World Usability Day Es fehlen Geräte, die sich selbst erklären

klü, 08.11.2012 17:57 Uhr

Stuttgart - Ulrike Rinnert ist Studiengangleiterin an der Stuttgarter Volkshochschule. Sie weiß, wie man sperrige Dinge erklärt. Sie brauchte in ihrer Grußadresse an den 8. World Usability Day am Mittwoch im Treffpunkt Rotebühlplatz in Stuttgart nur wenige Worte, um zu veranschaulichen, was die Experten unter dem fast unübersetzbaren Begriff Usability verstehen: Sie habe ein Handy, erzählte sie. Aber sie komme nicht an alle Funktionen heran, die das Gerät biete. In München sei sie vor kurzem mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwarz gefahren, weil sie den Automaten nicht habe überreden können, ihr eine Fahrkarte zu verkaufen. Und vor ihrer elektronischen Nähmaschine habe sie kapituliert und sich eine einfachere gekauft. Zu ihren positiven Technikerlebnissen zählt sie ihre Waschmaschine und ihren Wäschetrockner. Diese Geräte seien „selbsterklärend in drei Minuten“.

Genau darum ging es in den Ausstellungen und Vorträgen des Tages im Treffpunkt Rotebühlplatz. Der World Usability Day, der, wie sein Name verspricht, tatsächlich in vielen Ländern Europas, Amerikas und Asiens stattfindet, lockte auch zum achten Mal Experten und Laien nach Stuttgart. „Mit rund 3000 Besuchern und 40 Unternehmen und Institutionen ist die Stuttgarter Veranstaltung eine der größten in Deutschland“, heißt es in einer Grußadresse des Schirmherrn, des Stuttgarter Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster.

Kabarettistische Eröffnung

Zur Eröffnung aber wollte es nicht so recht klappen mit dem, was Experten mit Gebrauchstauglichkeit oder – noch weiter gehend – mit Benutzungsfreundlichkeit übersetzen. Ausgerechnet Astrid Beck, die sich als Professorin der Hochschule Esslingen mit Interaktiven Systemen und Digitalen Medien beschäftigt, kämpfte auf dem Podium gut zehn Minuten mit ihrem Apple-Notebook, weil das die Powerpoint-Präsentation nicht so zeigen wollte, wie Beck wollte. Das Fazit der Wissenschaftlerin: „Der Mac ist auch nicht mehr so usable wie er sein sollte.“

Dass die Gebrauchstauglichkeit noch längst nicht im Alltag angekommen ist – besonders selten dort, wo Menschen sich im Internet oder am Telefon mit Automaten herumschlagen müssen – führten anschließend Ansgar Meroth, Professor an der Hochschule Heilbronn, und Claus Wagner von dem Beratungsunternehmen Com-We-Con in Leinfelden-Echterdingen in einem kabarettistischen Dialog vor – wobei sich vor allem Wagner in der Rolle des menschlichen Automaten als schauspielerisches Talent erwies.

Visionen von der Bank der Zukunft

Das Leitthema des Tages der Gebrauchstauglichkeit sind in diesem Jahr Banken und Finanzwesen. Zur Eröffnung des umfangreichen Programms an Vorträgen und Workshops stellte Dietmar Schuster von der Fiducia IT AG vor, wie er sich eine Bank vorstellt, die dem Kunden mehr bietet als einen stummen Bankautomaten und eine verwirrende Seite für Internet-Bankgeschäfte. Die Fiducia ist das Informationstechnikunternehmen der Volksbanken und Raiffeisenbanken.

Schusters Ausgangsfrage lautete: „Wie mache ich Banking zum Erlebnis?“, und seine visionäre Antwort umfasste die elektronische Speisekarte auf einem Tablet-Computer im Restaurant, auf der der wartende Kunde sich zum Immobilienangebot der Bank durchklicken und auf Wunsch auch gleich einen Termin vereinbaren kann, bis zum elektronisch ausgestatteten Kundenraum der Bank und dem Bildschirm im Schaufenster der Bank, den der Kunde mit Armbewegungen steuern und so zur gewünschten Information führen kann.

Das Gerät reagiert auf den Nutzer

Im Ausstellungsbereich des Rotebühlzentrums zeigten Firmen und Forschungsinstitute eine breite Palette von Anwendungen, die – mal enger und mal weniger eng – mit Usability zu tun haben. Forscher versuchen zunehmen, das Verhalten des Nutzers zu registrieren und Anwendungen darauf reagieren zu lassen. So zeigte Fabian Müller von der Hochschule Esslingen eine Koproduktion unter anderem mit der Stuttgarter Firma IC-IDO, mit der ein dreidimensionales Modell eines Flugzeugcockpits von allen Seiten betrachtet und sogar zerlegt werden kann.

Müller selbst hat in seiner Bachelorarbeit den Prototypen eines Systems erstellt, das in der Wohnung eines alten Menschen erkennen soll, wenn dieser stürzt, und dann Familie oder Pflegekräfte alarmieren kann. Sein Kollege Jian Wu arbeitet zusammen mit Sozialwissenschaftlern an einem umfangreichen Konzept, das älteren Menschen Leben in ihren vier Wänden ermöglichen soll – angefangen von der Automatisierung schwieriger Vorgänge bis zum Videokontakt zu Pflegeeinrichtungen.

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart hat in dem EU-Projekt My UID eine Bedienungsoberfläche geschaffen, die sich anpasst. Bei Dunkelheit wird die Anzeige heller, und wenn der Anwender sich vorbeugt, wird die Schrift vergrößert. Scheint der Nutzer nach irgend etwas zu suchen, wird die Anzeige um weitere Informationen erweitert, oder es werden Bildsymbole um schriftliche Informationen ergänzt.

Welche Information ist gerade wichtig?

Viele Usability-Anwendungen wollen die Bedienung von Geräten übersichtlicher und angenehmer machen. So haben Ingenieure der Firma Bosch sich neben Autofahrer in ein Elektroauto gesetzt und herauszufinden versucht, welche Informationen das Auto wo und in welchem Moment anzeigen soll. Die Firma Phoenix Design hat mit dem Hersteller Metrax einen Defibrillator entworfen, der sowohl von medizinischen Fachkräften als auch von Helfern mit weniger Vorbildung benutzt werden kann. Wichtige Kreislaufwerte des Patienten lassen sich analysieren, und das Gerät gibt Hilfen, was zu tun ist. Und die Stuttgarter Firma Elo Digital Office, die eine Software zum Management elektronisch gespeicherter Dokumente verkauft, leistet sich eine eigene Usability-Abteilung, um das Arbeiten mit der Software so naheliegend wie möglich zu gestalten.

Usability oder User Experience? Um diese beiden Begriffe – Englisch muss es in der Branche offenbar unbedingt sein – wird derzeit eine Debatte geführt. Manchem genügt es nicht mehr, dass Geräte gebrauchstauglich (usable) sind, was laut internationaler ISO-Norm eine Verbindung von Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit beschreibt. Planer wie Dietmar Schuster gehen weiter: Technik, so ihr Credo, muss Spaß machen, muss ein Erlebnis sein. Usability ist praktisch. User Experience will jeder haben, weil sie Spaß macht.