Wolf, Bär & Luchs Die großen Räuber kehren zurück

Von Roland Knauer 

Wolf, Luchs, Bär und Vielfraß waren in Europa ausgerottet. Doch eine neue Studie zeigt, dass sie inzwischen wieder durch fast alle Länder streifen – und enger mit Menschen zusammenleben als in den USA.

Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch. Auch Luchs, Vielfraß und Bär gibt es vielerorts in Europa – wir zeigen sie in einer Bildergalerie. Foto: dpa 8 Bilder
Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch. Auch Luchs, Vielfraß und Bär gibt es vielerorts in Europa – wir zeigen sie in einer Bildergalerie. Foto: dpa

Stuttgart - Die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär ist selbst für uns Wildbiologen ein unglaubliches Ereignis“, fasst Urs Breitenmoser von der Universität Bern zusammen. Noch am Anfang der 1980er Jahre hielten Naturwissenschaftler es für nahezu ausgeschlossen, dass die damals in den meisten Regionen Europas ausgerotteten oder dezimierten großen Raubtiere wieder Fuß fassen könnten. Inzwischen aber lebt zumindest eine dieser drei Arten oder der nur in Skandi­navien vorkommende Vielfraß auf rund einem Drittel der Fläche des europäischen Festlandes, stellen Guillaume Chapron von der Wildbiologischen Außenstation der Universität Uppsala, Luigi Boitani von der Universität La Sapienza in Rom und 75 Kollegen aus den meisten Ländern Europas im Wissenschaftsmagazin „Science“ fest. Eine ganze Reihe von Gründen ermöglicht dieses Zusammenleben von Menschen und Raubtieren auf einem dicht besiedelten Kontinent, ergänzen sie.

„Dabei waren sich die Wildbiologen noch am Anfang der 1980er Jahre ziemlich sicher, dass Bären, Wölfe und Luchse in großen Teilen Europas keinen Lebensraum mehr finden würden, weil zu viele Menschen dem Land ihren Stempel aufprägen“, erinnert sich Urs Breitenmoser, der in dieser Zeit begann, das Leben der Eurasischen Luchse zu erforschen. Allenfalls in wenigen abgelegenen Regionen und in einigen Schutzgebieten könnten diese Arten – unterstützt von Schutzorganisationen – überstehen, waren die Forscher überzeugt. Das Konzept, dass Menschen und in der Natur lebende Tiere in unterschiedlichen Regionen leben sollten, stammt aus Nordamerika. Viele Länder Asiens und Afrikas haben diese Idee übernommen. Im Süden Afrikas werden viele Schutzgebiete sogar eingezäunt, um Begegnungen zwischen Menschen und Tieren kontrollieren zu können. In Europa aber kann das nicht funktionieren, weil der Kontinent abgesehen vom Norden Skandinaviens viel zu dicht besiedelt ist: Um unter den Tieren Inzucht zu vermeiden, bräuchte man Schutzgebiete von vielen Tausend Quadratkilometern. Unbesiedelte Flächen von der Größe Belgiens aber gibt es in Europa nicht mehr – die großen Raubtiere schienen hier kaum eine Chance zu haben.

Eine Erfolgsgeschichte – auch im Vergleich zu den USA

Als die Forscher um Guillaume Chapron und Luigi Boitani aber wissenschaftlich fundierte Daten aus den Jahren von 2010 bis 2012 zusammenstellten, war das für unmöglich Gehaltene Realität geworden: Abgesehen von Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Dänemark lebt und vermehrt sich in jedem Land auf dem europäischen Kontinent zumindest eine der vier großen Raubtierarten. 1,5 Millionen Quadratkilometer und damit ungefähr die dreifache Fläche Spaniens ist heute wieder Heimat für Wölfe und Bären, Luchse und Vielfraße. Die Tendenz ist steigend, einzelne Wölfe streiften zum Beispiel erst kürzlich auch durch Belgien und Dänemark.

Das dünn besiedelte Skandinavien und Finnland sind ein Brennpunkt, weil dort neben Bären, Wölfen und Luchsen auch der weiter im Süden nicht vertretene Vielfraß vorkommt. Mit den Karpaten, dem Balkan und dem Dinarischen Gebirge im Südosten und dem Baltikum im Nordosten des Kontinents sowie Spanien im Südwesten und den Alpen im Herzen Europas gibt es vier weitere Hotspots mit zumindest dreien der großen Raubtiere. Mehr als hundert Wölfe heulen aber auch im Osten und Nordosten Deutschlands. Jeweils um die hundert Luchse schleichen durch die Wälder der Schweizer Alpen und durch den Jura in Frankreich und der Schweiz. Und jeweils bis zu 50 Braunbären tappen durch die Abruzzen und durch den Norden Italiens.

Diese Erfolgsgeschichte des Artenschutzes übertrifft obendrein die Situation in Nordamerika bei Weitem. So gibt es auf dem europäischen Festland ohne Berücksichtigung von Russland, Weißrussland und der Ukraine auf einer Fläche von 4,3 Millionen Quadratkilometern etwa 12 000 Wölfe. Auf der mit acht Millionen Quadratkilometern etwa doppelt so großen Fläche der USA ohne Alaska gibt es dagegen mit 5500 gerade einmal halb so viele der grauen Räuber. Obendrein teilen sich die Wölfe ihr Territorium mit 97 Europäern auf einem Quadratkilometer, während auf der gleichen Fläche mit 40 Menschen in den USA nicht einmal halb so viele Einwohner leben. Zwar sind die großen Raubtiere in Europa bisher noch nicht zu Bewohnern der Großstädte geworden, aber sie leben anders als in den USA, wo sie sich häufig auf die Schutzgebiete konzentrieren, in den dünner besiedelten Landstrichen Europas recht gut mit den Zweibeinern zusammen.

Viele Jäger und Bauern haben Vorbehalte

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. So war das Wild aus den europäischen Wäldern am Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend verschwunden. Heute dagegen leisten sich die Länder wieder große Bestände von Hirschen, Wildschweinen und anderen Pflanzenfressern in den Wäldern. „Damit ist der Tisch für die großen Raubtiere in Europa meist gut gedeckt“, erklärt Breitenmoser, der neben seiner Forschung an der Berner Universität auch den gemeinnützigen Verein KORA (Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz) leitet, der das Zusammenleben von großen Raubtieren und Menschen analysiert.

Vor allem aber hat sich die Akzeptanz der großen Raubtiere in Europa gewandelt. Wurden sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Konkurrenten um das Wild in den Wäldern verfolgt, stellt die Politik heute die Weichen in Richtung Artenschutz. Zumindest die Menschen in den Ballungszentren freuen sich dann auch über die Rückkehr von Bär und Wolf, Luchs und Vielfraß.

Auf dem Land sieht die Situation ein wenig anders aus. Dort gibt es vor allem bei Bauern und Jägern zum Teil noch erhebliche Vorbehalte. Viehzüchter befürchten, dass Wölfe, Bären und Luchse viele ihrer Tiere reißen. In vielen Ländern fehlten ja seit mehr als hundert Jahren die großen Raubtiere – und die Herden laufen dort ohne Schutz durch das Land. Kommen Wölfe, Bären und Luchse zurück, müssen die Nutztiere mit einigem Mehraufwand wieder geschützt werden – was Ressentiments gegenüber den Rückkehrern schürt. Die Jäger wiederum sehen die großen Raubtiere als Konkurrenten, die es auf das gleiche Wild abgesehen haben wie sie. Als Forscher in Skandinavien 245 Luchse mit kleinen Sendern an einem Halsband ausrüsteten, fanden sie nur bei acht Prozent der aufgeklärten Todesfälle eine natürliche Ursache. 35 Prozent der Tiere wurden dagegen legal und 38 Prozent sogar illegal getötet. Auch wenn genaue Zahlen Mangelware sind, könnten sich also Jäger und Viehhalter als die größte Hürde für die Rückkehr der großen Raubtiere entpuppen. So ist zum Beispiel der ins Herz Österreichs zurückgekehrte Braunbär dort wieder ausgerottet worden, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin „Science“. Diese Situation sollte sich in Europa daher dringend ändern: „Die Jäger müssen bei der Rückkehr von Luchsen, Wölfen und Bären mit eingebunden werden“, meint Urs Breitenmoser.