Wisent, Wolf & Co. Die wilden Nachbarn sind nicht jedem recht

Von Benjamin Haerdle 

Seit einigen Jahren werden große Wildtiere wie Wölfe und Wisente in Deutschland wieder heimisch. Doch dagegen regt sich Widerstand. Nun hat ein Gericht entschieden, dass die zotteligen Wisente im Rothaargebirge nicht mehr frei durch den Wald streifen dürfen.

Die vor anderthalb Jahren im Rothaargebirge ausgesetzte Wisent-Herde hat Nachwuchs bekommen: In die Kamera schaut das männliche Kalb Quintus. Foto: Wisent-Welt-Wittgenstein
Die vor anderthalb Jahren im Rothaargebirge ausgesetzte Wisent-Herde hat Nachwuchs bekommen: In die Kamera schaut das männliche Kalb Quintus.Foto: Wisent-Welt-Wittgenstein

Stuttgart - Die Wisente im Rothaargebirge knabbern furchtbar gerne an der Rinde von Buchen, um dort an Nährstoffe heranzukommen. Das aber verärgert Landwirte, die wirtschaftliche Schäden in ihren Wäldern befürchten. Ein Waldbesitzer zog deswegen vor das Amtsgericht Schmallenberg, er setzte damit dem Heißhunger der Zotteltiere ein Ende. Am Donnerstag entschieden die Richter, dass die Wisente nicht mehr frei durch die Wälder streifen dürfen.

Das Urteil, gegen das der Trägerverein Wisent-Welt-Wittgenstein in Berufung gehen wird, wirft ein Schlaglicht darauf, ob in  so einem dicht besiedelten Land wie Deutschland große Säugetiere überhaupt wieder sesshaft werden können. Unvergessen ist zum Beispiel das Schicksal des Braunbären Bruno, der im Jahr 2006 über die Alpen nach Deutschland einwanderte und auf der Gemarkung des Landkreises Schliersee erlegt wurde, nachdem er Haustiere riss. Heute steht er ausgestopft im Schloss Nymphenburg. Trotz der Rückschläge bleibt der Zoologe Josef Reichholf optimistisch. „Die öffentliche Stimmung zu Gunsten der Rückkehr von Großtieren war noch nie so gut wie in unserer Zeit“, sagt das einstige Präsidiumsmitglied des Umweltverbands WWF. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung wünsche sich große und erlebbare Wildtiere.

Gegen die Wölfe werden Unterschriften gesammelt

Positiver als Wisent und Braunbär verläuft bisher die Ausbreitung des Wolfs, der in Deutschland als ausgestorben galt. Im Jahr 2000 wurde erstmals eine Wolfsfamilie in der Muskauer Heide beobachtet, mittlerweile leben alleine in Sachsen zwölf, in ganz Deutschland 34 Rudel. Daran gewöhnt hat sich trotzdem nicht jeder, das Unbehagen über die Neubürger hält an. Insgesamt sechs illegal getötete Wölfe wurden in Sachsen schon gefunden. Verschärfend hinzu kam, dass Wölfe Mitte September drei Schafe im Dorf Zescha im Landkreis Bautzen rissen. Schafsattacken gibt es zwar immer wieder, aber dass sich die Tiere in ein Dorf wagten, um Beute zu machen, galt als Novum. Und erst im Sommer überreichten Wolfsgegner dem sächsischen Landtagspräsidenten mehr als 10 000 Unterschriften – verbunden mit der Bitte, künftig Wölfe bei untypischen Verhalten abschießen zu dürfen.

Die anhaltenden Diskussionen über den Wolf hätte man aber schon längst entschärfen können. „Die zuständigen Behörden haben sich keine Strategien überlegt, wie es mit dem Wolf weitergeht, wenn sein Bestand in Deutschland zunimmt“, kritisiert der Ökologe Sven Herzog, der sich an der Technischen Universität (TU) Dresden dem Wildtiermanagement widmet. Auf viele Fragen gebe es keine Antworten: Wie viele Wölfe wollen wir in Deutschland haben? Was unternimmt der Mensch bei Krankheiten der Wölfe? Was passiert, wenn die Wölfe Rinder und Pferde auf Straßen treiben und es dort zu Unfällen kommt? „Da fehlen klare Ansagen, und für die vor Ort lebenden Menschen ist nichts schlimmer als Unsicherheit“, sagt Herzog. Dies zeigte sich im Dezember vergangenen Jahres, als bei einem Verkehrsunfall auf einer Bundesstraße nahe Meißen zwei Menschen verletzt wurden und neun Pferde starben. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, die Pferde seien aus Panik vor angreifenden Wölfen auf die Straße geflüchtet und hätten damit den Unfall verursacht. Erst im Sommer meldete die Landesdirektion Sachsen, dass „keine gesicherten Erkenntnisse darüber vorliegen, ob sich im fraglichen Gebiet Wölfe aufgehalten haben“.

Die Auswilderung der Wisente im Rothaargebirge, an der sich auch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) als Deutschland oberste Naturschutzbehörde mit rund 900 000 Euro beteiligte, verlief zunächst nahezu konfliktfrei. Zwar setzte es anfangs Kritik von Land- und Forstwirten, doch die Urviecher schienen bald akzeptiert. Rund 21 000 Euro überwies der Wisent-Verein bisher privaten Waldbesitzern als Entschädigung. Offensichtlich genügte das aber nicht, was jedoch vor Gericht deutlich wurde. Wie der Kläger betonte, sei sein Ziel nicht der finanzielle Ausgleich, sondern Nachhaltigkeit: Er wolle die Wälder den nachfolgenden Generationen seiner Familie ohne Schäden übergeben.

Seltsamerweise breitet sich der Luchs nicht aus

Doch die Wildrinder werden von sich aus keinen Bogen um die Bäume des Landwirts machen. „Wir werden Schälschäden ganz sicher nicht verhindern können“, sagt Johannes Röhl vom Wisent-Verein. Dass sich der Konflikt zwischen Landwirten und Naturschützern bei einem großen Pflanzenfresser wie dem Wisent entzündet, der täglich bis zu 60 Kilogramm Pflanzenmaterial vertilgen kann, verwundert Experten wie Herzog nicht: „Es gibt bereits bei Rot- und Rehwild Schwierigkeiten mit der Forstwirtschaft, beim Schwarzwild mit der Landwirtschaft.“ Um Probleme mit den Nutzergruppen zu vermeiden, wäre es eine Option gewesen, den Wisent in großen Schutzgebieten anzusiedeln, in denen es keine Wirtschaftswälder gibt. Dafür ist es nun zu spät. Das Wisent-Urteil könnte auch Auswirkungen auf die Arbeit des BfN haben, das Auswilderungsprojekte in Deutschland wissenschaftlich begleitet. „Wir werden das Urteil und den Sachverhalt sorgfältig prüfen, gerade auch mit Blick auf künftige Projekte“, sagt Amtssprecher Franz-August Emde.

Ideale Bedingungen müssten dagegen für den Luchs herrschen, der in Deutschland vor allem im Harz und im Nationalpark Bayerischer Wald durch die Wälder schleicht. Denn anders als der Wolf hat er ein positives Image, und er schält im Unterschied zu den Wisenten keine Bäume. Doch auch die seltene Raubkatze hat in Deutschland Feinde, zumindest in Bayern. Wie die TU München in einer Studie feststellte, breitet sich der Luchs seit seiner Auswilderung in den 70er und 80er Jahren im deutsch-tschechischen Grenzgebiet nicht außerhalb des Nationalsparks aus. Da es dort aber teilweise mehr Rehe als im Schutzgebiet gibt und sowohl Siedlungen als auch der Straßenverkehr die Großkatze nicht stören, vermuten die TU-Wissenschaftler Wilderei als Ursache für die fehlende Ausbreitung. „Wir gehen davon aus, dass illegale Abschüsse den Bestand dezimieren“, sagt der Ökologe Jörg Müller von der TU München. Diese haben eine verheerende Wirkung, da sie verhindern, dass sich die Luchsbestände in Bayern, dem Harz oder den Vogesen mischen. Das aber ist notwendig, damit der scheue Jäger wieder dauerhaft sesshaft werden kann.

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2 KommentareKommentar schreiben

Der Mensch ist doch oder nicht: Der Mensch ist doch auch ein Teil der Natur. Dann rennt er noch in Kirchen, Sinagogen und Moscheen. Und hat nicht ein mal begriffen, dass Tiere genau so zum leben gehören wie der Mensch. Na dann kann man halt nicht im Wald Mountenbaigen. Ich mach es ja auch nicht in der Wohnung von diesen Personen. Und warum sind wir so voll. Na weil man glaubt, dass das Bevölkerungswachstum das einzig wahre ist. Doch irgend wann, wenn sich der Mensch so vermehrt hat wie die Ratten, wird er sehen, dass es nichts mehr zum fressen gibt. Also jetzt schon mal "Nachhaltig" sein. Wir brauchen nicht mehr Menschen sondern mehr funktionierende Natur.

Irgendwann wird es ein Wildgericht geben.: Und dann wird das Gericht entscheiden, daß frei laufende Menschen in der freien Wildbahn nichts zu suchen haben.

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