Zahnradbahnfahrer in Stuttgart Giacomo Morello ist schwer auf Zacke

Von Christoph Kutzer 

Der gebürtige Italiener Giacomo Morello geht in Rente. Für viele Zacke-Kunden, die von Stuttgart-Süd nach Degerloch fuhren, war er weit mehr als nur ein Fahrer.

Giacomo Morello ist eines der Gesichter der Stuttgarter Zahnradbahn Foto: Christoph Kutzer
Giacomo Morello ist eines der Gesichter der Stuttgarter Zahnradbahn Foto: Christoph Kutzer

S-Süd -

Wer in den vergangenen drei Jahrzehnten häufig die Zacke zwischen Marienplatz und Degerloch nutzte, wird ihn mit Sicherheit kennen: Giacomo Morello ist eines der Gesichter der Stuttgarter Zahnradbahn. „Das ist das Besondere an dieser Strecke“, blickt der 63-Jährige zurück. „Man ist nicht so anonym wie andere Stadtbahnfahrer. Mit den Fahrgästen zu plaudern, gehört praktisch zum Geschäft. Dafür gibt es dann beispielsweise auch Weihnachtsgeschenke. Die Schokolade habe ich immer an Kinder gespendet. Es ist ein Geben und Nehmen.“

Als Giacomo, wie ihn die meisten nennen, 1971 bei der SSB AG anfing, ahnte er noch nicht, dass er die Schienenfahrzeuge eines Tages auch eigenhändig durch Stuttgart lenken würde. Der Italiener begann in der Lackiererei des Betriebs. Zu einer Zeit, als der Hauptsitz noch im Stuttgarter Osten lag. Eine Allergie zwang den engagierten jungen Mann zum Umsatteln auf den Rangier-Bereich. „Ich musste Prüfberichte schreiben und festhalten, was an den Fahrzeugen defekt war“, erinnert sich Morello. „Das empfand ich nicht als sonderlich erfüllend. Als eine Liebe hinzukam, die zu neuen Ufern lockte, war ich drauf und dran, die SSB zu verlassen.“ Genau in diesem Moment stellte man ihm die entscheidende Frage: „Warum gehen Sie nicht in den Fahrdienst?“ Kurz darauf dirigierte er eine der legendären GT-4-Straßenbahnen über die Schienen, die das Bild des öffentlichen Nahverkehrs stolze 48 Jahre lang prägten.

Den Suizid eines Mannes zu verkraften

„Bis Mitte der 80er-Jahre habe ich fast alle Strecken bedient“, so Morello. „Ich habe diese Zeit genossen. Man bekam am Rande immer mit, was in der Stadt los war und ich habe in dieser Zeit alles miterlebt, was man als Fahrer erleben kann.“ Das schließt einen Suizid mit ein. 1987 warf sich ein 67-Jähriger auf Höhe der Plieninger Straße auf die Schienen. „Es war wenige Minuten vor meinem Urlaub“, lässt Morello das einschneidende Erlebnis Revue passieren. „Der Mann hatte einen Abschiedsbrief bei sich, in dem er von seinem Liebeskummer sprach. Das war für mich nicht leicht zu verkraften. Ich werde diesen Tag nie vergessen.“

So sehr es der Sohn eines kalabrischen Müllers genoss, im Fahrerhaus einer Bahn zu sitzen: er blieb auch stets ein Familienmensch. „Ich bin immer eingesprungen, wenn Not am Mann war“, sagt er und räumt ein, dass sich die Begeisterung von Frau und Tochter darüber in Grenzen hielt: „Als ich einmal sieben Wochen hintereinander samstags und sonntags im Dienst war, fragten sie, wann wir mal wieder gemeinsam essen würden“.

Anspruchsvolles Verkehrsmittel

Dann, im Jahre 1991, kam die Zacke. „Das ist nichts für Anfänger“, sagt Giacomo Morello. „Bei der Zahnradbahn läuft alles ein bisschen anders. Zu 99 Prozent ist man auf sich allein gestellt, was ich angenehm finde, weil man sein eigener Herr ist. Für das Fahrzeug selbst braucht man besonders viel Gefühl, vor allem was das Abbremsen und Beschleunigen angeht.“ Dafür gibt es vier Wochen zusätzliches Fahrtraining.

Aber auch der Umgang mit den Fahrgästen ist etwas ganz Besonderes. Viele sind Stammkunden. Besonders zwischen Oktober und März. Da gehört ein Schwätzchen zum Service dazu. „Ich habe in meiner Zeit auf dieser Strecke etliche Fahrgäste heranwachsen sehen“, gibt der SSB-Veteran zu Protokoll. „Da wurde mir hin und wieder auch zugewinkt, wenn ich in einer anderen Straßenbahn oder Stadtbahn saß.“

Nun lockt das Dasein als Rentner. Ganz überzeugt scheint Giacomo Morello von der Idee, sich zur Ruhe zu setzen, noch nicht zu sein. „Ich stehe gerne früh auf“, gesteht er. „Oft bin ich auch außer Dienst schon um 3 Uhr auf den Beinen und lege mich dann noch einmal hin.“ Natürlich ist die Aussicht, mehr Zeit für den Gemüsegarten und die Enkel zu haben, verlockend.

Einen vollständigen Verzicht auf seinen Beruf kann sich der Rentner in spe aber nur schwer vorstellen: „Es gibt Möglichkeiten, auf individueller Basis als Springer zu arbeiten.“ Auch seine Verbundenheit zum SSB-Männerchor wird bleiben. Sie ist Teil einer Kollegialität, die Morello besonders zu schätzen weiß. „Früher war es geradezu riskant, zu verraten, wann man Geburtstag hatte oder ob es gerade einen anderen festlichen Anlass gab“, verrät er. „In solchen Fällen sammelte sich immer rasch ein ganzer Pulk von Fahrern um den Glücklichen und es wurde gemeinsam gefeiert. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt.“

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