Krimikolumne

Yassin Musharbash: Jenseits Beklemmend Realistisches von der Dschihadistenfront

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Mit „Jenseits“ Yassin Musharbash ist ein Meisterstück gelungen. Abseits jeglicher spektakulärer Action schildert er eine beklemmend realistische Geschichte, die so zweifellos täglich passieren kann.

Yassin Musharbash weiß, worüber er schreibt. Foto: Nadia Bseiso
Yassin Musharbash weiß, worüber er schreibt. Foto: Nadia Bseiso

Berlin - Die Sassenthins sind verzweifelt – und hoffnungsvoll zugleich. Ihr Sohn Gent, zum muslimischen Eiferer geworden, ist als Dschihadist in Syrien untergetaucht. Nach Monaten erhalten die Eltern dann ein Lebenszeichen. Möchte Gent aussteigen? Die Sassenthins wenden sich an eine Beratungsstelle für betroffene Eltern und aussteigewillige Gotteskrieger.

Doch nicht nur dort, sondern auch an mehreren anderen Stellen erweckt Gent Sassenthin Interesse. Die Journalistin Merle Schwalb, unglücklich beschäftigt beim Nachrichtenmagazin Globus, bekommt Wind von der Geschichte und wittert ihre große Story. Und der Verfassungsschützer Sami Mukhtar hofft, sich mit diesem Fall ein für alle Mal vor seinen Kollegen in den deutschen Geheimdienstbehörden beweisen zu können.

Doch ist Gent Sassenthin wirklich entschlossen, dem Islamischen Staat den Rücken zu kehren? Oder handelt es sich um ein groß angelegtes Komplott, mit dem die Spitzen des Terror-Kalifats einen unauffälligen Deutschen als Attentäter zurück nach Europa schleusen wollen?

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Ein Spielball wiederstreitender Interessen

Im Ringen um die Wahrheit und den persönlichen Erfolg Einzelner gerät Gent Sassenthin zum Spielball widerstreitender Interessen. Diverse Geheimdienstler gönnen sich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln, Behörden rangeln um Kompetenzen und wirken überfordert. Journalisten drängen sich gegenseitig aus der Story und kriechen der Verlegerin hinten rein. Und auch der Sozialarbeiter Titus Brandt von der Beratungsstelle Amal hat seine ganz eigenen Motive.

Vor dem Hintergrund der alltäglichen Bedrohung durch den islamistischen Terror in Europa und konkret den Anschlag von Anis Amri auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche im Dezember 2016 entfaltet Yassin Musharbash eine im Grunde unspektakuläre, aber gleichwohl hochspannend zu lesende Geschichte um einen „ganz normalen Dschihadisten“, der wie Hunderte andere sein Seelenheil im Islam sucht und sich immer tiefer in die innere Widersprüche des Terrorkalifats verstrickt, das vermeintlich die Erlösung bringen will, in dem aber Abweichler ruckzuck ihr Leben riskieren.

Dem Leser stehen die Haare zu Berge

Die Helden in Musharbashs „Jenseits“ sind gewöhnliche Menschen: Eltern, die einfach nicht mitbekommen haben, wie ihr Sohn immer weiter abgedriftet ist, eine junge Journalistin, die noch daran glaubt, mit ihren Geschichten die Welt verändern zu können, und Geheimdienstler, die sich vor allem in Meetings verheddern und aufreiben.

Das alles ist beklemmend realistisch und wird gerade dadurch spannend, weil der Leser die ganze Zeit denkt: Ja, genauso könnte es ablaufen. Vor allem die Menge an Zufällen, von denen alles abhängt, und die letztlich das Geschehen vorantreiben, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Wer „Jenseits“ einmal anfängt, wird den Thriller so schnell nicht aus der Hand legen.

Yassin Musharbash: Jenseits. Thriller. Kiepenheuer&Witsch Köln 2017. 320 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro. Auch als E-Book, 12,99.