Zu Besuch beim Verein „Pony in Not“ Lang lebe Nordwind!

Sabine Riker, 25.12.2012 09:00 Uhr

Billigheim - Adriana Schulz, 43, hat viel Leid gesehen. Und im Gegensatz zu den meisten Menschen konnte sie ihre Augen davor nicht verschließen. Ganz weit hat sie sie aufgemacht, so weit, dass es wehtat und es gar nicht anders ging, als zu helfen. Manchmal zerbricht sie fast unter der Last, die sie sich selbst aufgebürdet hat. Adriana Schulz rettet Pferde. Seit 25 Jahren. Als 18-Jährige gründete sie den Verein Pony in Not. Auf dem Gymnasium in Schwäbisch Hall war sie damals, eine gute Schülerin. Sie wollte eigentlich Sprachen studieren.

Das Schicksal hat ihr eine andere Rolle zugewiesen. Adriana Schulz erinnert sich noch gut an den Morgen, an dem ihr Leben eine unerwartete Wendung nahm. Unbeschwert hatte sie sich mit ihrer Schwester Isabell zum Reitstall aufgemacht, in der Nähe von Schwäbisch Hall war das, wo sie aufgewachsen ist. Die Box ihres Lieblingspferdes war leer, der Schlachter hatte es abgeholt. An diesem Vormittag war Adriana Schulz’ Kindheit vorbei. Kurz darauf verließ sie die Schule und lernte Pferdewirtin.

Die Tragweite dieses Entschlusses konnte sie noch nicht ermessen. Heute weiß sie, dass sie sich damals für ein Leben der Entbehrungen entschieden hat – unumkehrbar. „Was sollte aus den Tieren werden, wenn ich nicht mehr da wäre?“, fragt sie und gibt selbst die Antwort: „Die würden zum Metzger gehen.“ Sie zündet sich eine Zigarette an. Dann schweigt sie.

Hundert Tiere vor dem Tod bewahrt

Hundert Pferde hat die Tierschützerin in den vergangenen 25 Jahren vor dem sicheren Tod bewahrt. Sie hat sie aus Ställen geholt, in denen der Mist fast bis zur Decke reichte, sie hat sie Menschen entrissen, die sie gequält oder einfach nur vernachlässigt haben, was auf das Gleiche herauskommt. Sie hat sie aus Schlachttransporten gerettet, wo sie geschunden ihrem sicheren Ende entgegenfuhren. Nicht nur einmal wurde sie dabei bedroht. „Manchmal weiß man nicht, ob einem nicht gleich die Mistgabel im Rücken steckt“, sagt sie.

Ihr unermüdlicher Einsatz brachte sie in die Schlagzeilen und sogar ins Fernsehen. Auch die Auszeichnung Fair Play Trophy, die die Rheinischen Sparkassen, die „Reiter Revue“ und die weltweit größte Pferdemesse Equitana gemeinsam ausloben, erhielt sie. Doch das liegt 15 Jahre zurück. Die 10 000 Euro Preisgeld sind längst aufgebraucht, und von vergangenen Ehren werden die 38 Pferde und zwei Esel auf dem Aussiedlerhof Sieben Eichen bei ­Billigheim im Neckar-Odenwald-Kreis nicht satt. „Sobald die Pferde gerettet sind, interessiert’s niemanden mehr“, sagt sie bitter. Bedenklich findet sie, dass unter den 600 Vereinsmitgliedern kaum Reiter sind. Offenbar sähen viele in den Tieren nur Sportgeräte.

Adriana Schulz sieht erschöpft aus. Der ständige Kampf um das Überleben des Vereins, die kräftezehrende Arbeit im Stall sieben Tage die Woche und die psychische Belastung fordern ihren Tribut. Für den Pferdeschutzhof geht es mittlerweile um die nackte Existenz. „3500 Euro kostet uns allein das Heu im Monat, dazu kommen die Pacht für den Hof sowie Wasser- und Stromkosten“, zählt Adriana Schulz auf. Rechnet man all die Posten zusammen, stehen unterm Strich 10 000 Euro Ausgaben im Monat, eine Schwindel erregende Summe für jemanden der auf die Großzügigkeit anderer angewiesen ist.