Ziel 2020 Energiewende nimmt Fahrt auf
André Schneider, 03.01.2012 14:12 Uhr
Windräder, wie hier in Westerheim auf der Schwäbischen Alb, werden weiter an Bedeutung als Energielieferanten gewinnen. Foto: Mierendorf
Windräder, wie hier in Westerheim auf der Schwäbischen Alb, werden weiter an Bedeutung als Energielieferanten gewinnen. Foto: Mierendorf

Umweltminister Franz Untersteller hat angekündigt, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion im Land bis zum Jahr 2020 auf etwa 38 Prozent zu steigern. Dafür müssten in den nächsten zehn Jahren landauf und landab rund 1000 Windräder installiert werden. Nach einer Projektion des Umweltministeriums könnten demnach im Jahr 2020 auf die Kernkraft etwa 17 Prozent, auf Kohle und Gas 45 Prozent und auf die Erneuerbaren 38 Prozent an der Stromerzeugung entfallen. Für die Wirtschaft steht dabei primär die Kosten- und Versorgungssicherheit im Vordergrund.

„Ein Industrieland wie Baden-Württemberg kann sich eine ungewisse und teure Energieversorgung nicht leisten. Unsere Unternehmen brauchen Versorgungssicherheit und gleichzeitig Kalkulationssicherheit“, betont Landesarbeitgeberpräsident Dieter Hundt. „Deshalb unterstützen wir die Landesregierung in ihrem Bemühen, für stabile Energiekosten einerseits und belastbare Versorgungsnetzwerke andererseits einzutreten“, sagt der Unternehmer. Stark steigende Strompreise, so das Argument der Arbeitgeber, dürften die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im direkten Vergleich zu den europäischen Nachbarländern nicht verschlechtern.

Wie auch immer sich die Energiewende genau gestalten wird: Baden-Württemberg wird sich optisch verändern, wenn künftig mehr Windräder aufgestellt und im Straßenverkehr mehr Elektroautos zu sehen sein werden. Fakt ist, dass bereits jetzt viele Betriebe vom Aufschwung der erneuerbaren Energien profitieren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind auch im Südwesten industrielle Hersteller von Fotovoltaikanlagen, Windkraft-, Biogasanlagen und Wasserkraftwerken mit den entsprechenden Zulieferern entstanden. Für die Öffentlichkeit am sichtbarsten ist die Energiewende durch die Fotovoltaikanlagen. Davon profitiert nicht zuletzt auch das Elektrohandwerk, das im Land 50.000 Fachkräfte beschäftigt, 4330 junge Menschen ausbildet und jährlich 5,6 Milliarden Euro umsetzt. „Inzwischen sind etwa 1500 unserer 2700 Mitgliedsfirmen in der Installation von Fotovoltaikanlagen tätig“, erklärt Andreas Bek, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Elektro- und Informationstechnik Baden-Württemberg. „Ohne die erneuerbaren Energien würde unseren Betrieben ein großer Teil ihres Umsatzes wegbrechen“, erläutert Bek.

„Rund 50 Prozent unserer Mitarbeiter sind täglich im Bereich der erneuerbaren Energien im Einsatz“, bestätigt Alfred Veith, der als Inhaber der Veith Gebäudetechnik GmbH & Co. KG in Bühl 30 Elektriker und Heizungsbauer beschäftigt, darunter vier Auszubildende. Die hoch qualifizierten Fachhandwerker installieren Fotovoltaikmodule, Wärmepumpen für das Beheizen von Immobilien sowie Blockheizkraftwerke, die Heizwärme und gleichzeitig Strom erzeugen.

„Weiteres Wachstumspotenzial sehen wir in der Installation von Speichertechnik, mit der die Hausbesitzer den auf dem Hausdach erzeugten Strom im eigenen Haus verwenden können“, sagt Alfred Veith. Künftig wird zwar mehr Ökostrom produziert, aber eine verlässliche Versorgung gibt es nur, „wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden“, meint Prof. Dr. Frithjof Staiß, geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff- Forschung Baden-Württemberg (ZSW).

Man dürfe allerdings nicht allein auf den verstärkten Ausbau der Windkraft setzen. „Biomasse und Fotovoltaik bieten noch erhebliche Ausbaupotenziale, und dort, wo es möglich und sinnvoll ist, können auch Wasserkraft und Geothermie zusätzliche Beiträge leisten“, sagt das ZSW-Vorstandsmitglied. Es komme auf die richtige Gestaltung der technischen Rahmenbedingungen an.

„Die Stromproduktion aus Wind und Sonne ist naturgemäß mit Schwankungen verbunden. Diese Schwankungen müssen in den lokalen, regionalen und nationalen Stromversorgungsnetzen gemanagt und ausgeglichen werden, damit Strom dann zur Verfügung steht, wenn er tatsächlich gebraucht wird“, sagt Wirtschaftsingenieur Staiß. Um beispielsweise den in der Nordsee erzeugten Strom bundesweit zu verteilen, müssten die Netze ausgebaut werden. Damit die Versorgungssicherheit auch bei Schwankungen gewährleistet ist, so Staiß, werde man um die Nutzung von hoch effizienten Gaskraftwerken nicht herumkommen.

Diese werden zugeschaltet, um mögliche Unterdeckungen bei hoher Verbrauchernachfrage, zum Beispiel in sehr kalten Wintern, auszugleichen. Eine solche Option hat auch Landesumweltminister Untersteller bereits angedeutet: Im Rahmen eines regionalen Kapazitätsmarktes könnten sogenannte Gas-Backup-Kraftwerke, die sich bisher betriebswirtschaftlich nicht rechnen, finanziell gefördert werden. Zudem, betont Energieexperte Staiß, müssten Speichertechnologien entwickelt und eingesetzt werden.

Ein weiteres Feld sei das Thema Energieeffizienz. Großes Potenzial sieht etwa die Mannheimer Firma ABB bei der Verbesserung der Energieeffizienz von Industriemotoren, die zum Beispiel für die industrielle Nutzung in Roboter, Pumpen oder Fließbänder eingebaut werden.

Was die Kostenseite der Energiewende angeht, „so gibt es von Experten sehr viele und sehr widersprüchliche Schätzungen, wie sich die deutschen Strompreise durch den Ausbau der erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren entwickeln werden“, meint Prof. Dr. Hans Albrecht, Kuratoriumsvorsitzender des ZSW. Der Ingenieur hat sich sehr intensiv mit dieser vielschichtigen Frage beschäftigt und geht davon aus, „dass die Verbraucher in den nächsten zehn bis 15 Jahren mit steigenden Strompreisen rechnen müssen. Dies gilt wahrscheinlich aber auch für die importierten Energieträger Öl, Gas und Kohle“, prognostiziert Albrecht.

Mit zunehmender Marktreife der Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien komme es darauf an, die Einspeisevergütung entsprechend zu reduzieren, wie dies vernünftigerweise im Erneuerbare-Energien- Gesetz vorgesehen sei. Allerdings müsse dies mit Augenmaß geschehen, um den notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien nicht auszubremsen. „Wenn aber die Investitionen in Technik, Netze und Speichertechnologien getätigt sind, werden die Strompreise nicht mehr von den primären Energiequellen bestimmt, denn Wind, Wasser und Sonne sind in der Beschaffung kostenlos“, betont Albrecht.

Wer kurz- und mittelfristig die höheren Strompreise tragen müsse – Verbraucher oder Unternehmen –, sei auch eine politische Frage. Es sei davon auszugehen, dass sehr energieintensive Branchen letztlich von höheren Strompreisen entlastet werden. Gefahr für die Preisstabilität sieht der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken vor allem im Ölpreis.

Die Gaspreise sind an die Erdölpreise gekoppelt. Wenn die Ölpreise weiter steigen, könnten auch die Preise für Gas anziehen. Und Gas wird weiterhin eine wichtige Rolle bei der Stromherstellung spielen – trotz Energiewende.