Zeitschrift „Zeitungszeugen“ Der Streit über „Mein Kampf“
Mirko Weber, 08.02.2012 08:00 Uhr
Der englische Verleger der Zeitschrift „Zeitzeugen“ zeigt einen Original-Nachdruck von Nazi-Hetzblättern. Foto: dpa
Der englische Verleger der Zeitschrift „Zeitzeugen“ zeigt einen Original-Nachdruck von Nazi-Hetzblättern. Foto: dpa

München - Wer nach der Machtergreifung 1933 heiratete, bekam allen Ernstes ein Buch als Dreingabe, in dem auf 782 Seiten ein Wirrkopf die Welt zu erklären versuchte, wie er sie sah. Das Buch hieß nun relativ bündig „Mein Kampf“, obwohl der Autor, Adolf Hitler, zunächst als Titel „Viereinhalb Jahre des Kampfes gegen Lüge, Dummheit und Feigheit“ vorgesehen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt musste der spätere Gröfaz noch davon ausgehen, ein halbes Jahrzehnt Festungshaft in Landsberg am Lech absitzen zu müssen, es werden dann aber nur neun Monate: Zeit genug immerhin, um Schwachsinn wie den folgenden notieren zu lassen: „Von Zeit zu Zeit wird in illustrierten Blättern dem deutschen Spießer vor Augen geführt, dass da und dort zum erstenmal ein Neger Advokat, Lehrer, gar Pastor oder Heldentenor oder dergleichen geworden ist. Während das blödsinnige Bürgertum eine solche Wunderdressur staunend zur Kenntnis nimmt . . ., versteht der Jude sehr schlau, daraus einen neuen Beweis für die Richtigkeit seiner den Völkern einzutrichternden Theorie von der Gleichheit des Menschen zu konstruieren.“

Wenn man sich die Mühe macht, große Passagen von „Mein Kampf“ zu lesen, kommt man relativ schnell drauf, dass hier jemand mit der großen Copy-Taste vor ihrer Erfindung hantiert hat: Hitler funktionierte geistig wie ein Durchlauferhitzer für alle kruden, rechten, nationalistischen und antisemitischen Theorien, die sich in den zwanziger Jahren auftun ließen: er propagierte den „ewigen Kampf“, und der Gegner wurde klar benannt: das internationale Judentum. Bis 1933 verkaufte sich Hitlers Machwerk, hauptsächlich innerparteilich, rund 240.000-mal. Danach war „Mein Kampf“, siehe oben, ein Selbstläufer, quasi Bibelersatz, abermillionenfach verbreitet, wiewohl nach wie vor tendenziell ungelesen. Nach dem Krieg war der Verkauf in Deutschland verboten.

Bayern hat die Urheberrechte an „Mein Kampf“

Braucht trotzdem, außer Wissenschaftlern, jemand Nachhilfe, was „Mein Kampf“ betrifft? Der britische Verleger Peter McGee findet: ja. Deshalb hat er sich auf einen Rechtsstreit mit dem Freistaat Bayern eingelassen, der am Donnerstag vor dem Landgericht München entschieden wird. Es geht dabei aber nicht um 782 Seiten, sondern nur um deren sechzehn aus dem Hause McGee, zudem wissenschaftlich kommentierte. Eine Groteske? Wie man’s nimmt.

Der Freistaat Bayern hat die Urheberrechte an „Mein Kampf“ nicht eben freiwillig geerbt, sondern – weil Hitlers Verlag Franz Eher in München saß – von den USA und den Besatzungsbehörden übertragen bekommen. Verbunden natürlich mit der Aufforderung, keinerlei Propaganda zuzulassen. Nun aber endet das Copyright des Finanzministeriums im Jahre 2015. Bayern indes wäre vorbereitet. Just für diesen ­Zeitpunkt ist die Veröffentlichung einer historisch-kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ geplant, die vom Münchner Institut für Zeitgeschichte betreut wird.

McGee wollte diesem Prozedere nun zuvorkommen. Ein Erscheinen von Auszügen aus „Mein Kampf“ auf Zeitungspapier komplettierte ein Projekt, das McGee im Jahr 2009 mit der Sammeledition „Zeitungszeugen“ gestartet hatte. McGee ist Historiker und Verleger. Er wollte siebzig Jahre nach dem Ausbruch des von den Deutschen begonnen Zweiten Weltkriegs noch einmal dokumentieren, was damals wirklich geschrieben wurde. Also druckte McGee Faksimile deutscher Zeitungen, die er von teils renommierten Historikern kommentieren ließ. Dennoch gab es anhaltenden Streit über das Projekt, weil nicht nur die jüdischen Gemeinden in Deutschland und Österreich McGees lautere Absichten zwar nicht im Kern bestreiten wollten, wohl aber Bedenken anmeldeten, dass sich Rechts­radikalen eine Plattform biete, wenn 300.000 Exemplare mit Originaldokumenten (und unvermeidbaren Hassparolen) abermals in Umlauf gerieten.

Auch der Freistaat Bayern wehrte sich gegen eine Vereinnahmung von Publikationen aus dem genannten Haus Franz Eher. Das Landgericht München ließ damals Nachdrucke aus dem „Völkischen Beobachter“ beschlagnahmen. McGee entstanden Verluste in Millionenhöhe, die er vom Freistaat zumindest teilweise wieder zurückhaben möchte. „Mein Kampf“ betreffend hat McGee in einer Mischung aus Kauzigkeit und kaum angebrachter Komik Hitlers Passagen (also fast alle Dokumente) schwärzen lassen, um eine Beschlagnahmung zu verhindern. Denn der Freistaat hatte Ende Januar beim Landgericht München mit einer einstweiligen Verfügung ein Abdrucksverbot erwirkt. Der Verleger legte prompt Widerspruch ein. Am Donnerstag wird das Münchner Gericht in dieser Angelegenheit das letzte Wort haben.

Kommentare (1)
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FEB
09
r:steiner , 13:47 Uhr

Mein Krampf von Tabori ist edler und wichtiger als dieser krachledenre Nazi-Schmöker

Taboris Farce um das böse Bürschchen Adolf Hitler, die ihr so witz- wie wärmebegabter Erfinder auch „theologischen Schwank“ nannte, frisch und scharf: Ausgerechnet ein großherziger Jude namens Schlomo Herzl, Mitbewohner im Männerheim an der Blutgasse, bringt den abgewiesenen Kunststudiumsaspiranten aus Braunau am Inn auf den späteren Buchtitel „Mein Kampf“ und die Ersatzidee, mit seinem antisemitischen Quark mal eben ersatzweise in die Politik zu gehen, und das mit allen – in den Dialogen schon auffunkelnden – bekannten Folgen. Wenn bei Tabori nur ein Huhn namens Mizzi dran glauben muss, bei seinem "Protagonisten" in Krachledernen gab es in Wirklichkeit die schlimmsten Folgen, die Europa je auf seinem Boden erleben musste. Wie bei Zigaretten muss heute auf den Titel dieses Nazibuches gedruckt werden: "Lesen dieses Buches schadet nicht nur ihrer geistigen Gesundheit, sondern auch der ihrer Mitmenschen!"

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