Zeitreise auf dem Smartphone Diese App lässt Stuttgart alt aussehen

Von Marc Hippler 

Ein Studenten-Projekt will Zeitreisen durch Stuttgart anbieten. Alles, was man dafür braucht, ist ein Smartphone und eine App.

Momentan ist die Zeitfenster-App fürs iPhone programmiert. Grundsätzlich könnte sie aber auch auf Android-Geräten funktionieren. Foto: Privat 5 Bilder
Momentan ist die Zeitfenster-App fürs iPhone programmiert. Grundsätzlich könnte sie aber auch auf Android-Geräten funktionieren.Foto: Privat

Stuttgart - Bei einer Zeitreise ist das Wetter eigentlich egal. Denkt man. Bis man bei minus fünf Grad auf dem Schlossplatz steht. Hier soll sie nämlich starten, die Reise in die Stuttgarter Vergangenheit. Mit dabei sind Patrick Burkert, Nils Fröhlich und Benjamin Schaufler. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen Diana Bullmann und Sven Straubinger haben die Studenten der Hochschule der Medien (HdM) die Zeitreise entwickelt. Angeblich sind dafür weder ein schwarzes Loch, noch ein Fluxkompensator nötig. Alles, was man für den Sprung in die Vergangenheit brauchen soll, ist ein Smartphone, eine App und einen ruhigen Zeigefinger. Am Letztgenannten könnte die Premiere allerdings scheitern.

Denn es ist kalt, bitterkalt. Einen Handschuh, der sich mit dem berührungsempfindlichen Bildschirm des iPhones versteht, hat gerade niemand, also muss es eben ohne Kälteschutz gehen. Die Zeitfenster-App ist ein Dummy, eine Art Prototyp. Damit funktioniert fast alles so, wie es einmal funktionieren soll. Die Studenten haben das Programm für Smartphones im Rahmen eines Studio-Projektes an der HdM entwickelt, designt und programmiert. Die Idee hatten Patrick Burkert und Benjamin Schaufler aber schon im Frühling 2011. „Ich habe mich gefragt, ob man zeigen kann, wie Stuttgart früher ausgesehen hat“, sagt er. Und der einfachste Weg schien ihm der über ein Handydisplay zu sein.

Erweiterte Realität auf dem Schlossplatz

Was darauf passiert, wenn man die App gestartet hat, ist erstaunlich. Das Programm erzeugt Augmented Reality, was übersetzt so viel heißt wie erweiterte Realität. Auf dem Bildschirm, der das Kamerabild des Handys zeigt, ist also mehr zu sehen, als eigentlich da ist. Bei der Zeitfenster-App sind das blaue Stecknadeln mit großen, abgerundeten Köpfen. Sie scheinen über dem Schlossplatz zu schweben. Bewegt man sich auf sie zu, werden sie größer. „Das sind die Zeitfenster“, sagt Patrick Burkert. In der endgültigen Version sollen sie sich von alleine öffnen, wenn man sie erreicht hat. Das funktioniert deshalb so genau, weil Smartphones GPS-Empfänger haben, wodurch die Position bestimmt werden kann. Im Dummy wollen die blauen Fenster noch angetippt werden. Und schon werfen wir einen Blick in die Stuttgarter Vergangenheit.

Vor dem Königsbau, wo eben noch Passanten aus der Kälte in die Stadtbahn-Haltestelle gehechtet sind, fährt wieder die Straßenbahn. Würde man noch weiter in die Vergangenheit reisen, könnte man auch wieder Pferdekutschen sehen. Wir drehen das Handy weiter nach links, vorbei am Kunstmuseum. Gleich daneben taucht das Kronprinzenpalais auf. Das steht schon lange nicht mehr hier. Aber mit dem Zeigefinger lässt sich das historische Bild langsam ins aktuelle Realbild einblenden. Es ist ein bisschen so, als könnte man das Echo vergangener Epochen mit der Fingerkuppe lauter regeln.

Als die Queen in Stuttgart war

54 solcher Zeitfenster mit 137 historischen Aufnahmen gibt es in der aktuellen Version. Noch konzentrieren sie sich rund um den Schlossplatz, den Schiller- und den Marktplatz. So kann man zusehen, wie die Glocken der Stiftskirche 1950 auf einem LKW transportiert werden, das Rathaus nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern liegt oder die Queen Stuttgart besucht. Das war 1965. Durch die Zoom- und Einblendfunktion hat der Betrachter das Gefühl, tatsächlich vor historischen Szenen zu stehen. „Man könnte auch Videos einbinden“, sagt Nils Fröhlich. Dann wäre die Illusion wohl perfekt. Auch wie groß das Zeitfenster sein soll, lässt sich übrigens bestimmen. Der Rahmen kann dabei vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 2005 reichen – oder sich zum Beispiel nur auf die 1960er Jahre beschränken.

Das Uni-Projekt zu interaktiven Medien geht über das Technische weit hinaus. Für die fünf Studenten war schon die Vorbereitung so eine Art Reise in die Vergangenheit. „So haben wir uns intensiv mit Stuttgarter Stadtgeschichte beschäftigt“, sagt Patrick Burkert. Zu den meisten Zeitfenstern gibt es daher auch Infotexte, die erklären, was man da sieht. Mal davon abgesehen, dass es bei der Recherche nach historischen Bildaufnahmen in der Studentengruppe schon jede Menge Aha-Effekte gab. Mit diesen Augen hatten sie Stuttgart noch nie gesehen.

Die Suche nach historischen Bildern

Dafür, dass es möglichst viel zu sehen gibt, sorgen derzeit die Landes-Medien-Zentrale (LMZ) und das Haus der Geschichte. Sie haben die Bilder geliefert, die das Zeitreisen überhaupt erst möglich machen. Gar nicht so einfach, solche Aufnahmen zu finden. Zumal ein studentisches Projekt ja kein großes Budget hat, das aufwendige Digitalisierung oder das Einkaufen von Bildrechten möglich machen würde. Deshalb denken die Studenten auch darüber nach, die App mit einem Community-System auszustatten. Damit könnten auch Bürger eigene historische Fotos hinzufügen – in der IT-Sprache nennt man das User Generated Content.

Ideen, was man mit der App später einmal alles machen könnte, haben die Studenten jede Menge. So könnte man damit auch geführte Touren durch Stuttgart anbieten. Schon jetzt sind Themen in der App hinterlegt. Etwa zu Stuttgarter Mobilität, zu großen Stadtereignissen oder zum Schlossbrand von 1931. Eines scheint schon jetzt festzustehen: die Zeitfenster-App soll nach dem Semester nicht Geschichte sein. Sondern in Stuttgart und später auch in anderen Städten zum Einsatz kommen. Denn so einfach war Zeitreisen noch nie. Vorausgesetzt, es ist nicht ganz so kalt wie in diesen Tagen.