Wissenschaftsjournalismus Kritischer Blick auf die Forschung

Von Markus Reiter 

Junge Wissenschaftler wenden sich zunehmend direkt an die Öffentlichkeit: Sie bloggen und erklären ihre Forschung im Fernsehen. Braucht man dann noch Wissenschaftsjournalisten? Ja, denn sie sind nicht Partei.

Ein Biochip für die Medizin wird kontrolliert. Gelten ebenso hohe Standards auch für die Expertisen, die an Politik und Öffentlichkeit gerichtet werden? Foto: dpa
Ein Biochip für die Medizin wird kontrolliert. Gelten ebenso hohe Standards auch für die Expertisen, die an Politik und Öffentlichkeit gerichtet werden?Foto: dpa

Stuttgart - Es begann mit einem bereits damals älteren Herrn im grauen Anzug. Er saß auf einem Drehstuhl, den er stets ein wenig in Bewegung hielt, vor einem Schreibtisch, blickte direkt in die Kamera und deutete mit einem Bleistift auf Details in Weltraumaufnahmen. Dieser Mann war Professor Heinz Haber, seit den späten sechziger Jahren bekannt als „der Fernsehprofessor“. In seiner Sendung „Was sucht der Mensch im Weltraum?“ erklärte er, was man damals über die Oberfläche des Mondes wusste, wie eine Rakete funktioniert und welchen Einfluss die Sonne auf die Erde hat.

Lange Zeit stand Haber zusammen mit Kollegen wie Hoimar von Ditfurth für das, was Wissenschaftskommunikation vor allem in den Natur- und Lebenswissenschaften programmatisch leisten wollte: die Erkenntnisse aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft einem breiten Publikum verständlich zu machen. Wissenschaftsjournalisten wurden als „Übersetzer“ bezeichnet und von weniger Wohlwollenden als „Erkläronkels“ verhöhnt.

Das änderte sich auch Anfang des neuen Jahrtausends noch nicht, als es zum Boom der Wissensmagazine kam. Jeder Fernsehsender legte sich eine Wissenschaftssendung zu, Wissensportale im Internet entstanden. Etablierte Magazine rüsteten mit Sonderheften auf. Dieser Boom scheint noch nicht an sein Ende gekommen zu sein: Gestern erschien die erste Nummer der deutschen Ausgabe des „New Scientist“, der vom Spiegel Verlag herausgegeben wird und wöchentlich erscheinen soll (siehe Rezension der StZ).

Gut reden zu können, bringt auch Wissenschaftlern was

Doch längst wollen nicht nur Journalisten dem staunenden Publikum die Wunder der Forschung nahebringen. „Die Wissenschaft versucht immer mehr, selber mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren“, analysiert Jürg Häusermann von der Universität Tübingen. Forschungsinstitutionen geben kostenlose Magazine heraus (siehe Übersicht auf der zweiten Seite), die es in der Aufmachung wie in der Aufbereitung der Themen ohne Weiteres mit Kaufzeitschriften aufnehmen können. Das aktuelle Heft „Max Planck Forschung“, das sich im Untertitel selbst „Wissenschaftsmagazin“ nennt, berichtet zum Beispiel mit großen Bildern und in gut verständlichen Texten über Biodiversität, Geoenergie und die Suche nach erdähnlichen Planeten. Auch die Pressestellen der Universitäten bemühen sich, sperrige Forschungsthemen verständlich aufzubereiten und im Internet unter die Leute zu bringen.

Nicht nur die Kommunikationsabteilungen sind in den vergangenen zehn Jahren professioneller geworden. Carsten Könneker, Chefredakteur der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ beobachtet auch, dass die junge Generation der Wissenschaftler aufgeschlossener ist: „Viele sind hervorragende Kommunikatoren, die selber im Internet bloggen und ihr Anliegen sogar im Fernsehen gut vermitteln können.“ Galt die Fähigkeit, Wissenschaft populär zu vermitteln, lange Zeit als Karrierehemmnis für aufstrebende Wissenschaftler, hat sie sich heute sogar zu einer Voraussetzung dafür entwickelt. Wer im Ringen um Drittmittel die Nase vorne haben will, muss versuchen, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen.

Diesen Mentalitätswandel nutzte Könneker für ein Portal, unter dem die Blogs vieler Forscher zusammengefasst werden. Der Heidelberger Spektrum Verlag betreibt es unter der Adresse www.scilogs.de. Seit zwei Wochen leitet Könneker zudem das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe, das Wissenschaftler für den Dialog mit der Öffentlichkeit schulen will.

Journalisten definieren ihre Aufgabe neu

Der Kommunikationsdrang unter Forschern zwingt die Wissenschaftsjournalisten, ihre Rolle neu zu definieren. Statt als Übersetzer komplizierter Forschungsinhalte – und damit als Verbündete der Wissenschaftler – zu agieren, müssen sie die Objekte ihrer Berichterstattung kritisch unter die Lupe nehmen. Das fällt nicht immer leicht, wenn in den Redaktionen Geld und Personal fehlen. „Wir haben es mit einem doppelten Dilemma zu tun“, sagt Martin Schneider, Wissenschaftsredakteur beim SWR und Vorsitzender des Verbandes der Wissenschaftsjournalisten (WPK). „Zum einen fehlen in den Print- und Rundfunkredaktionen die Ressourcen, zum anderen sind die Pressematerialien der Wissenschaftsinstitutionen inzwischen so professionell, dass die Kollegen versucht sind, sie unreflektiert zu übernehmen.“ Dennoch hält Schneider daran fest, dass Journalisten heute mehr leisten müssten, als Forschungsergebnisse für den Laien verständlich zu machen. „Sie müssen evaluieren, bewerten, einordnen und versteckte Interessen offenlegen“, sagt Schneider. „Sonst machen sie sich selber überflüssig.“

Da gibt es einiges zu tun, denn natürlich spielen auch in der Wissenschaft Interessen eine erhebliche Rolle. Es geht um Fördermittel, persönliche Eitelkeit, Einfluss der Industrie und der Politik sowie Konflikte mit der Öffentlichkeit. Die Kommunikation der Forscher selbst wird stets von ihren Interessen bestimmt sein – vornehmlich darum, möglichst große Freiheiten und möglichst viel Geld zu bekommen. „So wie kein Wirtschaftsjournalist sich mit Bankern gemein machen sollte, so darf sich kein Wissenschaftsjournalist mit den Wissenschaftlern gemein machen“, sagt Schneider. „Der Journalist ist nicht Teil der Wissenschaft.“

Kritische Journalisten dürften in Zukunft noch nötiger sein als heute. Jürg Häusermann beobachtet auch in Kontinentaleuropa eine Entwicklung, die im angelsächsischen Raum seit Längerem als „public engagement“ der Wissenschaft bezeichnet wird. Darunter versteht man einen Dialog von Wissenschaftlern mit einer Laienöffentlichkeit, der darauf abzielt, für Akzeptanz zu werben. Der gebürtige Schweizer Häusermann hat dabei zunächst sein Heimatland im Blick. Dort können die Bürger in Volksabstimmungen direkt in jene Gesetzgebung eingreifen, die wissenschaftliche Forschung beeinflusst. Das gilt zum Beispiel, wenn es um Sicherheitsstandards in der Nanotechnik, der Atomtechnik und der Genetik geht. Das Problem in diesem Dialog: diese Laienöffentlichkeit ist professionell kommunizierenden Wissenschaftsvertretern in der Regel unterlegen.

„In diesem Prozess“, sagt Häusermann, „kann der Wissenschaftsjournalismus der Zukunft eine Rolle spielen, indem er die Argumente der Forscher unter die Lupe nimmt.“ Die Nachfolger des Fernsehprofessors Heinz Haber müssen also vor allem investigative Reporter sein.

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1 KommentarKommentar schreiben

Markus reiter über wissenschaftsjournalismus: so viel dünne luft in sachen wissenschaftsjournalismus habe ich lange nicht gelesen. allein schon der satz (zitat) 'Doch längst wollen nicht nur Journalisten dem staunenden Publikum die Wunder der Forschung nahebringen' zeugt von kompletter fehleinschätung sowohl der öffentlichkeit (staunendes publikum!!!!) wie auch der arbeit von journalisten/journalistinnen.

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