Zeitreise in die Steinzeit Geheimnisse der Alb-Schatzkammer

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Die Wiege der Kultur liegt auf der Schwäbischen Alb. Im Hohle Fels, einer Höhle bei Schelklingen, haben Archäologen Entdeckungen von Weltrang gemacht wie die weltberühmte Venus – eine Reportage.

Die sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb, die 2017 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden sollen. Foto: StN/StZ-Grafik 20 Bilder
Die sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb, die 2017 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden sollen. Foto: StN/StZ-Grafik

Schelklingen - Der Eingang zur Höhle ist durch ein Eisentor versperrt. Drinnen, im Halbdunkel, sieht es aus wie auf einer Baustelle. Werkzeuge, Kabel, Eimer, Lampen, Planen, die neben verschmutzten Glasvitrinen mit Zeitungsartikeln herumliegen. Nach wenigen Metern führt ein Steg in eine von spärlichem Licht erhellte Halle. Mit 500 Quadratmeter Grundfläche ist der Hohle Fels, eine Karsthöhle bei Schelklingen, eine der größten natürlichen Kathedralen Deutschlands.

Tödliches Drama im Höhlendunkel

Vor rund 35 000 Jahren könnte sich im Dunkel der Kalksteinhöhle ein Drama abgespielt haben: Menschen der steinzeitlichen Kultur des Aurignacien stießen auf der Suche nach Unterschlupf und Beute auf einen schlafenden Höhlenbären und töteten ihn. Vom Kampf auf Leben und Tod zeugt bis heute ein Brustwirbel des Raubtieres, in dem noch die abgebrochene Spitze eines Speers steckt. Es ist der weltweit einzige Hinweis für die Jagd auf den ausgestorbenen Höhlenbär.

Vor dem Eingang zur Halle führt eine schmale Leiter in die Tiefe. Auf dem terrassierten Untergrund sind Sandsäcke ausgebreitet. Fünf Mitarbeiter des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen arbeiten an diesem Morgen in der Grube. Mit feinen Stuckateureisen schaben sie vorsichtig Millimeter für Millimeter die lehmige Erde beiseite.

„Neandertaler 55 000–65 000 vor heute“ steht mit schwarzen Buchstaben auf einem weißen Schild, das auf einem Sandsack postiert ist. „Wir befinden uns im Zeitalter des Neandertalers“, sagt Sarah Rudolf, die Grabungsleiterin im Hohle Fels. Nur wenige Steinwerkzeuge aus Jurahornstein, der in der Nähe des Hohle Fels liegt, haben die Tübinger Archäologen gefunden – hauptsächlich Knochen vom Höhlenbären.

Einblicke in eine untergegangene Welt

Um ein Vielfaches reichhaltiger sind hingegen die Funde aus der Zeit vor 43 500 bis 31 000 Jahren. Damals wanderten die ersten anatomisch modernen Menschen aus Afrika über den Nahen Osten entlang der Donau in das heutige Baden-Württemberg ein. Die 25-jährige Grabungstechnikerin leitet zusammen mit dem Archäologen Alexander Janas (41) die Grabungen. „Natürlich wollen wir tolle Funde machen“, sagt sie. Allerdings seien sie keine Schatzsucher auf der Jagd nach Edelsteinen und Gold.

Achtlos liegen gelassene Kleinigkeiten, schwärzliche Flecken im Sediment, die auf eine Feuerstelle hindeuten, Bruchstücke von Elfenbein oder Knochenfragmente sind für die Forscher von unschätzbarem Wert. Vermitteln sie doch Einblicke in eine untergegangene Welt, die mit viel Geduld dem Vergessen entrissen wird. Jedes noch so kleine Stück kann Aufschluss geben über den Alltag in der Steinzeit.

„Da liegt ein Elfenbeinstück.“ Sarah ­Rudolf deutet auf ein knapp zwei Zenti­meter großes verdrecktes Teil im lehm­verschmierten Sedimentgestein. „Man braucht geschulte Augen, um das zu erkennen.“ Vielleicht handelt es sich um Reste, die bei der Anfertigung einer Tierfigur oder eines Amuletts angefallen waren. Vorsichtig legt die amerikanische Archäologiestudentin Anna Barun das Fragment in eine Plastiktüte und beschriftet es.

„Der Hohle Fels ist eine steinzeitliche Schatzkammer“

Der Ausgrabungsbereich ist in 30 Quadrate zu je einem Quadratmeter unterteilt. Von oben nach unten werden die einzelnen Schichten durchsucht, die im Laufe von Zehntausenden von Jahren durch menschliche Besiedlung, Sedimente und Abbrüche von der Höhlendecke und den Wänden entstanden sind. „Der Hohle Fels ist eine steinzeitliche Schatzkammer“, sagt Alexander Janas.

Der 41-Jährige steht am Vermessungsgerät und peilt eine Fundstelle an. Der rote Laserpunkt markiert, wo gemessen wird. Danach berechnet der Computer anhand von zuvor gemessenen Punkten die 3-D-Koordinaten und speichert sie in seine Datenbank. Am Abend werden die Daten in eine zentrale Datenbank eingefügt. Ein kurzer Blick in den Rechner, und schon weiß Janas, wie viele Einzelfunde seit 1997 im Hohle Fels gemacht wurden. „79 674, davon 1089 größere Elfenbeinstücke.“

Die Fundstätte im Achtal, anderthalb Kilometer von Schelklingen entfernt, ist so reich an steinzeitlichen Artefakten wie nur wenige archäologische ­Orte auf der Welt. Was die Wissenschaftler aus den beiden Quadraten 30 und 31 aus der Erde geborgen haben, sprengt jede Vorstellungskraft.

Das älteste Kunstwerk der Welt

Die filigranen Tierdarstellungen aus Elfenbein, nur wenige Zentimeter groß und doch ungeheuer ausdrucksstark und detailgetreu, zählen zu den ältesten figürlichen Kunstwerken der Menschheit: ein Pferdekopf, ein Wasservogel, eine menschliche Gestalt mit Löwenhaupt, Bruchstücke einer Frauenfigur. Die berühmteste Kostbarkeit ist die Venus vom Hohle Fels, die am 5. August 2008 von einer Schweizer Studentin gefunden wurde.

Die sechs Zentimeter hohe Figurine aus Mammutelfenbein ist das älteste je entdeckte Kunstwerk aus der Hand des modernen Menschen. „Der Fund ist etwa 40 000 Jahre alt. Weltweit gibt es keinen Standort, wo ältere figürliche Kunst bekannt ist“, berichtet Nicholas Conard. Der 55-jährige Deutsch-Amerikaner ist Professor für prähistorische Archäologie. Seit über 20 Jahren gräbt er in den Karsthöhlen der Alb. 2008 fand Conards Team, in dem Studenten aus aller Welt mitarbeiten, im Hohle Fels eine fast vollständige Flöte aus der Speiche eines Gänsegeiers.

Unversehrte Relikte aus der Steinzeit

Totenstille herrscht in der Schelklinger Felskathedrale. Ab und an fällt ein Wassertropfen von der Decke auf den mit Sedimenten und Kalkversturzblöcken übersäten Boden. Abgesehen davon ist kein Geräusch zu hören: weder der Lärm der vorbeifahrenden Autos noch jener der Lastwagen, die ihre Ladung aus einem Steinbruch auf der nahe gelegenen Bundesstraße 492 transportieren.

Konstante zehn Grad Celsius herrschen das ganze Jahr über in der Höhle. „Die Bedingungen hier sind optimal“, erläutert Sarah Rudolf. Die unteren Erdschichten sind unberührt geblieben. Fast so, als würden Ägyptologen ein unversehrtes Pharaonengrab im Tal der Könige entdecken.

Wie Maulwürfe graben sich die Forscher im Schneckentempo durch die Erdschichten. Etwa 20 Zentimeter pro Saison, die jedes Jahr von Ende Juni bis August dauert. Im Herbst ist die Höhle wegen der dort nistenden Fledermäuse geschlossen.

„Wir werden hier noch die nächsten 10, 20 Jahre graben“

150 Meter vom Höhleneingang entfernt schlämmt die amerikanische Archäologiestudentin Emma Kozitzky Sedimente. Sie steht mit ihren Gummistiefel knietief im glasklaren Wasser der Ach. „Kein Fundstück entgeht uns“, sagt sie und schüttet eine Schüssel aus. Emma Kozitzky gehört zu dem 15- bis 18-köpfigen Grabungsteam, das jedes Jahr im Sommer im Hohle Fels auf Spurensuche geht.

Aus der ganzen Welt kommen Anfragen von Studenten, die Erfahrungen sammeln wollen. In der Fachwelt sei der Hohle Fels eine „ganz große Nummer“, sagt Alexander Janas. „Wir haben drei- bis viermal mehr Bewerber als Plätze. Theoretisch könnten wir das ganze Jahr über arbeiten. Doch dafür fehlen Geld, Personal und Zeit. Wir werden hier noch die nächsten 10, 20 Jahre graben“, ist sich Alexander Janas sicher. Die Wunderkammer auf der Schwäbischen Alb hat noch längst nicht all ihre Schätze preisgegeben.