ExklusivWolfgang Schorlau über den NSU In was für einem Land leben wir eigentlich?

Von Wolfgang Schorlau 

Je mehr ich mich mit dem NSU-Komplex beschäftigte, je besser ich diese zweiten Geschichten kennenlerne, an deren Ende es oft weitere Todesfälle von Zeugen gegeben hat, über die kaum jemand spricht, desto öfter fragte ich mich, in was für einem Land ich eigentlich lebe. Stimmt mein Bild von der halbwegs liberalen Gesellschaft, in der Recht und Gesetz gelten, in der die Behörden an dieses Recht gebunden handeln?

Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Meldung, dass es im Kontext des NSU-Komplexes ein weiteres Todesopfer gegeben hat: die Ex-Freundin von Florian H. Blicken wir noch einmal zurück: Zwei Zeugen, der V-Mann Corelli und Florian H., beide aussagewillig, starben, bevor sie vernommen werden konnten. Corelli an einer „unerkannten Diabetes“ (?) im Zeugenschutzprogramm; H., der behauptete, er wisse, wer Michèle Kiesewetter wirklich umgebracht hat, verbrannte bei lebendigem Leib. Und auch hier findet man wieder die merkwürdigsten Widersprüche. Florian H., soll sich – so der Staatsanwalt – aus Liebeskummer selbst angezündet haben. Erstaunlich nur, dass er gerade auf dem Weg zu seiner Zeugenaussage war. Was, so frage ich mich, ist das Motiv des ermittelnden Staatsanwalts, Selbstmord aus Liebeskummer festzustellen, bevor die Ermittlungen abgeschlossen waren?

Feuchter Traum jedes Verschwörungstheoretikers

Und nun stirbt die ehemalige Freundin von Florian H. „an einer Lungenembolie“, jene junge Frau, die vor einigen Tagen dem Untersuchungsausschuss ausgesagt hat; in nicht-öffentlicher Sitzung, weil sie sich bedroht sah. Ich lese eben, dass durch die Obduktion keine Fremdeinwirkung nachgewiesen werden konnte. Ich frage mich, wie wohl die zweite Geschichte hinter dieser lautet. Und die StZ führt in diesem Zusammenhang einen weiteren Toten auf: der damals 18-Jährige Arthur C. starb 2009 neben seinem ausgebrannten Auto zwischen Eberstadt und Cleversulzbach nahe Heilbronn den Flammentod. Das Sterben hört mit dem Ableben von Mundlos und Böhnhardt nicht auf. Trügt mein Eindruck, hier räume jemand hinter dem NSU weiter auf? Die Botschaft ist leicht zu entziffern: Wer reden will, stirbt einen harten Tod. Ist das der Grund, warum Beate Zschäpe im Münchner Prozess so hartnäckig schweigt?

Journalisten und Autoren, die durch ihre Berichterstattung diese und viele weitere Widersprüche sichtbar machen, ist entgegengehalten worden, sie verfassten „Verschwörungstheorien“. Doch gegenüber dem, was allein der baden-württembergische NSU-Untersuchungsausschuss seit seiner Gründung im November 2014 zu Tage gefördert hat, ist der feuchteste Traum eines Verschwörungstheoretikers harmlos. Eher ist es so, wie Stefan Aust kürzlich vor diesem Untersuchungsausschuss sagte: Die einzige Verschwörungstheorie im NSU-Komplex ist die behauptete Unfähigkeit der Sicherheitsbehörden.

Der in Stuttgart lebende Autor Wolfgang Schorlau greift in seinem neuen Krimi „Die schützende Hand“ das Thema NSU und braunes Netzwerk aus Verfassungsschützern und Neonazis auf. Der achte Fall für Deng­ler erscheint im Herbst.

Das ZDF hat „Die letzte Flucht“, einen früheren Dengler-Krimi, mit Ronald Zehrfeld und Birgit Minichmayr verfilmt. Erstausstrahlung am 20. April, 20.15 Uhr, Preview im Kommunalen Kino Esslingen am 19. April, 18.30 Uhr (Vorverkauf empfohlen).

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6 KommentareKommentar schreiben

stinkt alles: Mir kann man ja manches erzählen, aber die Story muss stimmen. Und so wie das da raus kommt, dann haben nicht die Verfassungsschützer die rechte Szene unterwandert, sondern die rechte Szene hat den Verfassungsschutz unterwandert oder sogar im Griff.

in welchem Land leben wir eigentlich? : Genau das dachte ich auch schon vor einiger Zeit. Aber warum lese ich das in einer lokalen Zeitung? Warum heftet sich kein großes Blatt an dieses Thema? Wurde JEMALS ein darin verwickelter "Staatsdiener" zur Rechenschaft gezogen? Sei es für Aktenvernichtung, Fahrlässigkeit oder Unterstützung? Und was hat die Bundesregierung Zschäpe versprochen, damit sie schweigt?

Im Ansatz nicht schlecht Herr Schorlau: Deckt sich mit meinen Erkenntnissen. Aber den Aust als "Chefvernebler im Namen der Dienste"; also den bitte nicht als seriöse Quelle nennen. Verursacht bei mir verstärktes Grimmen im Bauch. Und noch ein Bonmot: Zwei Uwes erschiessen sich und zünden das Auto an. Das ist ja schon mal schwierig genug. Aber, dass keine Waffe die Fingerabdrücke bzw DNA der handschuhlosen Uwes hat? Echt ein weiterer toller Zaubertrick. Und dass die Lungen beider Uwes rauchlos waren? Und auch keine CO Ansammlung im Blut? Zaubertrick Nummer drei. Übrigens gibt es selten Selbstmorde + Selbstverbrennungen. Bei NSU aber ganz oft. Echt seltsam.

Mordverdächtig: Der Geheimdienstler Andreas Temme war nach dem Mord in Kassel zunächst der Verdächtige, weil er zum Tatzeitpunkt im Internetcafe war. Er wurde verhaftet und befragt. Bei einer Hausdurchsuchung wurden Waffen und rechtsextremistisches Material gefunden, das über dienstliche Angelegenheiten hinausgeht. Der Mythos der zufälligen Anwesenheit wurde von ihm in Umlauf gebracht und von seinem Vorgesetzten gedeckt. Die Polizei durfte die V-Männer nicht befragen, die Temme führte, und mit denen er an diesem Tag telefoniert hatte. Sogar die Kripo war so frustriert, dass sie damals der Bild-Zeitung diese Tatsachen zuspielte. Andreas Temme ist weiterhin mordverdächtig und kein zufälliger Zeuge.

Ich sehe das ähnlich - eigentlich sind die Schlüsse, die Sie ziehen, logisch zwangsläufig. Ich habe nur ein Problem, allerdings ein großes: Wenn die dem NSU zugeschriebenen Morde staatlich gedeckt und vielleicht sogar staatlich inszeniert waren - wo ist das Motiv? Der Staat ist ja kein Psychopath, bei dem die Frage nach einem Tatmotiv per se irrelevant wäre, weil Psychopathen zu jedem noch so irrationalen Verhalten fähig sind.

Wenn wir uns anschauen,..: was 1977 mit jungen deutschen in Argentinien geschah (u.a. Elisabeth Käsemann), wenn wir uns weiter anschauen und hören, was der damalige deutsche Botschafter in Argentina oder der damalige Aussenminister Genscher dazu zu sagen hatten. Dann bitte lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Mädchen_–_Was_geschah_mit_Elisabeth_K.%3F oder anschauen: www.youtube.com/watch?v=kqkYfvZAri4 Der Staat geniert sich zu Zeiten nicht, über Leichen zu gehen, wenn es dem "großen Ganzen "dient. Und dies so organisiert, das immer der Schein demokratischen Tuns gewahrt bleibt. Motiv könnte also sein, das es offiziell keines geben darf um schlussendlich in der nachgeordneten Aufklärung nicht auf Dinge zu stoßen, die unsere grundgesetzliche Demokratie im Mark erschüttern würden.

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