Zum Musiksoundtrack von „La La Land“ Ist der Jazz zu retten?

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Sebastian, die von Ryan Gosling gespielte Hauptfigur in „La La Land“ will, dass der Jazz bleibt, wie er einmal war. Das ist das Gegenteil von dem, was der Jazz immer wollte.

Im Jazzclub: Emma Stone und Ryan Gosling in „La La Land“ Foto: Universal Music Deutschland
Im Jazzclub: Emma Stone und Ryan Gosling in „La La Land“ Foto: Universal Music Deutschland

Stuttgart - Nostalgie hat im Griechischen vom Wortstamm her eine Mutter und einen Vater - nóstos, die Heimkehr, und álgos, der Schmerz: kombiniert also eine Wunde, die sich erinnerungshalber (und vorübergehend) schließt. Insofern ist es wohl kein Zufall, dass sich ein, trotz Donald Trump jetzt, tendenziell stark verunsichertes weißes Amerika gerade nostalgisch besonders hingegeben an „La La Land“ von Damien Chazelle freut, dem das Gremium bei der Oscar-Verleihung gleich sechs Oscars zugedacht hat, darunter einen für die Filmmusik in diesem bestens produzierten Musical-Märchen.

Gleichzeitig regt sich auch Widerspruch gegen die Retro-Ästhetik von „La La Land“. Er kommt vor allem Afroamerikanern und aus der Jazzszene. Noah Gittell hat diesen Stimmen bereits vor der Preisverleihung im „Guardian“ hinterher gehört. Gittell folgerte, dass es natürlich immer eine Gruppe von Menschen geben werde, die sich in einem Film nicht berücksichtigt finde (wie in „La La Land“, ausgerechnet in Hollywood, keine Homosexuellen vorkommen).

Wichtiger fand er jedoch die einseitige Gesamtausrichtung des filmischen Blicks: zitiert werden, unter anderen, die Fred-Astaire-Tanzfilme, Jacques Demys „Les Parapluies de Cherbourg“ und ganze Sequenzen aus „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean. Auch musikalisch gründet der Film im tieferen Brunnen der Vergangenheit.

Die Referenzen liegen im Gestern

Eingeführt wird der Pianist Sebastian (Ryan Gosling) als Liebhaber der Musik von Charlie Parker. Das kommt nicht von ungefähr, steht der Be-Bop-Saxofonist doch für einen Jazz, auf den die Selbstbefragung und Selbstbefreiung noch zukommt, die, grob gesagt, mit John Coltrane und Charles Mingus einsetzt, und, wie Seve Chambers im amerikanischen Magazin „Vulture“ schreibt, im elektrifizierten Neo-Bop von Miles Davis auf „Bitches Brew“ von 1970, der ersten Großfeier des Fusion-Jazz, einen Höhepunkt erlebt.

Ton und Verklärung in „La La Land“ verdanken sich ausschließlich den Kompositionen von Justin Hurwitz, mit dem Chazelle bereits seit ihrer Zeit an der Universität in Harvard zusammenarbeitet. Gemeinsam debütierten sie 2009 mit einer Frühform von „La La Land“, ebenfalls einem Musical, „Guy And Madeleine On A Park Bench“, damals in Schwarz-Weiß gedreht. Auch hier sind die Protagonisten musische Menschen, verlieren einander menschlich zwischendurch und fragen sich am Schluss, ob die Vergangenheit nicht doch besser gewesen sein könnte als die Zukunft jemals sein wird.

In „Whiplash“ von 2014 gehen Chazelle und Hurwitz dann einen Schritt weiter. Erzählt werden die dramatischen Auf und Abs in der Entwicklung des besessenen Schlagzeugers Andrew Neiman, der seine Freundin verlässt, um Karriere zu machen, sich von einem mindestens genauso besessenen Lehrer quälen lässt und zunächst an seinem Ego scheitert, bis er sich buchstäblich frei spielt. Auch hier liegen die Referenzen allein im Gestern. Historisches Vorbild für die Filmfigur ist der manische (und manisch auf sich selbst fixierte) weiße Drummer Buddy Rich, dessen Big-Band-Tross den Blick militärisch korrekt auf ihn ausrichten musste, sobald er seine ausufernden Soli spielte. Musikalisch zieht sich das „Caravan“-Motiv von Duke Ellington durch den Film. Ellington, immerhin.

Kann man den Jazz konservieren?

So perfekt gemacht „La La Land“ in vielen Sequenzen anmutet, so diffus bleibt das Bild, das er von Sebastians Auffassung vom Jazz zeichnet. Angeblich, so erklärt es die Filmfigur wenigstens Mia (Emma Stone), als ein einziges Mal live „richtig“ Jazz gespielt wird (von Schwarzen), sei Jazz für ihn der Inbegriff von „Konflikt, Kompromiss und sehr aufregend“. Tatsächlich will Sebastian einen Jazz musealisieren, der sich nicht mehr weiter entwickeln soll. Sein größter Sündenfall ist nicht, dass er statt vom akustischen Klavier aus am Synthesizer drittklassigen Fusion in der Band von John Legend spielt (um Geld zu verdienen).

Ob man den Jazz retten kann, indem man ihn konserviert - wie das der Trompeter Wynton Marsalis im Jazz At Licoln Center seit 2004 versucht und der Trompeter Till Brönner im in der Entwicklung befindlichen House Of Jazz demnächst in Berlin versuchen wird - darüber wäre zu streiten. Sebastians Negation der Gegenwart, die ignoriert, dass es jemanden wie Kamasi Washington gibt, der die Erzählweise des Jazz (unter anderem im Verein mit dem Rapper Kendrick Lamar) auf eine neue Stufe gehoben hat, wohnt – bei allen guten Dingen, die sich dem unterhaltenden Film auch nachsagen lassen – in seiner Grundausrichtung etwas Herablassendes inne Dann aber rächt sich der Jazz, angetreten einmal, um sämtliche stilistischen Mauern einzureißen, für die Verklärung ausschließlich als ästhetische Vergangenheit.

Als Sebastian am Ende von „La La Land“ in seinem Club vor seiner ehemaligen Freundin eine Eigenkomposition spielt, ist die von Charlie Parker- und überhaupt von jedem anderen Jazz – so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Die Musik schaut nicht vor, aber auch nicht, wie sonst, zurück. Sie hat keine Seele. Und schaut ins Nichts.

La La Land. Motion Picture Soundtrack (Universal)