Zum Tod des Autor Boris Strugatzki Demokrat mit Sinn fürs Absurde

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Der Autor Boris Strugatzki und sein Bruder Arkadi waren Leuchttürme der Vernunft im Sowjetreich. Mit den Mitteln der Science Fiction kritisierten sie den Zwangsstaat.

Der russische SF-Autor Boris Strugatzki hat sich ein Autorenleben lang mit Zensoren, Ideologen  und Machtmenschen herumschlagen müssen. Foto: БережнойСергей
Der russische SF-Autor Boris Strugatzki hat sich ein Autorenleben lang mit Zensoren, Ideologen und Machtmenschen herumschlagen müssen.Foto: БережнойСергей

Stuttgart - Dass auch er die Proteste gegen den Umgang der Justiz seines Landes mit der Punkband „Pussy Riot“ unterzeichnet hat, war für den russischen Schriftsteller Boris Strugatzki kein spätes Aufbäumen. Sein Leben lang ist der am Montag im Alter von 79 Jahren verstorbene Autor für Demokratie und Menschenrechte eigentreten. Zusammen mit seinem Bruder, dem bereits 1991 verstorbenen Arkadi Strugatzki,bildete Boris für alle Oppositionellen, Unzufriedenen und Hoffnungsvollen in der Sowjetunion das, was man im Westen so gern Leuchtturm nennt. Am kontrastierenden Beispiel der Strugatzkis könnte man lernen, dass dieses Wort bei uns vielleicht zu leichtfertig verwendet wird.

Die Brüder Strugatzki waren Großmeister der russischen Fantastik. Sie schrieben Science Fiction, von der sie Brücken zur russischen Sagen- und Märchentradition schlugen, betrieben also das, was Vorurteilsblinde gern Eskapismus schimpfen. In der Sowjetunion aber führte die Verwendung der Zukunft nicht in die Beliebigkeit, sondern zur direkten Konfrontation mit der Zensur.

Angriffe aufs rote Paradies

Über die noch nicht ganz perfekte Gegenwart durften Autoren noch das ein oder andere kritische Wort fallen lassen. Aber die Zukunft, so der strengste Glaubenssatz der roten Herren, würde golden sein, das wahre Paradies des Kommunismus, üppig und friedlich, durchwandelt von glückseligen Menschen. Düstere Zukunftsbilder wurden als Angriff auf den Kern des Systems wahrgenommen. Die Strugatzkis durften sich seit den späten 50er Jahren stets mit Zensoren herumscheren und verlagerten die Handlung ihrer Bücher oft an anonyme Orte und in nicht näher genannte Gesellschaften. Trotzdem mussten sie fortwährend Kürzungen und Änderungen hinnehmen.

Ihre Millionen Fans aber wussten die bis heute faszinierenden Bücher wie „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ und „Ein Käfer im Ameisenhaufen“ zu deuten. In denen wurde vom schikanösen Behördenstumpfsinn über das marode Gemeinwesen bis hin zur Brutalisierung von Gesellschaft und Individuum in einer Welt fortschreitenden Zerfalls alles thematisiert, was die Sowjetbürger plagte und sorgte.Die neueren deutschen Ausgaben bei Heyne und Golkonda machen die Eingriffe der Zensur übrigens rückgängig.

In der fremden Zone

Am 15. April 1933 in Leningrad geboren, hat Boris Strugatzki als Kind die Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen erlebt. In deren Verlauf kam auch sein Vater ums Leben. Boris hatte also früh Bilder von Chaos, Not und Ausnahmesituationen in sich aufgenommen. Eines der bekanntesten Werke der Brüder, „Picknick am Wegesrand“, erzählt von Zonen fremdartiger Regeln mitten in der vertrauten Wirklichkeit. Der Regisseur Andrei Tarkowski hat daraus 1979 nach einem von den Strugatzkis entwickelten Drehbuch den Film „Stalker“ gemacht.

Auch nach dem Ende des alten Sowjetsystems blieb Boris Strugatzki ein wacher, nur von seinem Sinn fürs Absurde und seinem Humor vor völliger Bitterkeit bewahrter Beobachter der Verhältnisse. In einem Brief an den inhaftierten Putin-Gegner und Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski beschrieb er das neue Russland so: „Welche Partei wir auch immer schufen, es war immer eine KPdSU, welche ökonomische Konstruktion auch immer aufgebaut wurde, bei uns wurde es immer ein militärisch-industrieller Komplex, und überhaupt wurde alles wie immer: brutal, kasernenhaft, aggressiv - hoffnungslos verstaatlicht… Das ist der unausweichliche Rückstand hinter Ländern mit einer freien Wirtschaft, die trostlose Verwandlung in ein Obervolta mit Atomraketen.“

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