Wozu heute noch Philosophie? Offen bleiben

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„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – Der Leitspruch der Aufklärung ist angesichts zunehmend irrationaler Tendenzen in Gesellschaft und Politik dringlicher denn je.

Die Durchbrechung der Welt: Französischer Holzschnitt von 1888 im Stil von 1520. Foto: Picture Alliance
Die Durchbrechung der Welt: Französischer Holzschnitt von 1888 im Stil von 1520. Foto: Picture Alliance

Stuttgart - Der normale Betrachter wird es mit Arthur Schopenhauer (1788-1860) und seinem ironischen Diktum halten: Die Philosophie sei „zuvörderst ein Ungeheuer mit vielen Köpfen, deren jeder eine andere Sprache redet“. Oder mit Karl Marx (1818-1883), für den das „Elend der Philosophie“ darin besteht, dass sie „hohles Geschwätz“ sei. Man könnte ergänzen: Philosophie sei weltfremd, abgehoben, verkopft, sinnlos. Die Liste mit Negativ-Attribute ließe sich mühelos fortsetzen.

Der Philosoph aus der Tonne

Wie einst Diogenes von Sinope (410-323 v. Chr.) in seiner Tonne sitzt der Philosoph von heute im Elfenbeinturm der Wissenschaft, abgeschieden und unberührt von den Irrungen und Wirrungen der Welt und brütet über Gott und die Welt. Ein weit verbreitetes Klischee.

Slavoj Žižek, einer der populärsten zeitgenössischen Denker formuliert es so: „Es ist im Kern das, was wir fanatischen Philosophen wirklich denken: Dass die Realität nur existiert, damit wir Bücher darüber schreiben können.“ Nun ist der slowenische Gesellschaftskritiker über jeden Verdacht erhaben, sich vor der chaotischen Realität ins intellektuelle Nirwana zu flüchten.

Was Žižek meint, ist dies: Um die Welt zu gestalten, muss man sie deuten. Der 66-jährige Philosoph verweist auf die „kognitiven Landkarten“, die den Menschen die Richtung zeigen und einen Überblick geben, wo die Geschichte hingeht, was heute passiert.

Reale Basis und geistiger Überbau

Wie verhalten sich Denken und Handeln, Erkenntnis und Interesse, Gedanke und Erfahrung zueinander? Marx, der Vater des Dialektischen Materialismus, spricht von einer Wechselbeziehung von geistigem Überbau und realer Basis. Sein und Bewusstsein bedingen und durchdringen einander, so dass nur das wechselseitige Miteinander – die dialektische Synthese von These und Antithese – die geschichtliche Wirklichkeit bildet.

Ohne geistige Durchdringung des Realen wird alles Planen und Handeln zum unkoordinierten, konfusen Agieren. Ohne Realitätsbezug und den Willen zur Veränderung wird alles Denken zur fruchtlosen Spekulation.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert“, lautet sein Generalverdacht gegen die Denkerzunft, „es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Dabei ist das Werk des Begründers des Marxismus das beste Beispiel dafür, wie ein für Normalsterbliche weitgehend unverständliches Gedankengebäude den Geschichtsverlauf radikal verändern kann.

Liebe zur Weisheit

Als „Liebe zur Weisheit“ (so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „philosophia“) geht es der Philosophie weder um das alltägliche Kleinklein noch um die Detailversessenheit anderer Wissenschaften, sondern um Grundsätzliches. Sie stellt sich grundlegenden Fragen und beantwortet diese ebenso grundlegend. Insofern ist sie als Grundlagenwissenschaft die Basis aller Wissenschaften und Lebenspraxis – auch wenn der Laie das vielen philosophischen Texten gar nicht anmerkt.

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1727-1804) fasst das weite „Feld der Philosophie“ in vier zentralen Fragen zusammen: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Die erste Frage beantworte die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. „Im Grunde“, so der deutsche Großdenker, „könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“

Philosophieren ist nichts Exklusives, sondern durch und durch alltagsbezogen. Jeder Mensch philosophiert – mehr oder weniger – bewusst. Wir alle haben philosophische Überzeugungen. Die Philosophie beschäftigt sich mit Sachverhalten, die banal und selbstverständlich erscheinen und von den meisten nicht hinterfragt werden.

Wenn sich jemand wundert, warum seine Existenz so verläuft, ob sie seinen Wünschen und Träumen entspricht, ob er sie als erfüllt oder gescheitert erfährt, dann steckt er schon mitten im Prozess des Philosophierens.

„Das Leben selbst zwingt uns zum Philosophieren“, erklärt Matthias C. Müller, der seine philosophische Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und in Stuttgart einen „Philosophischen Garten“ kultiviert. „Deshalb sind wir alle Philosophen, sind es nur nicht unbedingt mit der Ausdauer und der Konsequenz professioneller Philosophen. Das Besondere an der Philosophie ist, dass sie den alltäglichen Ablauf des Lebens und den zunächst selbstverständlich scheinenden Zustand der Welt in Frage stellt.“

Gedankenspiele und Haarspaltereien?

Viele würden in der Philosophie ein harmloses, aber letztlich nutzloses Gedankenspiel sehen, „das aus Haarspaltereien und Streitigkeiten über Dinge besteht, über die wir ohnehin nichts wissen können“, bemerkte der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) einmal süffisant.

Ein voreiliger Schluss. Denn Philosophie geht jeden an – sogar ihre Verächter. „Worum es geht, ist zu zeigen, wie die Komplikationen, die die Philosophie aufzeigt, nicht etwas dem Menschen Fremdes sind, sondern etwas, das zu ihm gehört“, betont Žižek. „Wenn Du die Philosophie nicht verstehst, heißt das, dass Du einen Teil Deiner selbst nicht verstehst.“