Zukunft der Pflege im Südwesten Die Sozialräume sollen lebendig bleiben

Von  

Was tun, wenn man alt wird, die Kinder aber weit weg leben? Seit einiger Zeit beschäftigt sich eine Enquete-Kommission des baden-württembergischen Landtags mit der Zukunft der Pflege. Die Grünen fordern etwa die gezielte Förderung altengerechter Stadtquartiere.

Fit auch im Alter – ein Leben  in Wohngruppen kann auch dazu beitragen. Foto: dpa
Fit auch im Alter – ein Leben in Wohngruppen kann auch dazu beitragen.Foto: dpa

Stuttgart - Die Pflege wird zu einem Thema im Wahlkampf werden“, da ist sich Bärbl Mielich sicher. Die Grünen-Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Breisgau ist Sozialpolitikerin und – unter anderem – engagiert in der Enquetekommission „Pflege“, die seit eineinhalb Jahren Material dazu begutachtet, wie Pflege im Land „zukunftsorientiert und generationengerecht“ gestaltet werden könnte. In der kommenden Woche kommt die Kommission noch einmal zusammen, um den Abschlussbericht vorzubereiten, der am 27. Januar dem Landtag vorgestellt werden soll. Mielich ist nicht unzufrieden mit dem, was die Kommission bisher auf den Weg gebracht hat. An zwei Punkten macht sie fest, was für die Grünen besonders wichtig ist.

Da ist zum einen das Thema Quartierentwicklung. „Nur zwei Prozent der Menschen sagen, sie könnten sich ein Leben in einem Pflegeheim vorstellen“, erklärt Mielich. Das kontrastiert mit der Wirklichkeit und auch mit den demografischen Tendenzen. Die laufen darauf hinaus, dass ältere Menschen es immer schwerer haben werden, in ihrem Zuhause bleiben zu können, weil die Angehörigen in alle Winde zerstreut sind und sich kaum um sich kümmern können.

Professionelles Management

„Lebendige Sozialräume“, sagt Mielich, würden deswegen immer wichtiger. In Dörfern und kleinen Städten gebe es vielerorts noch funktionierende soziale Netze. Doch auch dort veränderten sich die Strukturen. Um das Leben im Ort zu halten, bedürfe es eines professionellen Quartiermanagements. „Wir brauchen Leute, die gelernt haben, so was zu starten und dann auch voranzubringen“, sagt Mielich. Bisher seien das hier und da engagierte Bürgermeister gewesen. „Aber das reicht nicht.“

Es müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden dafür, dass „eine sorgende Gemeinschaft entstehen kann, in der Inklusion und Teilhabe bis ins hohe Alter möglich sind“, und wo ältere Menschen mit ihren Potenzialen gefragt seien. Solche Rahmenbedingungen entwickeln zu helfen sei eine Aufgabe der Landespolitik. Sie könne die Rolle der Kommunen bei der Quartier- und Dorfentwicklung gezielt durch Förderprogramme stärken.

Gesteigerte Lebensqualität

Mit dem im Juni 2014 verabschiedeten Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz sei schon ein wichtiger Grundstein gelegt. Dort werden zum Beispiel selbst organisierte und trägerunabhängige Wohnformen oder ambulante Formen des betreuten Wohnens definiert. Das bringe eine direkte Steigerung der Lebensqualität alter Menschen: „Menschen in Wohngruppen haben mehr Appetit“, hat sie beobachtet. Sie dürfen dort nicht nur bei der Zubereitung der Mahlzeiten helfen, sondern das so hergerichtete Essen auch selbst verzehren – anders als in den großen Einrichtungen. Das befördert offenbar den Appetit.

Die Kommunen jedenfalls „sind begeistert, weil sie erkennen, dass man den Menschen so zeigen kann, dass sie sicht wegziehen müssen“. Es müsse nun darum gehen, „das nicht dem Zufall zu überlassen, sondern gezielt zu fördern und geordnete Strukturen zu schaffen.“

Der andere zentrale Punkt bei den Überlegungen der Grünen zur Zukunft der Pflege ist die „Akademisierung der Gesundheitsfachberufe.“ Es sei notwendig, das Arbeitsfeld Pflege aufzuwerten. Den Beschäftigten müssten durch geeignete Verknüpfung von pflegerischem Können und medizinischen Kompetenzen neue Aufstiegsmöglichkeiten geboten werden.

Immer über den Arzt

So will Mielich etwa dafür werben, auch in Baden-Württemberg so etwas wie den Bochumer Gesundheitscampus einzurichten. Dort finden die Lehrveranstaltungen verschiedener Gesundheitsberufe schon mal in räumlicher Nachbarschaft statt. Die einen könnten so leicht sehen, welche Kompetenzen in anderen Gesundheitsberufen vermittelt werden. Mielich nennt als Beispiel die Physiotherapeuten. Sie dürfen behandeln, aber nicht selbst diagnostizieren. Wer zur Krankengymnastik sollte, muss immer den Weg über den Arzt nehmen. Da könnte man doch über den einen oder anderen Direktzugang nachdenken, sagt die Grünen-Politikerin.

570 zusätzliche Studienplätze in den Berufsfeldern Pflege/Pflegewissenschaft, Physiotherapie und Hebammenwesen will das Land aufbauen. 145 Studienplätze sind fürs Wintersemester 2015/16 bereits finanziert – im Bereich Pflege an der Dualen Hochschule in Stuttgart und Karlsruhe sowie an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg: im Bereich Physiotherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Die zweite Tranche soll zum Wintersemester 2016/17 starten. In diesem Jahr soll noch feststehen, in welchen Studiengängen.