Wlan in Unterkünften Digitale Gastfreundschaft für Flüchtlinge

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Der Verein Freifunk versorgt in Stuttgart und in der Region Flüchtlingsheime mit kostenlosem Wlan. Mehr als 70 Unterkünfte sind schon angeschlossen.

Eine Verbindung per Smartphone in ihre Heimat ist für Flüchtlinge elementar. Foto: dpa
Eine Verbindung per Smartphone in ihre Heimat ist für Flüchtlinge elementar.Foto: dpa

Stuttgart - Wenn Flüchtlinge nach ihrer Odyssee in einer Unterkunft ankommen, gehört oft zum Ersten, was sie tun, ihre Smartphones an einer Steckdose zu laden. Die Geräte waren nicht nur wichtige Instrumente, mit denen sie ihre Flucht planen und ausführen konnten. Wenn die Asylbewerber angekommen sind, erlauben die Geräte den stetigen Kontakt mit Angehörigen in der Heimat und mit Verwandten oder Freunden an anderen Orten Deutschlands oder in Europa.

Ein Problem aber stellt sich: „Die Menschen geben schnell etwa ein Drittel ihres wenigen Geldes für den Mobilfunkanbieter aus“, sagt Thomas Renger. Das muss nicht sein, findet der Vorsitzende von Freifunk Stuttgart. Der Verein ist Teil der bundesweiten Freifunk-Initiative. „Wir wollen, dass alle Leute ins Internet können“, sagt Softwareentwickler Renger, und zwar ohne finanzielle Hürden. Gegenüber Flüchtlingen nennt man diese Haltung bei Freifunk „digitale Gastfreundschaft“.

70 Unterkünfte in der Region angeschlossen

Das Projekt ist weit gediehen. In mehr als 70 Flüchtlingsunterkünften in der Region biete Freifunk mittlerweile Wlan, in Stuttgart seien es zwölf, sagt Arno Schenk, der bei dem Verein für das Projekt verantwortlich ist. „Die Flüchtlingsfreundeskreise melden sich bei uns, wir stellen das Tool und suchen die Freifunker“, erklärt Schenk. Insgesamt etwa 600 „Knoten“ gibt es in der Region bis jetzt, die das freie Wlan-Parallelnetz von Freifunk bilden.

Es handelt sich dabei in der Regel um Privatleute, die einen Internetanschluss haben und die meist auf eigene Kosten einen sogenannten Router (siehe „Ein Netz für alle“) anschließen, der anderen im Umkreis einen Netzzugang verschafft. „Jeden Tag sind in der Region etwa 1000 Geräte mit dem Netz verbunden“, sagt der Vereinsvorsitzende Renger.

Kosten werden durch Spenden gedeckt

In einer Flüchtlingsunterkunft, etwa in einer Turnhalle, reicht ein Router aber nicht aus. „In einer Halle werden mehrere Router verteilt und die Halle verkabelt“, sagt Arno Schwenk. Pro Halle brauche man im Schnitt fünf solcher Geräte. „Je nach Gebäude entstehen Kosten zwischen 200 bis 1000 Euro“, erklärt Schwenk. Die werden in der Regel durch Spenden gedeckt. Besonders schwierig und groß ist der Aufwand in Container-Siedlungen, sagt der Freifunker, „weil das Blech der Container das Signal stark abschirmt“.

Ein Beispiel für die Aktivitäten von Freifunk ist die Solitude-Turnhalle in Weilimdorf, wo 240 Flüchtlinge leben. Vor Weihnachten lief dort der Aufbau eines Freifunknetzes. Den Internetanschluss stellt Unitiymedia zur Verfügung (ehemals Kabel BW). „Für die Router brauchen wir 250 bis 600 Euro“, sagt Werner Bossert, der Sprecher des dortigen Freundeskreises. Die Finanzierung sei kein Problem, das Geld könne man entweder aus Spenden oder aus den Einnahmen der Kleiderkammer aufbringen, wo die Flüchtlinge für symbolische Preise, die den Wert der Kleidungsstücke deutlich machen, einkauften.

Wichtig auch für die Orientierung im Alltag

Die Stadt Stuttgart tritt in der Angelegenheit nur als Mittler zwischen Freifunk und den Flüchtlingsfreundeskreisen auf, wegen der sogenannten „Störerhaftung“, sagt Pressesprecher Sven Matis. Die tritt bei Privatleuten oder auch bei einer Kommune ein, wenn ein Netznutzer beispielsweise illegale Inhalte herunterlädt. Dies wird im Freifunknetz dadurch umgangen, dass die gesamte Kommunikation über sogenannte Gateways der Initiative läuft, so dass die Adressen der Anschlussinhaber in den Protokollen nicht auftauchen. Freifunk wiederum genießt wie alle andere Internetanbieter ein sogenanntes „Providerprivileg“ und wird bei Verstößen von Netznutzern nicht belangt.

Die Nachfrage nach Anschlüssen von Flüchtlingsheimen ist groß. „Wir bekommen jeden Tag vier bis fünf Anfragen von Freundeskreisen“, erzählt Arno Schwenk. „Jede Woche gehen zwei oder drei ans Netz.“ Mit gutem Grund, findet er. Schließlich sei das Smartphone für die Asylbewerber in der neuen Umgebung „schon wegen der Übersetzungshilfe sehr wichtig“.