Wo steht Putins Reich? Russlands Krise trifft die Verbraucher hart

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Mit dem Verfall des Ölpreises ist auch die Wirtschaft in Russland eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt ist 2015 um 3,7 Prozent geschrumpft. Und die Aussichten sind eher düster.

In den russischen   Konsumtempeln herrscht derzeit gähnende Leere.  Unser Bild  zeigt das berühmte Kaufhaus Gum in Moskau. Foto: Mauritius
In den russischen Konsumtempeln herrscht derzeit gähnende Leere. Unser Bild zeigt das berühmte Kaufhaus Gum in Moskau.Foto: Mauritius

Moskau - Schauen Sie mal: die Hose hier! Wie für Sie maßgeschneidert. Und 60 Prozent Rabatt. Ich kann Ihnen dazu noch zehn Prozent individuellen Nachlass geben. Wollen Sie nicht wenigstens probieren? Nein?“ Der jungen Verkäuferin steht Angst in den Augen. Sie könnte das Umsatzsoll heute wieder verfehlen. Tote Hose auch nebenan bei einem Reisebüro. Statt Kundendaten in ihren PC zu tippen, widmet sich die Inhaberin der Nagelpflege. Und im Elektronikmarkt stürzt sich ein halbes Dutzend Berater auf jeden potenziellen Käufer. Denn sie sind selten geworden im Einkaufszentrum Jewropeiski gegenüber vom Kiewer Bahnhof in Moskau. Eine Shopping Mall der Superlative. Über 500 Geschäfte, Restaurants, Nachtclubs Fitnessstudios mit einer Gesamtfläche von 180 000 Quadratmetern. Ein Mahnmal aus längst vergangenen Zeiten, als Russlands Hauptstadt um das goldene Kalb tanzte und dem kollektivem Kaufrausch frönte. Jetzt herrscht kollektiver Katzenjammer.

Als der Konsumtempel 2006 öffnete, kostete ein Fass Öl zu 159 Liter auf dem Weltmarkt über hundert Dollar (92 Euro). Zwei Jahre später waren es zeitweilig sogar 150 Dollar. Derzeit fragen sich Analysten, wann die magische Grenze von 30 Dollar pro Barrel durchstoßen wird. Russlands Wirtschaft ist extrem von Rohstoffexporten abhängig. Allein 2015 schrumpfte das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) daher um 3,7 Prozent. Mit den fallenden Preisen für Öl und Gas stürzte auch der Rubel ins Bodenlose. Kein Wunder, dass sich Russland nun mit dem Ölkartell Opec zu Gesprächen über eine mögliche Senkung der Fördermengen bereit erklärt hat. Es könne über eine Verringerung bis zu fünf Prozent gesprochen werden, sagte Energieminister Alexander Nowak in Petersburg.

Rubel im freien Fall

Russland leidet unter der Entwicklung. Der Pressesprecher von Kremlchef Wladimir Putin verbat sich zwar das Wort Kollaps als Zustandsbeschreibung für den freien Fall der Landeswährung. Er hat indes die Fakten gegen sich. Seit Jahresbeginn gab der durch den Ölpreisverfall bereits massiv geschwächte Rubel gegenüber dem Dollar um weitere zwölf Prozent nach. Er hat mittlerweile den tiefsten Stand seit Sommer 1998 erreicht, als die Regierung nach Banken-Crash und Fast-Staatspleite sich zu einer Währungsreform aufraffte und den Rubel um drei Nullen erleichterte.

Ölpreisverfall, Rubelschwäche und Inflation, die 2015 bei mehr als 15 Prozent lag, sorgten dafür, dass die Russen real vier Prozent weniger im Portemonnaie hat als 2014. Daher und weil Russland die meisten Konsumgüter importiert, schrumpften die Einzelhandelsumsätze um zehn Prozent, die Investitionen um 8,4 Prozent. Westliche Unternehmen ziehen indes nicht nur ihr Geld ab – für 2015 rechnen die Kassenwarte in Moskau mit einem Minus von 90 Millionen Dollar – sie ziehen sich auch aus dem Russland-Geschäft zurück. Von einst 6000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung haben sich 2015 nach Erkenntnissen der russischen Steuerbehörde über 400 – das sind sieben Prozent – verabschiedet. Bei kleinen Repräsentanzen ohne operatives Geschäft waren es sogar 25 Prozent.

Investoren ziehen sich zurück

Die Segel streichen inzwischen auch Investoren der ersten Stunde. So will der finnische Handelskonzern Stockmann, der den Moskauern in seinen Supermärkten schon während der Perestroika den Unterschied zwischen kommunistischer Mangelwirtschaft und kapitalistischer Überflussgesellschaft vorführte, bis Jahresende alle Russland-Aktiva an einen lokalen Investor verkaufen. Branchenexperten sprechen gar von verramschen. Denn auch die Aussichten für 2016 sind alles andere als rosig. Putin und sein Regierungschef Dmitri Medwedew die einzigen, die gedämpften Optimismus verbreiten.

Die Entwicklungen werden auf dem Ölmarkt entschieden, warnen Analysten. Bleibt der Preis auf dem derzeit niedrigen Niveau, könnte das BIP um fast vier Prozent schrumpfen, fürchtet sogar Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew. Denn Russlands Staatshaushalt ist auf einer Basis von 50 Dollar pro Barrel kalkuliert. Mitte Januar verlangte die Regierung daher bereits von allen Behörden konkrete Vorschläge für eine zehnprozentige Kürzung ihrer Ausgaben.

Ungünstiger Zeitpunkt für soziale Grausamkeiten

Der Zeitpunkt für soziale Grausamkeiten ist allerdings denkbar ungünstig. Im September wird das Parlament neu gewählt, Anfang 2018 der Präsident. Tragender Pfeiler des Gesellschaftsvertrages aber, den Putin mit Russland hat ist: Bescheidener Wohlstand gegen Loyalität und Teilverzicht auf bürgerliche Grundrechte. Anders als bei der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 aber greifen die Anti-Krisen-Programme von Kreml und Regierung bisher nicht. Erst vor kurzem hat die russische Regierung ein Hilfspaket von umgerechnet neun Milliarden Euro angekurbelt. Unterstützt werden soll damit die Landwirtschaft und die Autoindustrie. Im vergangenen Jahr kam das Hilfspaket vor allem den Banken zugute.

Trotz der Hilfen bleibt die Stimmung im Land kritisch: „Niemand will an die Zukunft denken, weil die politische Führung nur einen Horizont hat – die Präsidentenwahl 2018“, schreibt die kritische Zeitung „Nowaja Gaseta“. Das Wort durchwursteln wäre eher angebracht. Durch Interaktion von Gesetzen des Kapitals und der Psychologie sei ein gefährliches Giftgemisch entstanden. Das Jüngste Gericht rücke daher immer näher, glaubt Slawa Rabinowitsch, Finanzexperte und einer der erfolgreichsten Börsenspekulanten Russlands. Putin werde innerhalb von 14 bis 20 Monaten das Geld beispielsweise aus dem Reservefonds ausgeben. Der Markt als „kollektiver Verstand“ der Investoren dürfte jedoch schon erheblich früher reagieren. Auch wegen der gigantischen Schulden, die russische Unternehmen angehäuft haben: Derzeit insgesamt 500 Milliarden Dollar.

Die Gefahr „schwarzer Schwäne“

„Schwarze Schwäne“ – Ereignisse, die nicht vorhersehbar sind – können einen Domino-Effekt auslösen, befürchten Experten. Durch den Bankrott einer einzigen Großbank könnte das gesamte Finanzsystem kollabieren. Niemand werde mehr Geld verborgen. Um gegenzusteuern könne die Regierung nur wie 2008 in den USA die Notenpresse anwerfen – und der Rubel würde dadurch ins Bodenlose stürzen und die Wirtschaft mit sich reißen. Die geplanten Privatisierungen würden nicht helfen und die Agonie nur verlängern.

Die Katastrophe abwenden, glaubt Rabinowitsch, könne nur der Internationale Währungsfonds (IWF). Der werde jedoch, weil Wirtschaftsreformen allein nicht mehr reichen und Putin zu politischen Reformen der Wille fehle, auf einen Machtwechsel bestehen.

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