Zum Start der Tarifrunde Zeit für neue Arbeitszeiten

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Die Neuausrichtung der Arbeitszeit hat plötzlich eine hohe Priorität. Die IG Metall fordert zum Auftakt der Tarifrunde mehr Spielräume für die Beschäftigten. Derweil verlangt die Wirtschaft mehr Flexibilität zu ihren Gunsten von der Politik.

Beschäftigte in Schichtdiensten (hier eine Bandarbeiterin bei Daimler) sollen Spielraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit bekommen. Foto: Baumann, Daimler
Beschäftigte in Schichtdiensten (hier eine Bandarbeiterin bei Daimler) sollen Spielraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit bekommen. Foto: Baumann, Daimler

Stuttgart - An diesem Mittwoch beginnt in Böblingen die spannendste Metalltarifrunde seit langem. Erinnerungen werden wach an 1984, als die IG Metall nach sieben Wochen Streik die 40-Stunden-Mauer durchbrach und einen Einstieg in die 35-Stunden-Woche erkämpfte. Kann die Gewerkschaft einen weiteren Meilenstein setzen? Diesmal halten die Wirtschaftsverbände auf politischer Ebene dagegen, indem sie den Acht-Stunden-Tag infrage stellen. Beide Seiten reagieren auf Veränderungen infolge von Globalisierung, Digitalisierung und neuen Kommunikationswegen. Der Umgang mit der Arbeitszeit zeigt sich im neuen gesellschaftlichen Licht.

Die Wirtschaft hält das Arbeitszeitgesetz für nicht mehr zeitgemäß und fordert von der möglichen Jamaika-Koalition Korrekturen in zwei Punkten: Einerseits soll die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden ausgeweitet werden. Andererseits soll die Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen auf neun Stunden verkürzt werden dürfen. Bisher müssen zwischen Ende und Beginn der täglichen Arbeitszeit mindestens elf Stunden ununterbrochene Ruhezeit liegen. Einige Branchen dürfen die Ruhezeit um bis zu eine Stunde verkürzen, wenn jede Verkürzung später ausgeglichen wird. Dazu gehören Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Verkehrsbetriebe oder die Landwirtschaft. Ausnahmen können durch einen Tarifvertrag, vom Gesetzgeber oder von der Aufsichtsbehörde festgelegt werden.

Die Gewerkschaften befürchten, dass eine Lockerung generell Mehrarbeit bringt

Die Arbeitgeber begründen ihren Wunsch nach Flexibilität zum Beispiel mit der Kommunikation in global aufgestellten Unternehmen. Dort sollen Mitarbeiter abends noch zum Beispiel mit US-Standorten telefonieren, um am frühen Morgen E-Mails aus Asien zu bearbeiten. Mehrarbeit soll damit nicht verbunden sein, beteuern sie – sie wollen das vorhandene Volumen flexibler gestalten. Folglich hat jetzt auch der Vorsitzende des Sachverständigenrates, der oberste Wirtschaftsweise Christoph Schmidt, gewarnt: „Eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes darf nicht bedeuten, dass man heimlich die Arbeitszeit ausweitet.“Trotzdem fürchten die Gewerkschaften, dass eine gesetzliche Lockerung generell Mehrarbeit bringt. Zudem lehnen sie die Unterbrechung von Ruhezeiten über das gesetzlich geregelte Maß hinaus ab, weil sie darin eine Gefährdung des Gesundheitsschutzes sehen, und führen dazu arbeitswissenschaftliche Untersuchungen an. Demnach sinkt nach acht Stunden Arbeit die Effizienz, die Unfallquote steigt.

„Ich hoffe, dass da die Vernunft siegt“, sagt IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger im Hinblick auf die Jamaika-Sondierung. „Mit der Referenz auf bestimmte Beschäftigtengruppen etwas schleifen zu wollen, was geschaffen wurde, um Menschen vor Überforderung zu schützen, ist ein mieser Trick.“ Das Referenzbeispiel der Arbeitgeber mit dem abends telefonierenden und morgens mailenden Arbeitnehmer bilde nur die Realität weniger Beschäftigter ab. Ein Großteil arbeite nach wie vor in sehr restriktiven Arbeitssystemen, wo Überlastung eine große Rolle spiele. „Da hat der Achtstundentag als Höchstarbeitsgrenze nach wie vor seine Bedeutung.“

Die 35-Stunden-Woche ist oft nur ein Papiertiger

Das Gesetz sei auch nicht so starr, wie immer getan werde. Es sei heute schon möglich, bis zu zehn Stunden am Tag zu arbeiten, was häufig die Praxis sei. Zitzelsberger: „Wir haben heute in unseren Tarifverträgen alle Flexibilisierungsmöglichkeiten, die man sich nur vorstellen kann.“ Was an Flexibilität gefordert werde in den Betrieben, werde in aller Regel auch erfüllt. „Da wird eine Schimäre aufgebaut, die mit den Realitäten nichts zu tun hat.“ Beispielsweise überschreiten laut IG Metall mehr als ein Drittel der Mitarbeiter die vertragliche Arbeitszeit – die 35-Stunden-Woche ist oft nur noch ein Papiertiger. „Da ist die tariflich vorgesehene Quote von der Arbeitgeberseite ausgeweitet worden, ohne dass es der Tarifnorm entspricht“, moniert Zitzelsberger. In tarifungebunden Betrieben und Branchen mit weniger starken Gewerkschaften werden die gesetzlichen Regelungen ohnehin sehr oft überschritten – oft allerdings mit Einverständnis der Mitarbeiter.

Die Rückkehrmöglichkeit zur Vollzeit soll garantiert werden

„Wir wollen die Spielräume der Beschäftigten bei der Arbeitszeit erweitern, diese aber nicht ausdehnen“, betont die IG Metall vor der Tarifrunde. Konkret sollen die Beschäftigten zunächst für zwei Jahre und eventuell länger von 35 auf 28 Wochenstunden runter gehen können. Die Rückkehrmöglichkeit zur Vollzeit soll garantiert werden. Schichtarbeiter sowie Kräfte mit besonders belastenden Arbeitszeiten sollen mindestens fünf Freischichten erhalten, über die sie selbst entscheiden können. Um nicht zu viel Lohn dabei einzubüßen, sollen sie ebenso einen Zuschuss erhalten wie Beschäftigte, die wegen der Pflege eines Angehörigen oder zur Betreuung des Kindes kürzer treten.

Dass gerade kleinere Betriebe oft zu wenig Personal vorhalten, um derlei Schwankungen zu bewältigen, sieht auch der Bezirksleiter. „Wir nehmen das Argument ernst, wie man Ausgleichsmechanismen schaffen kann.“ Da gebe es viele Möglichkeiten. Zum Beispiel äußerten viele Teilzeitbeschäftigte den Wunsch, in Vollzeit zu gehen. „Klar ist: je kleiner der Arbeitsbereich, desto schwieriger ist es, das auf die Reihe zu bekommen – aber die Realität zeigt jeden Tag, dass es geht.“