Zu Besuch beim Zwetschgenpapst

Von "Filder-Zeitung" 

Bonlanden. Steinobstforscher Walter Hartmann kommt auch im Ruhestand nicht zur Ruhe. Von Natalie Kanter

Bonlanden. Steinobstforscher Walter Hartmann kommt auch im Ruhestand nicht zur Ruhe. Von Natalie Kanter

Wer Walter Hartmann in Bonlanden besucht, fühlt sich ans Mittelmeer versetzt. Auf der Terrasse wachsen Zitronen und gedeihen Kiwis. Der Blick fällt auf einen Nussbaum im Garten. Auch Tomaten muss der 68-Jährige nicht kaufen, sondern lediglich ernten. Und zwar in allen erdenklichen Größen, Formen und Farben. Ungewöhnliche Birnen bietet er seinen Gästen an. Winzig klein, aber dafür umso köstlicher ist beispielsweise die Geißhirtle. "Das ist die beste frühe Birne, die es gibt", sagt er. Und beißt genüsslich in die süße Frucht.

Die Zucht von Zwetschgen war Hartmanns Beruf und ist noch immer sein Hobby. Dabei probiert er alles Mögliche aus. "Bei mir wachsen auch Pfirsiche auf Zwetschgenbäumen", sagt der renommierte Steinobstforscher. 38 Jahre lang hat er am Institut für Obstbau der Universität Hohenheim gearbeitet. Hartmann hat 14 neue Sorten auf den Markt gebracht und wird deshalb auch der Zwetschgenpapst genannt. Jojo heißt eine der bekannten Züchtungen. Sie trägt den Namen seiner jüngsten Tochter. Das Besondere: Die Sorte ist resistent gegen das Scharka-Virus, einem Krankheitserreger im Obstbau.

Mittlerweile ist der Forscher im Ruhestand. Doch Ruhestand ist eigentlich der falsche Begriff dafür. Denn das Ziel, das er sich einst gesetzt hat - nach einem kleinen Mittagsschlaf regelmäßig mit seiner Frau spazieren zu gehen - kann er nur selten erreichen. Dafür wartet zu viel Arbeit auf den Steinobst-Liebhaber.

Im Sommer ist er zwei Tage pro Woche an der Uni und wertet sein Forschungsmaterial weiter aus. Hartmann erstellt jedes Jahr einen Streuobstwiesen-Kalender. Er schreibt Artikel für Fachzeitschriften und liefert die passenden Fotos dazu gleich mit. Deshalb ist er nie ohne Digitalkamera unterwegs. Zwei externe Festplatten hat er mit den Aufnahmen bereits gefüllt.

Im Juli ist die vierte Auflage des Buches "Farbatlas Alte Obstsorten" im Verlag Eugen Ulmer erschienen. Darin beschreibt Hartmann alte Obstsorten. Dem Leser soll es anhand von Fotos, Schnittbildern und Abbildungen möglich gemacht werden, die unterschiedlichen Sorten selbst zu bestimmen.

Hartmann bekommt auch regelmäßig Post von Fachleuten und Hobbygärtnern. Die Päckchen enthalten Zwetschgen und anderes Obst. Der Grund: Der Experte kann unter anderem am Geschmack der Früchte und an der Größe ihrer Steine erkennen, um welche alte Obstsorte es sich bei der Zugeschickten handelt.

Der 68-Jährige ist auch eine treibende Kraft des Filderstädter Streuobstwiesen-Netzwerkes. Das erklärte Ziel des Zusammenschlusses: Die Biotope rund um die Große Kreisstadt zu erhalten. "Viele Obstbäume werden nicht mehr gepflegt und auch nicht gedüngt", sagt er. Die Folge: "Sie haben Hungerstress." Das Netzwerk versucht den Stücklesbesitzern Anreize zu geben, ihre Wiesen wieder zu pflegen. Beispielsweise indem sie Saft aus eigenen Früchten pressen können.

Damit altes Wissen nicht verloren geht, engagiert sich Hartmann auch in der Ausbildung der Streuobstwiesen-Guides. Die Experten haben die Aufgabe, das Wissen weiterzutragen. Ein Lehrpfad soll eingerichtet werden. Zwei Standorte seien in der engeren Wahl: entlang eines Fahrweges in der Nähe der Gutenhalde in Bonlanden oder gemeindeübergreifend zwischen Sielmingen und Neuhausen.

Gemeinsam mit dem Biotopkartierer Eberhard Mayer hat Hartmann sämtliche Birnbäume Filderstadts erfasst und dazu Karten angefertigt. "Wir haben fast 90 Sorten gefunden", sagt er. Nun ist der Rest der Obstbäume an der Reihe. "Die Arbeit wird uns so schnell nicht ausgehen", sagt er. Und: "Solange es geht, wird geschafft."