Zeitung in der Schule: Ein Interview mit dem Jugend- und Medienforscher Heinzlmaier „Wir leben im Zeitalter des Bluffs“

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Jugendliche haben immer weniger Gewissheit, dass sie in ihrem Umfeld die Werte finden, die sie suchen. Das sei eine Katastrophe, sagt der Wiener Jugend- und Medienforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt, dass seriöse Medien auch vor diesem Hintergrund einen wichtigen (Bildungs-)Auftrag für junge Menschen erfüllen können und auch müssen. Rund 1400 Schüler aus der Region Stuttgart lernen jetzt im Projekt „Zeitung in der Schule“ die Stuttgarter Zeitung kennen.

Der Wiener Jugend- und Medienforscher Bernhard Heinzlmaier Foto: Foto Wilke
Der Wiener Jugend- und Medienforscher Bernhard Heinzlmaier Foto: Foto Wilke

Stuttgart - Jugendliche haben immer weniger Gewissheit, dass sie in ihrem Umfeld die Werte finden, die sie suchen. Das sei eine Katastrophe, sagt der Wiener Jugend- und Medienforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt, dass seriöse Medien auch vor diesem Hintergrund einen wichtigen (Bildungs-)Auftrag für junge Menschen erfüllen können und auch müssen. Rund 1400 Schüler aus der Region Stuttgart lernen jetzt im Projekt „Zeitung in der Schule“ die Stuttgarter Zeitung kennen.

Herr Heinzlmaier, junge Menschen konsumieren Medien völlig anders als ältere Semester, nämlich digital – Sie sagen, das hat massive Auswirkungen.
Marshall McLuhan sagt es ja in einem prägnanten Satz: The media is the message. Die Form der Medien ist wichtiger als ihr Inhalt, zumindest, was die Wirkung betrifft. Das lässt sich auch historisch begründen, etwa wenn man sieht, wie sich etwa durch den Buchdruck die Wahrnehmung und das Denken der Menschen verändert hat. Heute ist es die digitale Kommunikation, die alles auf den Kopf stellt.
Was heißt das, bezogen auf Seh- oder Lesegewohnheiten von jungen Konsumenten?
Es hat eine gigantische Verschiebung vom Schriftlichen hin zum Visuellen gegeben. Die wichtigsten Plattformen der Jugend sind Ins­tagram und Youtube, alle Welt kommuniziert in Bildern. Bilder werden emotional wahrgenommen, wohingegen die Schriftsprache einen logischen Aufbau hat und die Grundlage logischen Denkens ist.
Die Medien reagieren ja durchaus stark auf diese Veränderung.
In den Medien dominieren emotionale Darstellungsweisen. Rationale Inhalte geraten in die Defensive. Folge davon ist zum Beispiel, dass es in der Politik eigentlich mehr um das Aussehen und die Biografie eines Politikers geht als darum, welche Programme er vertritt.
In Ihrer Forschung beschreiben Sie, dass die Gehirne junger Leute Textinformationen schon gar nicht mehr richtig erfassen können.
Sie sagen es: Fakten durchdringen, Argumente aufnehmen und prüfen – das findet so immer weniger statt. Wir leben in postfaktischen Zeiten. Es geht ja mehr um die Kommunikation selbst, die sich von den Fakten längst losgerissen hat. In den 1980er Jahren haben wir über den französischen Philosophen Baudrillard noch die Nase gerümpft, weil er sagte, die Zeichen führen ein gespenstisches Eigenleben – nun führt die Kommunikation ein solch gespenstisches Eigenleben. Wir erleben eine hyperreale Informationsflut, in der es nicht mehr möglich ist, zwischen dem Realen und der Simulation zu unterscheiden.
Bedeutet das dann, dass man sich harte News gleich schenken kann, weil entweder keiner nach ihnen fragt oder aber keiner sie begreift?
In der Zeichenflut, die sich über uns ergießt, hat der Rezipient keine Chance mehr zu überprüfen, was wahr ist und was nicht. Wahres und Falsches vermischt sich zu einer hyperrealen Soße, und letztlich macht sich kein Mensch mehr die Mühe, irgendetwas zu überprüfen. Die Kommunikation ist ein Theater der Signifikanten – Trump ist ein Beispiel für die postfaktische Politik, die daraus folgt.
Medien, Öffentlichkeit, Politik, da findet Kommunikation sozusagen über das visuelle Medium statt, aber privat ja auch.
Im Privaten wird die Kommunikation auch postfaktischer. Sie ist nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet, auf die Wahrheit kommt es nicht an. Will man etwas erreichen, dann wird geblufft und gelogen, was das Zeug hält.
Tatsächlich? Aber ich stelle fest, dass junge Leute sehr sensibel reagieren, wenn sie auch nur den Eindruck haben, manipuliert zu werden.
Es gibt eine massive Vertrauenskrise – nicht nur in die Medien –, man glaubt eigentlich gar nichts mehr. Wir leben im Zeitalter des Bluffs. Ein Beispiel: Dieses amerikanische Unternehmen Theranos, das mit einem Bluttest an die Öffentlichkeit gegangen ist, war plötzlich vier Milliarden Dollar wert. Drei Monate später waren es nur noch null Dollar, weil man herausbekam, dass es diesen Test gar nicht gibt. Allerdings: Der Mensch will glauben, aber er glaubt nicht mehr daran, dass es noch etwas Verlässliches gibt, an das man glauben kann.
In den vielen Klassen bei unseren Schulprojekten werbe ich dafür, dass man sich breit informieren soll, damit man der Wahrheit nahe kommen kann. Vieles kann man ja nicht überprüfen, und jungen Leuten fehlt auch Vorwissen.
Das ist die Tragik der Jugend. Die Tragik besteht darin, dass man Moral will und sie nicht bekommt. Dass man Ehrlichkeit will und sie nicht bekommt. Diese Wünsche und Hoffnungen werden enttäuscht. Das hat die moralische Verzweiflung vor allem der gebildeten jungen Menschen mit moralischen Ansprüchen zur Folge, die am Ende des Tages in den Zynismus oder zur Ironie abdriften. Das heißt: Es ist kaum mehr ein ernstes Gespräch mit ihnen möglich, alles wird in einem Geklöne aufgelöst. Die Eltern sagen oft, sie können mit ihren Kindern nicht mehr normal reden. Wenn sie es versuchen, ernteten sie nur einen Witz nach dem anderen.
Bei Jugendlichen, die in der Findungsphase sind, ist das doch, als ob man sie ohne Kompass in der Wüste aussetzt.
Zwischen 14 und 17 Jahren finden Jugendliche ihre Werte und stabilisieren ihre moralische Persönlichkeit. In einer Welt, in der keine Werte mehr gelten, die letztlich radikal konstruktivistisch ist, in der nur das Recht des Stärkeren regiert, in der jedes Mittel erlaubt ist, ist das eine Katastrophe, weil die moralische Selbstfindung scheitern muss. Der radikale Konstruktivismus unserer Zeit, dass „Realität“ eigentlich nur eine Konstruktion einer eigenen Wahrnehmung und Vorstellung bedeutet, verhindert eine vernünftige Wertebildung unter Jugend.
Auflösung einerseits ja, aber was ist mit all diesen Statements in der großen weiten Netzcommunity, da pulsiert ja doch ganz viel.
Warum sind wir so sicher, dass, wenn sich jemand etwa für Europa einsetzt, das nicht auch einen narzisstischen Hintergrund hat? Das ist jetzt provokant, natürlich. Aber wir sehen in unseren Studien schon, dass selbst das Engagement beim Roten Kreuz eine egozentrische Grundlage haben kann. Ich will nicht unterstellen, dass alle so sind, aber man muss bedenken, dass der Narzissmus immer eine Triebfeder sein kann, vor allem in einer Selbstdarstellungsgesellschaft. Nicht jeder, der sich heute an die Spitze einer gutmenschlichen Bewegung stellt, muss hehre Motive haben. Vieles ist heute einfach nur zum Zweck herabgewürdigt, zum Zweck der Imageverbesserung.
Blanker Egoismus, Kapitalismus und Selbstdarstellung, das würden Jugendliche wohl nicht unterschreiben.
Das ist nicht als Kritik an der Jugend gemeint. Das ist Kritik an der Gesellschaft. Der neoliberale Charakter ist ein egozentrischer Wettbewerbscharakter. Jedes Mittel wird zum Zweck eingesetzt. Das geht über die Vertrauenskrise in die Medien und die Politik hinaus. Jugendliche sind hier die Opfer einer weitgehend verantwortungslosen Wirtschaftselite, die moralfreies Handeln zum Prinzip erhoben hat.
Deshalb haben Portale, die Selbstdarstellung zum Inhalt haben, diesen Erfolg? Interessieren sich junge Leute nur für sich?
Alles, was junge Menschen interessiert, kreist um das eigene Selbst. Der junge Mensch der Postmoderne wurde zum Theatercharakter erzogen, der jeden Tag auf die Bühne reüssieren muss. Natürlich wird deshalb alles auf die Verwertbarkeit und Imagetauglichkeit überprüft. Es hat noch nie so viele Psychotherapeuten und Kommunikationstrainer gegeben, die sich mit egogestörten Menschen zu beschäftigen haben, deren Gedanken gleichsam wie Trabanten eines Himmelskörper ausschließlich um das eigene Ich kreisen.
Aber war das nicht schon immer auch eine Art Privileg der Jugend: sich halt um nichts als sich selbst zu scheren?
Schaut man als Vergleichsgeneration zum Beispiel auf die Post-68er, die heute zwischen 55 und 65 Jahren alt sind, dann kann man schon einen totalen Bruch sehen. Nämlich einen Bruch mit der Welt da draußen. Das Abenteuer liegt nicht außerhalb meiner selbst, draußen in der Welt, das Abenteuer bin nun ich selbst. Alles, was „da draußen“ ist, wird bloß als verwertbares Gut gesehen, um von einem gierigen Selbst verschlungen zu werden. Und es geht um den Stil. Und stilisieren heißt, es geht immer nur um die Oberfläche, das Erscheinen, das Bild, das man abgibt, nicht um die Realität.
Noch reden wir von nicht allen jungen Leuten, die in dieser extremen Performance leben. Aber das sollen die Chefs von morgen werden?
Die ganze Welt lebt weitgehend außerhalb der Realität im medialen Schein. Die neue Erfahrung ist, dass man keine Rücksichten mehr auf das Reale nehmen muss – ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt –, im Raum des Digitalen, mithilfe der sozialen Medien. Sie sind letztlich Simulationsmaschinen. Das Leben ist ein PR-Phänomen, es geht um den Zeichenwert, nicht mehr um den Gebrauchswert. Die Politik wird von Spindoktoren und PR-Agenturen gesteuert, in der Arbeitswelt geht es nicht mehr um die Leistung, vielmehr kommt es auf den Leistungsverkauf an.
Glauben Sie, dass diese Zukunft wieder verändert werden kann oder muss? Man bekommt ja Gänsehaut.
Wenn man das Leben als Spiel annehmen kann, ist das eine Möglichkeit, auch gut zu leben. Es kann Spaß machen, täglich eine Rolle zu spielen, sich zu inszenieren, es kann Lust bereiten. Vielleicht einigen wir uns mal irgendwann darauf, dass es nicht mehr auf das Reale ankommt, wie wir es heute verstehen.
Na ja, Spielen und Spaß sind ja echt voll toll, aber wie sieht dann die Politik für diese Menschen aus, auch voll toll?
Ja, es gibt diesen Punkt, wo das Spiel endet und die reale Welt zuschlägt. Und das ist, wenn entweder die wirtschaftliche Krise beginnt oder die Krise der persönlichen Sicherheit. Wir haben Untersuchungen, da sagen 75 Prozent der Jugendlichen, das Wichtigste im Leben sei für sie, Halt zu finden. Das Leben ist nur gut und man kann nur dann spielen, wenn man in Wohlstand und Sicherheit lebt. Sonst hört das Spiel auf und wird vom bitteren Ernst zerstört. Bitterer Ernst sind die AfD, die FPÖ oder Marine Le Pen, diese Leute sind nicht ironisch, die spielen nicht, die machen Ernst. Die Wirtschaftskrise ist das Ende des Spiels. Die großen Fragen werden sein: Sind wir in der Lage, die Zuwanderung und finanzkapitalistische Exzesse zu kontrollieren?
Eine letzte Frage zu den Medien, den klassischen vor allem – von denen Sie ja sagen, dass auch junge Leute sie unbedingt brauchen. In Österreich gibt es ja die Presseförderung. Ist das eine Chance, staatlicherseits einzugreifen, wo Märkte Relevanz zum Luxus machen?
Die Presseförderung ist so eine Sache. Natürlich ist es an sich gut und richtig, den Wert einer Sache dadurch zu verdeutlichen, dass ich sie finanziell unterstütze. Aber so wie das System aussieht, hieße es, auf Deutschland übertragen, dass Frau Merkel der „Bild“-Zeitung jedes Jahr ein paar Millionen Euro gibt, damit sie eine gewisse Ruhe hat. So funktioniert es nicht. Nein, entscheidend ist schon die Frage, ob das absolut einzige Ziel der Medien der Profit sein muss, dem alles andere unterzuordnen ist, oder ob für Information und Unterhaltung auch eine Sphäre erhalten werden sollte, die der Staat betreut und die moralischen und ästhetischen Gesetzen gehorcht und nicht den Marktgesetzen.