Die Weißenhofsiedlung ist Weltkulturerbe. In unmittelbarer Nachbarschaft ist zur gleichen Zeit eine weitere Wohnsiedlung gebaut worden, die ebenfalls das Bauhauskonzept aufgreift.

Stuttgart - Jörg Kurz ist begeisterter Mieter. Er wohnt seit über 50 Jahren nur einen Steinwurf entfernt von der berühmten Weißenhofsiedlung und ist überzeugt: „Das Bauhaus-Konzept ist in meiner Siedlung sehr viel besser umgesetzt als dort.“ Der 76-Jährige lebt zusammen mit seiner Frau auf 67 Quadratmetern im Friedrich-Ebert-Komplex des Bau- und Heimstättenvereins. Der Bau am Killesberg entstand zwischen 1924 und 1927. „Er ist zwar nicht Weltkulturerbe wie die zur gleichen Zeit erbaute Weißenhofsiedlung, steht aber unter Denkmalschutz“, sagt Hobby-Historiker Kurz und zeigt stolz auf den Turm des Friedrich-Ebert-Wohnhofs: „Der war immerhin das erste Hochhaus in Stuttgart.“

 

Katastrophale Situation auf dem Wohnungsmarkt um 1900

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ähnlich dramatisch wie heute: Die bestehende Wohnungsnot verschärfte sich durch arbeitssuchende Zuwanderer: 1918 standen 2000 Wohnungssuchende auf der Warteliste des städtischen Wohnungsamts, 1922 waren es 10 000. Heute sind rund 4000 Stuttgarter in der Notfallkartei der Stadt. Ziel des Siedlungsbaus am Killesberg war das gleiche wie das beim Bau des Eiernest im Stuttgarter Süden: die Wohnsituation besonders für die Arbeiterschaft in Stuttgart zu verbessern. Im Restaurant Lauterwasser in der Rotebühlstraße gründeten zwei Frauen und 30 Männer, alle sozialdemokratisch und gewerkschaftlich organisiert, die Genossenschaft Bau- und Heimstättenverein. Als Architekt wurde Karl Beer gewonnen, der für das Gaucher-Areal unterhalb des Weißenhofs ein Bebauungskonzept entwarf. Bis runter zur Heilbronner Straße wurden in den folgenden Jahren unter der Regie Beers für die Mitglieder der Genossenschaft Einfamilien-, Reihen-, Doppel- und Mietwohnhäuser gebaut. Bis 1933 – dann musste der Sozialdemokrat Beer in die Schweiz emigrieren, und der Verein wurde von den Nazis gleichgeschaltet und umbenannt. Bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurden knapp 50 Prozent der Häuser zerstört. Heute gibt es dort noch knapp 300 Gebäude, 87 davon am Weißenhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Verein seinen alten Namen wieder an und baute weit über die Grenzen von Stuttgart-Nord: In Giebel, Heumaden, Fasanenhof und Freiberg.

Im Gegensatz zu den Häusern im Eiernest waren die Beer-Bauten laut Kurz „ luxuriös und großzügig“. „Die Wohnungen hatten Bad, Einbauküche, Speisekammer und zentrale Müllschlucker“, schwärmt er. Und der Bauhaus-Gedanke sei konsequenter umgesetzt, weil es auf wenig Platz viel Raum gebe, während es bei der Weißenhofsiedlung umgekehrt sei. Allerdings seien die Arbeiter, für die die Genossenschaft bauen wollte, als Mieter in der Minderheit gewesen waren. „Viele Beamte und angestellt waren darunter“, sagt Kurz.

Mieter müssen Genossenschaftsmitglied sein

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Und auch die Voraussetzungen dafür, einen Mietvertrag zu bekommen, sind ähnlich wie früher. „Die Interessenten müssen Genossenschaftsmitglieder werden und Anteile zeichnen“, sagt Karin Autenrieth, Geschäftsführerin des Bau- und Heimstättenvereins Stuttgart. Damals für 200 Goldmark, heute sind es 11 Anteile zu je 160 Euro, die mit vier Prozent verzinst werden. „Unseren Mietern steht die Dauernutzung zu. Sie können wegen Eigenbedarfs nicht gekündigt werden“, stellt Autenrieth fest. Die Mieten für die 30- bis um die 100-Quadratmeter-Wohnungen liegen beim Mittelwert des Mietspiegels. Die meisten Mieter wohnen wie Kurz gern in der Siedlung, einige ebenfalls seit Jahrzehnten: „Mich muss man hier mit den Füßen voran raustragen“, sagt Elfriede Renner (74), deren vier Kinder auch in der Siedlung aufgewachsen sind. Und Ex-SPD-Stadträtin Helga Ulmer (78) sagt: „Wenn man hier aufs Bänkle sitzt, gesellt sich immer jemand dazu. Die Nachbarschaft stimmt.“