportiert. Am Unterricht habe er sich nie beteiligt, auch nicht, als - es war wohl im Januar 2009 - Texte über den Amoklauf in Erfurt gelesen wurden. "Da musste man ihm, wie immer, alles Wesentliche aus der Nase ziehen." Nur an eine Ausnahme erinnert sie sich, und zwar als der "Tod aus Spaß" durchgenommen wurde; darin ging es um ein Verbot, Waffen originalgetreu nachzubauen. Tim meldete sich zu Wort. "Aber das war wie abgespult. Wenn Tim was gesagt hat, dann klang das wie aus dem Lehrbuch", sagt sie, der Tenor seiner Wortmeldungen habe gelautet: "alles in Ordnung, alles vorschriftsmäßig."

"Ich weiß nicht, ob sie ein Schwätzer sind"


Doch ging im Hause der Familie wirklich alles mit rechten Dingen zu? In einer Vernehmung durch Polizeibeamte kurz nach der Amoktat hatte ein Schulfreund von Tim K. noch angegeben, dass Tim die Geheimzahl für den Tresor im Keller des Hauses gekannt habe, in dem der Vater seine erlaubnispflichtigen Gewehre und Pistolen verwahrte. "Er hat immer zu uns gesagt, dass er den Safe-Code kennt", so hatte der Freund es den Ermittlern damals gesagt. Diese frühere Aussage zog er aber am Dienstag zurück: "Heute kann ich mich daran nicht mehr erinnern", sagte er. Auch offen geäußerte Zweifel von Richter Reiner Skujat halfen ihm nicht auf die Sprünge. "Ich weiß nicht, ob sie ein Schwätzer sind oder jemand, auf dessen Wort man sich verlassen kann", sagte der Vorsitzende, ohne allerdings darauf Resonanz zu bekommen. Stattdessen relativierte der 20-Jährige auch eine weitere Aussage aus seiner polizeilichen Vernehmung, nach der Tim K. einmal Munition aus einem der Tresore geholt und ihm gezeigt habe. "Keine Ahnung, er hätte die Kapseln auch von woanders holen können", sagte der Schulfreund.

Unterdessen wurden die ersten Forderungen nach Schmerzensgeld laut. Der Rechtsanwalt Jens Rabe verlas die seitenlangen Anträge für fünf seiner Mandanten: meist Schüler der Albertville-Realschule, die von Tim K.s Schüssen getroffen wurden und sie - teils schwer verletzt - überlebten. Sie klagen jeweils auf Entschädigungssummen zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Weitere Anträge dürften folgen.

Kommentare (1)
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DEZ
12
Avesta, 23:32 Uhr

Unterricht

Na, hoffentlich hat dieser Unterrischt Tim K. nicht noch (zusätrzlich) auf den Gedanken des Amoklaufs gebracht. - Sozusagen als letzter Anstoß für eine ohnehin schon infolge Killerspiele und Waffengeilheit aufgehetzte Person. Im Übrigen neigen Lehrer dazu, wortkarge Schüler weniger zu akzeptieren. Hier in BRD darf man ja fast alles am Kopf haben, nur als introvertierter ADS- oder Asperger-Kandidat z.B. hat hier schnell die Arsch-Karte ! Dummschwätzer und Rabauken kommen in dieser Gesellschaft immer besser weg als jene, die lieber beobachten und sich selbst mit ihrer Meinung zurückhalten. Solange das deutsche Bildungssystem die mündliche Mitarbeit im Schulunterricht überbewertet, solange leidet unser System auch an der übersteigerten Erwartungshaltung und nachfolgender Enttäuschung, die aus dem krankhaften Drang des Hervortuns folgt. Die Polit-Schauspieler besonders der goldgelben Sorte sind ein gutes Beispiel dafür !